Zacharias schüttelte entschieden mit dem Kopf. „Nein, auf keinen Fall. Wir sind mit der Haushälterin noch mal alles durchgegangen. Es fehlt nichts. Aber du hast Recht, es muss nicht zwingend einer ihrer Kunden gewesen sein. Wir müssen einfach in alle Richtungen ermitteln. Zuerst wollen wir uns auf alle die konzentrieren, die Frau Bahran sehr häufig besucht haben. Das sind ungefähr zehn. Wenn du willst, können wir einige auch zu Hause besuchen.”
Sie nickte. „Im privaten Umfeld geben die Menschen immer mehr von sich preis.”
„Es gibt auch noch eine ganz wichtige Spur, die belegt, dass der Mord kein Raubmord war, sondern wahrscheinlich ein persönliches Motiv zugrunde liegt.”
Zacharias reichte Karla eines der vergrößerten Tatortfotos und eine zusätzliche Lupe. Angestrengt sah sich Karla das Bild eine Weile an. „Was steht hier? Das Wort Nein ?“
Er nickte.
„Was hat das zu bedeuten?”
Zacharias zuckte ratlos mit den Schultern. „Ich habe nicht die geringste Ahnung. Aber es muss jemand geschrieben haben, der in einer sehr persönlichen Verbindung zum Opfer stand.”
„Ja.”, gab Karla ihm Recht. „Es klingt fast wie ein Hilferuf. So als wollte jemand unbedingt etwas abwehren. Aber was nur?” Sie sah sich das Bild erneut an. „Ist das Blut? Die rote Farbe?” Sie schlug erschüttert eine Hand vor der Mund. „Hat das der Mörder mit Blut geschrieben?”
„Ja, es ist das Blut seines Opfers.”
„Gruselig! Übrigens, wäre es möglich, dass ich mir die Leiche ansehen könnte?”
„Ja, natürlich. Am besten morgen früh. Lass uns jetzt einfach an die Arbeit gehen. Für heute Nachmittag habe ich übrigens noch einmal die Haushälterin herbestellt. Gertrud Häberlein. Eine treue Seele, die seit Jahren für Frau Bahran gearbeitet hat.”
„Hast du nicht erzählt, dass sie die Leiche gefunden hat?”
„Richtig, und ich glaube, den Schock hat sie immer noch nicht überwunden.”
Karla betrachtete die restlichen Bilder vom Tatort. „Kein Wunder, bei dem vielen Blut!”, bemerkte sie. „Also los, worauf warten wir noch? Fangen wir an.”
Freitag, der 12. August
Zuerst war sie ihm aufgefallen, weil sie so zitterte. Trotz der Hitze.
Ihr ganzer Körper schien verkrampft zu sein und sie hatte ihre Arme um den Bauch geschlungen. Sie stand direkt neben ihm. Sonst hätte er das wahrscheinlich nicht bemerkt.
Hans Schieferstein sah wieder zu seiner Frau. Sie fing leise an zu schluchzen, weil durch die geöffnete Tür der Friedhofskapelle eine wehmütiges Lied nach draußen klang.
Time to say Goodbye . Wie passend, dachte er. Und wie traurig.
„Kannten Sie Frau Bahran gut?”, sprach er flüsternd die Fremde an, die immer noch rechts neben ihm stand, wobei er gleichzeitig den Arm um die Schultern seiner Ehefrau gelegt hatte.
Die junge Frau nickte. Wie alt mochte sie sein? Vielleicht um die dreißig?
„Für uns hat sie auch so vieles getan. Meiner Frau hat sie ein ganz neues Leben geschenkt.” Er blickte zu ihr und auch Marianne sah sie an und ihr Tränenstrom versiegte für eine Weile. Das Lied war zu Ende. Gleich, es würde nicht mehr lange dauern, würden die engsten Verwandten aus der Kapelle strömen und die wartenden Trauergäste würden Frau Bahran auf ihrem letzten Weg begleiten, bis ihr Sarg in das Grab gelassen wurde. Er schluckte bei diesem Gedanken.
„Was schätzen Sie, wie viele Menschen sind heute hier?”, fragte ihn jetzt die Frau neben ihm. Ihre Stimme zitterte leicht. Sie tat ihm leid.
„Mindestens zweihundert.”, antwortete er. „Kein Wunder, so beliebt wie sie war.”
Die Frau nickte erneut. „Sie sagten, sie hat Ihrer Frau geholfen?”
„Ja, meine Frau war schwer krank. Fibromyalgie!”
„Oh!” Sie wirkte betroffen, aber er war sich nicht sicher, ob sie wusste, was das für eine Krankheit ist. Die meisten Menschen wussten es nicht.
