„Heinz war damals schon viel älter als ich! Ich glaube so etwa 17. Ein Rocker aus Detmold, aber ein dufter Typ. Rauhe Schale, guter Kern. Meine erst große Liebe, aber wir sahen uns nie wieder. Einmal erhielt ich eine Karte, mit großen ungeübten Druckbuchstaben und voller Fehler. Die Karte enthielt keinen Absender!“
„Denkst du noch oft an ihn?“
„Nein! Es ist auch keine Absicht, dass ich gerade hier an diese Stelle gerannt bin, aber sie gefällt mir“, und nach einer Weile nahm sie ihren Gedankengang wieder auf:
„Ich dachte nur die ersten Tage nach unserer Rückkehr an ihn! Da verspürte ich auch so einen komischen Schmerz in dieser Gegend!“
Dabei deutete sie auf ihr Herz und fuhr fort:
„Die Zeit heilt alle Wunden! Heute möchte ich ihn auch gar nicht mehr sehen, schon um mir eine eventuelle Enttäuschung zu ersparen“, und nach einer erneuten Pause sagte sie sehr leise:
„Und falls die Frage von dir kommt, da war nichts zwischen uns passiert!“
Mit diesen letzten Worten warf sie ihre zierlichen Schuhe hoch in die Luft und ließ sich rücklings ins hohe Gras fallen und da sie noch immer meine Hand umschloss zog sie mich mit hinunter und ich hätte nicht gewußt, was ich in diesem Augenblick lieber getan hätte.
Wie aus weiter Ferne vernahmen wir Stimmengewirr und Gelächter. Es war nahezu windstill. Die Grashalme bewegten sich nur, wenn sie ein Grashüpfer beim Sprung berührte oder irgendein Insekt darauf landete.
Ein schöner Platz! Der richtige Ort für Verliebte.
Im Nacken kitzelte mich ein vorwitziger Grashalm, wie ich dachte! Als ich danach griff, hatte ich ein Riemchen ihres hochhackigen Pumps in der Hand. Sie lachte wieder dieses glockenhelle Lachen und griff mit beiden Händen nach dem vorwitzigen Schuh. Sie ließ ihn fallen und hielt meine Hand fest.
Ich sah auf ihre feingliedrigen, gepflegten Finger mit den in dezentem rosa geschminkten Nägeln, passend übrigens zu ihren wunderschönen Lippen und in der gleichen Farbe wie ihre Zehennägel!
„Wie heißt du eigentlich?“
„Dieter“, gab ich ihr bereitwillig, mit leicht belegter Zunge Auskunft, „und du heißt Uschi, wie ich unschwer an dem Liebesbaum erkennen konnte.“
„Ich bewundere deinen Scharfsinn:“
„Leider teilen meine Lehrer diese Meinung nur ungern.“
„Schade, bist du ein schlechter Schüler?“
„Sagen wir einmal so drei minus, mittelprächtig!“
„Mit anderen Worten, von den Schlechten bist du einer der Besten!“
„Nein, dann möchte ich das eher umkehren! Von den Besten bin ich mit Abstand der Schlechteste!“
Wir lachten beide fröhlich und unbeschwert. Ich hielt noch immer ihr kaltes Händchen.
„Frierst du?“
„Ich habe immer kalte Hände, ich bin ein Fisch.“
„Um Himmels willen, dann müßte ich immer naß sein, ich bin ein Wassermann.“
Der Scherz gefiel ihr gut und wir legten uns lachend in das satte, grüne Gras.
Ich brachte die Unterhaltung wieder in Gang:
„Weißt du wie ich dich getauft habe?“
„Du mich getauft? Das müßte ich wissen! Wann denn? Du kennst mich doch überhaupt nicht!“
„Ich sah dich sofort als wir vorhin von unserem ersten Rundgang zurückkehrten.“
„Ist es ein schlimmer Name?“
„Ich finde nicht.“
„Dann raus mit der Sprache!“
„Tiger Lilly!“
„Tiger Lilly?“
Sie sah mich ungläubig an.
„Wegen Deines Äußerem.“
„Ach richtig. Es sieht aus wie die Haut eines Tigers.“
„Wuuuaaah...!“
Sie imitierte einen spielenden Tiger, der mit drohend erhobenen Tatzen sein Opfer krallen will.
„Ich ergebe mich“, rief ich lachend.
„Wirklich?“
Ihr Gesicht erschien nun direkt über mir. Ihre langen Haare kitzelten an meiner Nase. Ich mußte niesen, versuchte es aber krampfhaft zu unterdrücken, um die prickelnde Atmosphäre nicht zu zerstören. Ich fühlte ihren heißen Atem.
