An das wohlverdiente viele Geld.
Die Reisen.
Die Ruhe.
Leben und Lieben, wie man wollte.
Würde es dann zu spät sein für ein Kind?
Er merkte, dass dieser Gedanke ihn traurig machte.
Freitag, der 05. August
Hans Jürgen Michaelis legte die Zeitung zur Seite und widmete sich wieder seinem Milchbrötchen und dem halb warmen Kaffee. Eigentlich hatte er gedacht, gestern Nacht mal früher ins Bett zu kommen, aber es gab immer wieder den ein oder anderen Saufkumpanen, der einfach nicht nach Hause gehen wollte. Mit zunehmendem Alter ging es ihm immer mehr auf die Nerven, jeden Abend den sich dauernd wiederholenden Lebensgeschichten zu lauschen, bei denen ständig die gleichen Begebenheiten auf den Tisch kamen, und die Männer und auch ein paar einzelne Frauen mit glasigen Augen, in denen sich der jahrelange Alkoholkonsum spiegelte, ihm, versunken in ihrem Selbstmitleid, die Ohren voll stöhnten. Hörte das denn nie auf? Merkten diese Trottel nicht, dass sie, meistens jedenfalls, an ihrem eigenen Schicksal kräftig mitgebastelt hatten? Nein, anscheinend nicht. Er dachte in letzter Zeit häufiger daran, die Kneipe einfach dicht zu machen, das Geld zu nehmen, und irgendwo neu anzufangen. Aber mit neunundfünfzig war das auch nicht so einfach. Vielleicht sollte er die Kneipe früher schließen, dachte er müde. Die Leute einfach spätestens um elf nach Hause schicken und Schluss.
Er kam sich bisweilen vor, als wäre er der Psychiater seiner Kundschaft. Unglaublich, was die ihm so alles erzählten. Die konnten froh sein, dass er so diskret war. Aber in diesem Fall. Er nahm sich erneut den Bericht in der Zeitung vor. In diesem Fall ist es etwas anderes, entschied er.
Bei Mord hört der Spaß auf. In irgendeiner Weise musste er handeln. Sollte er sofort die Polizei einschalten?
Er entschied sich, ihn zuerst zu Hause aufzusuchen. Schließlich wohnte er direkt um die Ecke. Hans Jürgen sah auf seine Uhr. Zehn Uhr dreißig. So viel er mitbekommen hatte, müsste er jetzt zu Hause sein. Heute hatte er Spätschicht. Der Bierlieferant würde erst in zwei Stunden kommen, also blieb ihm noch genug Zeit. Er schwang sich von seinem Barhocker, faltete die Zeitung zusammen und steckte sie in seine Lederjacke. „Bin mal eben kurz weg!”, rief er der Putzfrau zu. Diese nickte wie immer und rückte ihr Kopftuch gerade. Meistens verstand sie nicht, was er sagte und sie verständigten sich in einer Art Zeichensprache. Aber das war ihm egal, weil sie die fleißigste und zuverlässigste Putzfrau war, die er je hatte.
Draußen zog er sich seine Jacke sofort wieder aus. Diese verdammte Hitze. Er machte sich zu Fuß auf den Weg und ging ein paar Hausecken weiter. Das Kneipenviertel, dass sein Zuhause ist, war um diese Uhrzeit wie ausgestorben. Lediglich ein paar Lieferanten parkten in den dafür vorgesehenen Buchten und trugen Getränkekisten und diverse Kartons in die Gaststätten. Neuer Nachschub für die feierwütigen Nachtschwärmer, die jetzt alle noch schliefen.
Vor dem Haus, in dem der Typ wohnte, parkte ein Möbelwagen. Ein Mann und eine Frau, umringt von mindestens vier kleinen Kindern, packten schwitzend ihre Habseligkeiten in den offenen LKW. Immer mehr Familien verließen diesen Stadtteil seit die jungen, gut verdienenden Karrieretypen das Viertel für sich erwählt hatten. Das war einfach schade.
Zuerst waren es die neuen, unkonventionellen Galerien gewesen, billig angemietet, um neuen aufstrebenden Künstlern eine Plattform zu bieten, die immer mehr die alten Kneipen verdrängt hatten. Dann kamen die vielen seelenlosen Bistros, ein wie das andere gleich aussehend. Anschließend waren die ersten Hausspekulanten hier aufgetaucht und hatten die alten Mieter der Wohnungen und Geschäfte mit horrenden Mieterhöhungen vertrieben. Der Charme des alten Viertels starb langsam aus, dachte Hans Jürgen Michaelis traurig. Im Moment lief seine Kneipe noch recht gut, aber wie lange noch?