Aber er scheute sich, einer Fremden die genauen Beschwerden und Schmerzen seiner Frau zu erklären, schon gar nicht in ihrem Beisein. „Das ist eine Faser-Muskel-Erkrankung.”, sagte er nur. Marianne Schieferstein lächelte scheu. Obwohl die Krankheit wahrlich nicht zum Lächeln war. „Unglaublich schwere Schmerzen an der Muskulatur und den Gelenken bis zur völligen Erschöpfung.” Sie drückte den Arm von Hans. „Wenn ich meinen Mann nicht gehabt hätte. Und Madame Bahran.”
Die Frau hatte interessiert zugehört. „Und Frau Bahran hat Sie geheilt?” Ihr Zittern hatte nachgelassen und sie kramte in ihrer Handtasche um ein Taschentuch herauszuziehen.
Plötzlich reichte sie beiden die Hand. „Entschuldigung ich habe mich nicht vorgestellt, mein Name ist Sonja Aust.”
Das Ehepaar lächelte sanft und nannte ebenfalls ihren Namen.
„Es gibt keine Heilung für diese Krankheit. Aber durch Frau Bahran bin ich heute fast beschwerdefrei. Sie hat mir so unglaublich viel Energie vermittelt.”, erklärte Marianne.
„Mir hat sie ebenfalls geholfen. Ich war so ausgebrannt. Und dann diese schlimmen Magenschmerzen. Aber die Therapie hatte gerade erst begonnen. Und dann stirbt sie. Schlimmer noch, sie wird ermordet.” Mit dem Taschentuch tupfte die Frau vorsichtig über ihre Augen. „Ich hätte sie noch so gebraucht. So sehr!”
Das Ehepaar Schieferstein nickte mitfühlend. „Wie wir alle!”, sagte Hans Schieferstein mit ernster Stimme.
Die Tür der Kapelle wurde noch weiter geöffnet und der Trauerzug setzte sich in Bewegung. Zuerst der Pfarrer, begleitet von zwei Messdienern. Dann folgte der Sarg, auf dem so viele Blumen lagen, dass man das Holz nicht mehr sehen konnte.
„Die vielen bunte Blumen.”, flüsterte Sonja Aust. „Sie liebte Blumen. Besonders die aus ihrem Garten.”
„Ja! Ich weiß!”, erwiderte Marianne Schieferstein traurig. Gerade waren die Verwandten der Toten an ihnen vorbei gegangen. Die Sonne brannte erbarmungslos. Man sah allen an, wie sehr sie in ihrer schwarzen Kleidung schwitzten. Eine Frau, in den mittleren Jahren, weinend, ging direkt hinter dem Sarg, daneben ihr Mann und drei schon erwachsene junge Leute, wahrscheinlich die Kinder der beiden.
Es musste sich um die Schwester von Madame Bahran handeln, überlegte Hans. Sie hatte öfter über sie berichtet. Und über ihre Nichten und Neffen.
Es folgten noch mindesten zwanzig Verwandte, von denen er niemand kannte. Vielleicht waren sie auch gar nicht hier aus der Stadt, sondern aus allen Richtungen angereist. Komisch, ging es ihm durch den Kopf, wenn jemand stirbt, dann haben plötzlich alle Zeit. Zur Lebzeiten Madame Bahrans hatte wahrscheinlich keiner von ihnen viel Kontakt zu ihr gehabt. Aber vielleicht wollte sie das ja gar nicht. Das konnte auch sein.
Schließlich war sie eine außergewöhnliche Frau gewesen.
„Komm!” Seine Frau zog an dem Ärmel seines schwarzen Anzugs. Und so folgten sie, wie alle anderen, dem Trauerzug bis zum Grab. Hans Schieferstein sah sich um. Die nette Dame, wie hieß sie noch gleich, ach richtig, Sonja Aust, hatten sie aus den Augen verloren.
Ein nettes Ehepaar, dachte Sonja. Sie konnte sie nur noch von hinten sehen, wie sie langsam aber stetig von dem Trauerzug mitgezogen wurden. Sie selbst hatte noch einen Augenblick gewartet und sich dann eingereiht. Die beiden passten äußerlich überhaupt nicht zusammen, fiel ihr auf. Die Frau, schmal, mit blassem Gesicht, fast einen Kopf größer als er, und ihr Mann, klein und rund, wie zusammengepresst in seiner Statur.
Aber sie wirkten trotzdem wie eine Einheit. Wahrscheinlich hatte sie die Erkrankung der Frau noch enger zusammen geschweißt. Fibromyalgie. Sie hatte darüber gehört. Nicht besonders viel, aber genug, um zu wissen, wie schrecklich diese Krankheit für die Betroffenen sein musste.
Was sind meine Sorgen dagegen, dachte sie beschämt, wahrscheinlich nichts.
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