Herrgott noch mal! Sie jetzt einfach an mich reißen und auf Wolken davonschweben. Ich schloß die Augen, aber es passierte nichts. Ich schien unfähig etwas daran zu ändern und lag stocksteif neben ihr.
„Nein“, hörte ich sie flüstern, „etwas so Schönes sollte man nicht leichtfertig zerstören!“
Dann widerfuhr meinem Mund aber doch noch die erhoffte Sternstunde. Für Bruchteile von Sekunden drückte sie ihre weichen, aber vollen, warmen Lippen auf meinen Mund. Es schmeckte nach Kirschen und Mandeln.
Mit geschlossenen Augen blieb ich liegen. Der Druck ihrer Traumlippen blieb, obwohl sie sich längst erhoben hatte und über mir stand.
Wie spielerisch stellte sie eines ihrer schmalen, zierlich Füßchen auf meine Brust und rief:
„Besiegt!“
Ich öffnete die Augen und blinzelte sie an:
„Habe ich etwas verkehrt gemacht“, fragte ich erschrocken und wollte aufstehen, aber der Druck dieses kleinen süßen Fußes auf meiner Brust hielt an.
Dann genauso plötzlich, wie sie eben noch über mir stand, kniete sie dann neben mir, sah mich ernst mit ihren großen, schönen rehbraunen Augen an und sprach:
„Wenn du dein Taschengeld bekommst, gibst du es doch auch nicht am ersten Tag gleich aus! Du willst länger etwas davon haben.“
Ich blickte zu ihr auf und verstand sie. Mühsam nickte ich. Mein Hals, noch immer zugeschnürt und die Glieder unfähig sich zu bewegen, merkte ich aber, daß sich hier etwas Schönes, etwas Großes anbahnte. Trotzdem war mir hundeelend!
Ich brauchte noch ein paar Minuten bis ich in das Leben zurückkehrte!
Dann empfand ich es aber als ein unglaubliches Glücksgefühl. Ich dachte dabei auch nicht einen Augenblick an Ute.
Ich ergriff Uschis Hand, die sich mir hilfsbereit entgegenstreckte und ließ mich widerstandslos hochziehen.
Für Augenblicke standen wir uns wieder ganz dicht gegenüber. Die Situation schien schon beendet, als ich allen Mut zusammennahm und ihren Kuß erwiderte. Es sollte auch nur ein Hauch von Kuß werden, dennoch verspürte ich sofort wieder diesen sanften Druck ihrer Lippen, der mir bis in die Haarspitzen fuhr.
Dann bückte ich mich nach ihren Schuhen und ergriff mit der anderen Hand ihr eiskaltes Händchen.
Wir hielten uns noch immer an den Händen, als wir zu unserer Herberge zurückkehrten, wo die Mehrheit unserer Mitschüler und Schülerinnen sich bereits am Abendtisch versammelt hatten. Der Rest stand vor dem Haus und sah unserer Rückkehr interessiert entgegen.
Ein paar Meter vor dem Haus blieb Uschi unvermittelt stehen, nahm mir ihre Pumps aus der Hand und zog sie an:
„Du kannst doch nicht mit meinen Schuhen in der Hand da hinein marschieren“, lachte sie.
Zum ersten Mal stand sie nun mit ihren Schuhen vor mir und ich mußte feststellen, daß sie nun fast meine Größe erreichte!
Als wir uns im Kreis unserer Mitmenschen befanden, rief uns Rüdiger zu:
„Romeo und Julia sind zurückgekehrt. In Anbetracht der Kürze der Zeit, die sie uns mit ihrer Abwesenheit erfreuten, darf man annehmen, daß sich beide ihre Jungfräulichkeit erhalten haben!“
Ich nahm an, daß der Betroffene keine Antwort erwartete und wollte wortlos an ihm vorbei, was mir allerdings nicht so ohne weiteres gelang, da wir uns auch weiterhin an den Händen festhielten.
Uschi gefiel die Bemerkung überhaupt nicht und antwortete eiskalt im Vorbeigehen:
„Du solltest zukünftig nicht nur deine Hände vor dem Essen waschen, sondern auch deinen Mund! Er ist dreckig und schmierig!“
Hallo, das saß. Besser konnte man so eine dämliche Bemerkung nicht kommentieren.
Großes Gelächter begleitete uns auf dem Weg in den Aufenthaltsraum,
Noch immer Hand in Hand, merkten wir die neugierigen Blicke, die uns fast bis auf die Haut auszogen. Für mich entsprach dieser Auftritt nicht meinen üblichen Gewohnheiten. Nicht so für Uschi.
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