„Unter irgend einem der Sitze. Ich hab es ihm aus der Hand geschlagen.”
Er lächelte erleichtert. „Ihr scheint mächtig in Form zu sein, auf dem Lande.”
Der Jugendliche stöhnte auf, und versuchte, sich schimpfend aufzurichten. Karla drückte ihn erneut mit ihrem Fuß runter und zog einen Fotoapparat aus ihrer Handtasche. Während Zacharias ihm seinen Polizeiausweis unter die Nase hielt, drückte Karla auf den Auslöser.
Die Straßenbahn hielt erneut. Die Frau neben dem Mädchen stand auf und quetschte sich wortlos mit gesengtem Blick an ihnen vorbei in Richtung Ausgang.
Karla konnte nicht anders. „Vielen Dank für ihre Hilfe!”, schrie sie ihr laut hinterher.
Die anderen Fahrgäste schauten beschämt zu Boden.
Zacharias wies den Fahrer an, noch einen Moment zu warten, was dieser genervt befolgte. Es hätte keinen Zweck gehabt, ihn zu ermahnen, dachte Zacharias, wahrscheinlich erlebte er solche Situationen öfter, und warum das eigene Leben für andere riskieren.
„Lass ihn aufstehen, Karla.”, sagte er zu seiner Kollegin. Der Kerl rappelte sich nach oben. Wahrscheinlich noch keine sechzehn Jahre alt, schätzte Zacharias. Jetzt stöhnte er, weil ihm alle Knochen wehtaten. Geschah ihm nur recht.
„Verdammt, wahrscheinlich habe ich mir was gebrochen.”, jammerte er weinerlich.
„Pass auf, du Idiot!”, sagte Karla zu ihm und fixierte ihn mit einem undurchschaubaren Blick. Sie strich ihm mit spitzen Fingern über die Schulter, so als wollte sie, wie in einem Westernfilm, ein paar Staubkrümel von seinen Sachen fegen. Der Typ versuchte, ihrem Blick auszuweichen. Die Sache musste für ihn ungeheuer demütigend sein.
Nieder gerafft durch einen simplen Abwehrgriff der Polizei. Noch dazu von einer Frau.
„Ich habe ein Foto von dir gemacht. Sollten wir dich in den nächsten Tagen noch einmal irgendwo antreffen, nehmen wir dich mit und stecken dich für vierundzwanzig Stunden in die JVA. Da gibt’s ganz nette Jungs. Wirst sehen, die Zeit vergeht dort wie im Flug.”
„Verstanden?” fragte Zacharias.
Der Kerl nickte mit leicht zitterndem Blick und wagte kein Wort mehr zu sagen.
Zacharias packte ihn am Kragen und schob ihn zur Tür. „Und jetzt raus hier. Wenn du deinen feigen Kumpel suchst, der ist schon an der letzten Haltestelle abgehauen.” Der Jugendliche stolperte nach draußen und sah zu, dass er schnellstens um die nächste Häuserecke aus ihrem Blickfeld verschwand. Die Türen schlossen sich. Und jetzt klatschten tatsächlich die Fahrgäste erleichtert Beifall.
„Wir sind von der Polizei, alles in Ordnung!” Zacharias sprach laut und deutlich und hielt noch einmal, für alle Fahrgäste sichtbar, seinen Ausweis in die Höhe. In der dritten Reihe stand eine junge Frau auf. Sie trug trotz der enormen Hitze einen dieser Schlapphüte, die in den Siebzigern modern waren und unverständlicherweise in der heutigen Mode wieder auftauchten. Scheu reichte sie dem Kommissar das Messer, das sie unter ihrem Sitz gefunden hatte, ein ziemlich gefährlich aussehendes Teil, das Karla zum Verhängnis hätte werden können, dachte Zacharias voller Sorge.
Er steckte das Messer ein und ging zu Karla, die neben dem Mädchen Platz genommen hatte. Sie hatte einen Arm um die noch immer vor Angst zitternden Schultern des Kindes gelegt.
„Alles in Ordnung?”, fragte Zacharias.
„Ja, das hier ist Nadine.”, antwortete Karla. Zacharias nickte dem Mädchen aufmunternd zu. „Nett, dich kennen zu lernen, Nadine.” Die Kleine lächelte schüchtern zurück.
„Nadine hat mir erzählt, dass sie an der nächsten Haltestelle von ihrer Mutter abgeholt wird. So lange bleiben wir bei dir, versprochen. Und hab keine Angst. Dieser Typ wird dich nie wieder ansprechen, das weiß ich genau.”
Als er den Fotoapparat sah, den Karla immer noch in ihrer Hand hielt beugte sich Zacharias zu den beiden. „Ist das deine neue Kamera, von der du mir erzählt hast? Die preiswerte aus dem Discounter?”, fragte er amüsiert.
Karla nickte. „Ja!”
„Entschuldige die Frage.”, drückte er sich umständlich aus. „Aber wolltest du damit nicht Sehenswürdigkeiten fotografieren?”
