Solveigh nimmt das Memory- Spiel vom Küchenschrank und legt die Karten auf den Tisch. Es ist eine Variante mit Tierpärchen. Einige Bilder findet sie besonders niedlich und zeigt mir Elefanten, Giraffen und Schimpansen. Dann verdeckt sie alle Tierkarten und mischt sie mehrmals. Als sie die ersten zwei Karten aufdecken will, klingelt es an der Haustür.
Maria steht auf und öffnet sie. Sie begrüßt mehrere Personen. An den Stimmen erkenne ich Frau Krause und den Türaufhalter. Auch sie grüßen. Die drei betreten die Küche. Maria klärt uns über ihren Besuch auf.
Wieder ist es Frau Krause, die zuerst mit uns spricht. „Wir haben von der Polizei euren Haustürschlüssel bekommen. Ihr wollt bestimmt eure eigenen Sachen haben. Wir wollen mit euch und Frau Steiner zu euch nach Hause fahren, damit wir eure Sachen holen können.“ Sie betont ihre Sätze so, als ob wir einen schönen Ausflug machen würden und lächelt uns dabei an.
Meine Schwester verwirrt ihr Gerede. „Wenn du unseren Schlüssel hast, können Louna und ich zu Hause bleiben. Wir können dann immer wieder ins Haus, wenn wir aus der Schule kommen oder draußen gespielt haben oder einkaufen waren.“ Der Türaufhalter sagt auch etwas. „Das geht nicht. Ihr seid Kinder und Kinder können nicht alleine wohnen. Eure Eltern sind nicht mehr da. Jetzt müssen sich andere Erwachsene um euch kümmern. Jemand wie Herr und Frau Steiner.“
Maria sieht Herrn Meyer böse an, weil er wie eine Computerstimme redet. Solveigh starrt ihn mit großen Augen an und kämpft gegen ihre Tränen an. Ihre Unterlippe fängt an zu zittern und ihr fehlt die Kraft, dagegen zu halten. Dicke Tränen kullern über ihre Wangen, auf ihr Blumenkleid. Ein Tränenmeer ergießt sich wie ein Regenschauer über die Blumen. Maria nimmt meine kleine Schwester in den Arm und versucht sie zu trösten.
Auch Frau Krause schüttelt verständnislos den Kopf Richtung Türaufhalter. Nun ist ihm sein Auftreten peinlich und er schaut verlegen aus dem Fenster. Frau Krause meint, es wäre besser, wenn Frau Steiner mit uns in ihrem Auto hinterher fahren würde. Maria nickt zustimmend und sie kann Solveigh zum Aufstehen bewegen.
Herr Meyer und Frau Krause fahren im roten Ringauto vor und wir folgen ihnen in Marias Auto. Inzwischen hat Solveigh sich beruhigt und kann wieder reden. Sie erzählt von unserem Haus und ihrer Ente Piepsi, die sie unbedingt mitnehmen will. Sie zählt eine Liste von Dingen auf, die ihr fast genauso wichtig sind. Für mich hat sie auch eine Liste und erwartet meine Zustimmung. Ich antworte nicht und sie erzählt Maria von ihrer Freundin Nelly aus der Schule.
Ich schaue aus dem Fenster und sehe bekannte Dinge, die keine Bedeutung für mich haben. Ich weiß nicht, wie oft ich sie schon gesehen habe und es ist mir egal. Nur einen kurzen Augenblick sehe ich Solveigh an. Sie hat heute keine Zöpfe. Nicht mal einen praktischen Zopf. Das macht Mama immer, jeden Morgen. Mama war wohl heute Morgen nicht da.
Meine Schwester zappelt in ihrem Sitz herum und plappert ununterbrochen weiter, weil wir gleich an unserem Haus ankommen. Sie sieht bekannte Menschen und nennt ihre Namen. Sie erzählt auch, wer in welchem Haus wohnt oder in welchen Geschäften wir einkaufen. Maria hat eine Engelsgeduld mit meiner Schwester und hört ihr aufmerksam zu. Je näher wir unserem Haus kommen, desto aufgeregter wird sie.
Das rote Ringauto fährt zuerst in unsere Hofeinfahrt und dann wir. Maria öffnet unsere Autotüren und ich steige aus. Solveigh ist plötzlich ganz still und guckt komisch zu Boden. Maria schnallt sie ab und fragt, warum sie nicht aussteigen wolle. Langsam dreht sie der Frau ihr Gesicht zu und flüstert ihr etwas ins Ohr. Und sie flüstert meiner Schwester etwas zurück. Ich kann es nicht hören. Als sie aussteigt, sehe ich, dass Solveighs Kleid vorne nass ist. Maria nimmt sie an die Hand und sie geht hinter ihr her.