Er drückte die Klinke der alten Tür und ging ins Treppenhaus. Die Flure rochen muffig und staubig und es gab keinen Aufzug. In der vierten Etage schnaubte er ein wenig und drückte auf den Klingelknopf mit dem Namen Schlüter.
Pascal öffnete. Wie immer sah er krank aus. Er war blass und um seine Augen lagen tiefe schattige Augenringe. Wortlos ließ er ihn in die Wohnung. Im Wohnzimmer legte er sich auf sein Sofa und zündete sich eine Zigarette an.
„Was willst du?”, fragte er genervt. „Ich habe nachher Spätschicht und ich muss noch pennen, sonst bin ich nicht fit.”
Hans Jürgen Michaelis kam sofort zur Sache. Das Ganze war ihm sowieso unangenehm, also wollte er so schnell wie möglich wieder weg.
„Hast du´s gelesen, in der Zeitung?”
„Was?”
„Na, der Tod dieser Wunderheilerin?”
„Geistheilerin.”
„Ja, von mir aus. Und, hast du es gelesen?”
„Natürlich hab ich es gelesen. Was interessiert dich das? Du hast das doch immer für Humbug gehalten.”
„Das spielt jetzt keine Rolle. Tatsache ist, sie ist tot.”
„Ja, verdammt, ich weiß. Schlimm genug. Aber was willst du von mir?”
„Du scheinst dich nicht an Sonntag zu erinnern?”
„An Sonntag?”
„Ja, genau.”
„Was war denn am Sonntag?”
„Da warst du bei mir, in der Kneipe, schon vergessen?”
„Ja, und?”
„Mensch, Pascal, du bist total ausgeflippt wegen der Frau. Hast dir wie verrückt einen angesoffen, und dann rumkrakelt, ziemlich wüst über sie geschimpft, und angedroht, noch an dem Abend hinzugehen und ihr richtig die Meinung zu sagen.” Hans Jürgen erinnerte sich noch, wie er sich vorgenommen hatte, einfach nicht genau hinzuhören, wie er es meistens tat, wenn einer seiner Stammgäste austickte. Und das kam nicht selten vor, war aber meistens harmlos. Aber Pascal hatte es am Sonntag etwas übertrieben. Und so laut rum geschrien, dass man quasi gezwungen war, zu zuhören. Richtig hasserfüllt hatte das geklungen, was er über die Frau gesagt hatte.
„Mann, ich war besoffen. Ich rede viel Scheiße, wenn ich besoffen bin.”
Hans Jürgen stöhnte. Er nahm seine Lederjacke vom Arm und zog den Zeitungsartikel heraus. „Ich will wissen, ob du da gewesen bist. Hier steht es.” Er zeigte auf den zerknitterten Artikel. „In der Nacht von Sonntag auf Montag wurde sie ermordet. Jetzt sag mir endlich, ob du noch da hingegangen bist, als du bei mir aus der Kneipe raus warst.” Wütend wischte er sich den Schweiß von der Stirn. „Ich muss das wissen!”, betonte er nochmals.
Pascal war mit einem Satz vom Sofa gesprungen und schrie ihn wie von Sinnen an. „Bist du jetzt total bescheuert. Du glaubst wirklich, ich hätte die Alte umgebracht? Das glaubst du wirklich, hä?” Er schubste den Kneipenwirt derart heftig, dass dieser fast nach hinten gestolpert wäre.
„Was soll ich denn glauben, was? Ich meine, du schreist Sonntagabend in der Kneipe herum, dass du zu dieser Frau willst, um ihr die Meinung zu sagen. Was soll ich da glauben? Überleg dir doch mal, wie viele Leute das mitbekommen haben. Alle. Und wie wird das für dich aussehen? Ich würde ja noch meinen Mund halten, aber die anderen? Verdammt, sie ist tot. Was um Himmels Willen hast du da bei ihr gemacht?”
„Nichts, gar nichts. Ich hab dir doch schon gesagt, ich war nicht da, geht das endlich in deinen Schädel.”
„Aber du warst doch sonst immer da. Das weißt doch jeder.”
Pascal kratzte sich am Kopf und jetzt war sein Gesichtsausdruck trotzig. „Aber an dem Abend nicht. Ich bin sofort nach Hause gegangen, als ich von dir kam, das schwöre ich.”
„Gibst da irgendwelche Zeugen?”
„Du fragst schon wie ein beschissener Bulle.”
„Die werden dich noch was ganz anderes fragen.”
„Hab schon eine Vorladung.”
„Was?”
„Ja, nächste Woche muss ich hin.”
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