Sie lachte und das Mädchen sah bewundernd zu ihr rauf. „Klar, den Dom hab ich auch schon drauf.”
„Mann, ihr habt euch aber Zeit gelassen!” Das war der erste Satz, den Steffen Döber aussprach, als sie das Polizeipräsidium endlich erreicht hatten.
Zacharias stellte den schweren Koffer ab. „Die Frau Albrecht musste sich erst noch um ein paar Ganoven kümmern?”
„Was?”, fragte Steffen irritiert und zog die Stirn kraus.
Zacharias winkte ab, als Karla hinter ihm den Raum betrat. „Erzähl ich dir später. Das hier ist Karla Albrecht, unsere Kollegin für die nächsten Wochen, Karla, darf ich dir Steffen Döber vorstellen?”
Er stand in der Mitte, als sich beide zögerlich die Hand reichten. Mit erstauntem Blick bemerkte Zacharias, dass Steffen sich rasiert hatte, was er sonst nie tat. Er war immer der Meinung, dass sein Dreitagebart männlich aussah, eine Tatsache, die Zacharias ihm immer auszureden versuchte. Meistens ohne Erfolg. Er selbst konnte sich nicht vorstellen, morgens unrasiert das Haus zu verlassen.
„Freut mich, Sie kennen zu lernen.”, sagte Karla und setzte ein verschwitztes Lächeln auf. Steffen nickte nur, während seine Augen wagten, einen Blick auf Karlas großen Busen in einem, zugegeben, sehr engem T-Shirt, zu werfen.
„So!”, versuchte Zacharias das Schweigen zu unterbrechen. „Pass auf, Karla, wir haben dir hier einen Schreibtisch freigemacht, der entsprechende Kollege ist krank. Du kannst dich da ausbreiten.” Er ging zu dem Schreibtisch und nahm ein paar Akten an sich, die jemand eilig auf den Tisch geworfen hatte.
„Hören die schon zu dem Fall?”, fragte Karla. Als Zacharias dicht neben ihr stand und den Computer einschaltete, nickte sie fast unmerklich in Richtung Steffen, der am anderen Ende des Raumes an seinem Schreibtisch saß und sich schon wieder in die Mappen, die sich dort stapelten, vertieft hatte. Jedenfalls tat er so.
„Bist du dir sicher, dass es ihm nichts ausmacht, wenn ich diesen Schreibtisch benutzten würde. Ich meine ich kann auch woanders…!", flüsterte sie.
„Nein, nein, das hier ist dein Schreibtisch. Das habe ich so beschlossen und Punkt. Aber die Akten, die hier lagen gehören nicht zu dem Fall. Keine Ahnung, wer die dort hingelegt hat.”
„Habt ihr denn noch andere Mordfälle zu bearbeiten?”
„Im Moment Gott sei Dank nicht. Anscheinend ist es den Mördern auch zu heiß und sie bleiben lieber zu Hause.”, antwortete er und lächelte. „Aber das kann sich ja bekanntlich sehr schnell ändern.”
„Habt ihr schon Leute vernommen?”
„Ein paar. Eine Frau, die ziemlich oft bei Frau Bahran war, ist schon hier gewesen. Ich hole dir gleich das Protokoll. Außerdem haben wir bereits über zwanzig angerufen, die nur ein einziges Mal oder nur wenige Male bei ihr waren. Das hat aber bis jetzt nichts gebracht. Mit den anderen wollte ich warten, bis du da bist.”
Sie grinste. „Oh, das ehrt mich aber sehr. Und ihr seid fest davon überzeugt, dass es einer ihrer Kunden war, der sie umgebracht hat?”
Zögerlich erwiderte er. „Na, ja. Kann man im Moment noch nicht wirklich sagen. Aber sie hatte sonst keine Kontakte und keine Verwandte. Außer ihrer Schwester. Die ist Freitag angereist. Wir haben schon mit ihr gesprochen. Viel Kontakt hatten die beiden nicht. Waren wohl zu unterschiedlich. Behauptet die Schwester jedenfalls. Trotzdem war sie ehrlich betroffen vom Tod ihrer Schwester. Sie selbst ist verheiratet, hat drei Kinder, führt ein völlig anderes Leben wie Frau Bahran und ich glaube, so richtig konnte sie mit der Berufung ihrer Schwester, als Geistheilerin, nichts anfangen.”
Nachdenklich rieb sich Karla das Kinn. „Also, ich wäre auch skeptisch, wenn einer aus meinem näheren Umfeld so etwas anbieten würde. Außerdem gibt’s verdammt viele schwarze Schafe auf dem so genannten Isotherikmarkt. Vielleicht war es ja auch ganz anders, und der Mörder ist jemand völlig Fremdes. Oder ein Nachbar. Ein früherer Bekannter. Keine Ahnung. Oder ein Raubmord? Ein überraschter Einbrecher.”
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