Herr Meyer hat inzwischen unsere Haustür aufgeschlossen und hält für alle die Tür auf. Frau Krause geht als Erstes, dann Maria mit Solveigh. Ich will ihnen nicht folgen. Es ist ein falsches Bild. Die fremden Menschen gehören nicht in unser Haus. Ich starre die Hauswand an und fange an, alle Fenster zu zählen. Ich zähle einmal, zweimal, dreimal, immer weiter. Nach jedem Zählen habe ich bereits das Ergebnis sofort vergessen und beginne von vorne, bis Maria meine Hand nimmt und ich ihr irgendwie folge.
Es sind nur zwei Stufen bis zur Haustür und doch dauert es eine Ewigkeit, bis ich durch sie hindurchgehen kann. Herr Meyer wartet, bis wir im Flur sind und schließt hinter mir die Tür. Er schließt sie zu schnell, und der laute Knall erschreckt mich. Ich zucke zusammen. Maria erschreckt sich ebenfalls und lässt meine Hand los. Solveigh starrt mich mit großen Augen an.
Es ist dunkel im Flur, weil er keine Fenster hat. Die Türen der einzelnen Räume sind teilweise geöffnet, aber das Tageslicht reicht nicht aus, um den Flur richtig zu erhellen. Unsere Augen müssen sich auf das trübe Licht einstellen. Das Weiße in den Augen meiner Schwester sticht hervor und verleiht ihr für einen Moment das Aussehen einer Gespensterpuppe. Dieses Gesicht ist irgendwie gruselig. Maria schlägt vor, zuerst unsere Sachen einzupacken. Die Leute vom Jugendamt nicken uns zu und gehen einfach in unsere Küche.
Mama und Papa finden so ein Benehmen unhöflich. Man wartet auf eine Einladung oder fragt um Erlaubnis.
Solveigh geht die Treppe nach oben, direkt in ihr Zimmer. Sie geht hinter die Tür und zieht ihre nassen Sachen aus. Sie weiß schon, was sie anziehen will, denn sie greift gezielt zu einem Kleiderbügel und streift das neue gelbe Kleid vom Bügel. Flink lässt sie es über ihren Kopf gleiten und zieht anschließend eine neue Unterhose an.
Die Kinderzimmertür steht einen Spalt offen. Der bunte Schriftzug ihres Namens auf der Tür sieht verrutscht aus. Sie mag es gerne kunterbunt, deshalb hat jeder Buchstabe eine andere Farbe und ist mit verschiedenen Mustern verziert.
Solveigh liebt „Pippi Langstrumpf“. Als Mama uns das Buch vorgelesen hat, hat meine Schwester unser Haus auf den Namen „Villa Kunterbunt“ getauft. Sie hat dafür sogar eine kleine Feier geplant. Die hat sie mit einer Haustaufe eröffnet. Solveigh hat mit unserem Gartenschlauch unser Haus rundherum nass gespritzt. Anschließend haben wir vier Schokomuffins mit bunten Streuseln gegessen. Die hat sie extra mit Mama dafür gebacken. Das Beste an der Feier war das Pippi- Spiel. Solveigh hat alles Mögliche in ihr Zimmer gestellt: Stühle, Hocker, Eimer und Kisten. Wir mussten von einem Teil auf das andere gelangen, ohne den Boden zu berühren. Das war ein großer Spaß. Mama wollte ihr nicht den Spaß verderben und hat sofort eingewilligt. Papa fand die Idee für seine Kinder toll, für sich selbst nicht. Meine Schwester konnte ihn noch überreden. Und dann hatten wir alle großen Spaß. Solveighs Freude und gute Laune konnten Papas Herz erweichen, sodass auch er schnell Spaß an der Sache hatte. Nach unzähligen Runden sind wir lachend in ihr Bett gefallen und Papa hat das Pippi- Spiel zur besten Spielidee ernannt. Beim Abendessen haben wir noch lange über das lustige Spiel geredet und Solveigh erklärte uns, dass sie eigentlich das richtige Pippi- Spiel mit den Scheuerbürsten unter den Füßen spielen wollte. Sie konnte den Teppich nicht aus ihrem Zimmer bekommen und hatte sich deshalb eine andere Variante überlegt. Mama schaute überrascht und meinte, ihr Pippi- Spiel sei viel besser.
Als ich das Zimmer betrete, sitzt Solveigh auf ihrem Bett und drückt ihre Ente Piepsi ganz fest an ihr Gesicht. Maria setzt sich zu ihr und lässt ihr einen Moment Zeit. Ich bleibe in Türnähe stehen und sehe meiner Schwester beim Kuscheln zu. Maria hat inzwischen einen Arm um sie gelegt. Die Frau auf Solveighs Bett, die dort nicht sein sollte, sieht mich an und fragt: „Willst du schon mal in dein Zimmer gehen?“ Ich sage nichts und starre sie an. Ich will nicht in mein Zimmer gehen, aber auch nicht bei Solveigh und ihr bleiben. Ich weiß nicht, was ich tun soll.
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