Ich gehe zurück zu meinem Bett, setze mich hin und widme mich weiter dem Himmelsschauspiel. Ich schaue ihm noch eine Weile zu, bis mir die Augen schwer werden. Ich will nicht schlafen. So lange der Mond noch da ist, will ich wach bleiben. Mehrmals zwinge ich meine Augen geöffnet zu bleiben, doch sie wollen einfach nicht gehorchen. Meine Augenlider drücken sich mit aller Macht nach unten. Sie wollen mich in den Schlaf zwingen. Ich versuche sie auszutricksen. Ich lege mich hin und lasse meine Füße auf dem Boden, damit ich es unbequem habe. Einen Moment habe ich die Oberhand, denn so können sich meine Augen nicht aufs Einschlafen konzentrieren. Mein Siegestriumpf währt nur kurz, ich schlafe doch ein.
Solveigh kommt in mein Bett und kriecht unter meine Decke. Blinzelnd erwache ich, denn die Sonne blendet mich. Die Luft im Zimmer ist bereits von der Sonne erwärmt. Es ist eine wohlige Wärme. Ich spüre die Macht der Sonne auf meinem Gesicht. Es fällt mir schwer, meine Augen richtig zu öffnen. Ein orangeroter Lichtschleier legt sich über meine Augen. Ich muss mich umdrehen, um meine Augen zu öffnen. Solveighs Gesicht ist ganz nah an meinem. Für einen Moment habe ich das Gefühl in ihren strahlend blauen Augen zu versinken.
Meine Schwester lächelt mich an und kuschelt sich näher an mich heran. Ich will das nicht und rücke ein Stück von ihr weg. Ruckartig schnellen ihre Hände unter der Bettdecke hervor und sie hält mir etwas entgegen. Es ist ein Kuscheltier. Sie wirbelt es hin und her, sodass ich nicht erkennen kann, was es für ein Tier ist. „Das ist Anton. Annabel hat ihn mir gestern ausgeliehen, weil ich Piepsi nicht bei mir haben kann. Er riecht nicht so gut wie sie, aber ich konnte mit ihm einschlafen.“
Solveigh hat das Nachthemd von Maria an, es ist pink mit einer Fee darauf. Sie lacht und versprüht mit ihrem Zauberstab kleine, bunte Sterne. Meine Schwester riecht nach Schlaf und ihre Haare duften nach Kokos. Eine lockige Strähne streift mein Gesicht und ich spüre sie kaum auf meiner Wange. Es fühlt sich seidig an. Wahrscheinlich war sie gestern noch in der riesigen Badewanne. Mama hat noch nie so ein Shampoo gekauft. Es riecht so frisch und süß.
Es ist so wie die kleinen weißen Kokoskugeln, die Papa so gerne isst. Am liebsten isst er sie, wenn sie kalt sind. Mama stellt sie ihm jedes Mal in den Kühlschrank, wenn sie ihm welche gekauft hat. Sie sind immer in der gleichen Ecke, unten links auf der Glasscheibe.
Die Tür öffnet sich und Maria kommt herein. Sie stellt sich vor mein Bett und wünscht uns einen guten Morgen. Solveigh erwidert ihren Gruß, strahlt sie dabei aber nicht an. Maria bittet uns zum Frühstück herunter. Meine Schwester steht auf und legt Anton in ihr Bett. Ihre Kleidung ist nicht da, denn Maria hat sie gewaschen. Sie geht an einen der Kleiderschränke und hält Solveigh ein hellblaues Kleid mit weißen Blüten hin. Sie nickt Maria zu und nimmt das Kleid entgegen. Maria sagt mir, ich könne erst einmal duschen oder baden, bevor ich zum Frühstück komme.
Während sich Solveigh umzieht, gehe ich runter ins Badezimmer. Auf einer kleinen Holzbank liegen Handtücher und Kleidung für mich bereit. Ich sehe in den großen, runden Spiegel, der über dem Waschbecken hängt. Irgendwann starre ich nur noch ein lebloses Gesicht an. Es ist mein Gesicht. Ich erkenne mich nicht richtig wieder. Gestern Morgen habe ich noch anders ausgesehen. Mein Blick ist leer und hoffnungslos. Ich will das Gesicht fragen, wer es wirklich ist. Aber es wäre sinnlos. Es würde mir nur antworten, es sei ich. Ich würde es anzweifeln und wir würden diskutieren. Das will ich nicht. Ich bin zu müde dafür.
Ich ziehe mich aus und entdecke auf dem Wannenrand eine Flasche Shampoo. Es steht Kokos darauf. Ich ergreife sie und öffne den Deckel. Es entsteht dieses typische Knackgeräusch, wenn man Shampoo Flaschen öffnet. Sofort schlägt mir dieser frische, süßliche Duft entgegen. Ich will mehr von diesem Duft riechen und halte mir die Flasche direkt unter die Nase. Ich schließe meine Augen und muss an Solveighs seidigen Haare denken. Ich möchte, dass meine Haare sich auch so anfühlen und so gut duften.
Mit dem Shampoo in der Hand drehe ich mich um und sehe noch einmal in den Spiegel. Das andere Ich ist nicht verschwunden. Es ist noch existent. Es ist kein Traum. Graue Augen fixieren mich. Es sind meine Augen. Dunkelblonde Haare umrahmen mein Gesicht. Es sind meine Haare. Das rechte Ohr ist nicht vollständig von diesen Haaren bedeckt und ein roter Ohrstecker in Hufeisenform sticht hervor. Es ist mein Ohrstecker. Im Spiegel, das bin ich und doch bin ich mir fremd.
Die warmen Wasserstrahlen prasseln auf mein Gesicht und wandern von dort über meinen Körper. Die Wärme hüllt mich ein und lässt mich für einen Moment vergessen. Die Duschtür beschlägt allmählich und verwehrt mir bald einen klaren Blick in den Raum. Das warme Wasser umschließt mich immer enger. Meine Arme hängen herunter und drücken sich an die Seiten meines Körpers. Ich senke den Blick und verfolge das Wasser zum Abfluss. Schnell bahnt es sich einen Weg zu den sechs Löchern am Boden, die es verschlingen. Kaum hat es den Boden erreicht, versinkt es in einem tiefen, dunklen Abgrund. Ich beneide das Wasser um seine Fähigkeit. Ich will zu Wasser zerfließen und ihm ins Unendliche folgen.
Ein kaltes Nass lässt mich erschaudern und sagt mir, wo ich bin. Das Wasser ist inzwischen kalt und ich drehe schnell den Hahn zu. Auf der Ablage sehe ich die Flasche Kokosshampoo stehen. Ich rieche an meinen Haaren und sie verströmen nicht den Kokosgeruch wie bei meiner Schwester. Ich resigniere, denn das Wasser ist kalt. Ich verlasse die Dusche und trockne mich ab. Das weiße Handtuch von Maria ist flauschig weich und es riecht sauber.
Mamas Handtücher haben einen leichten Lavendelgeruch. Lavendel hat Mamas Lieblinsfarbe.
Es klopft an der Tür und Maria fragt, ob ich Hilfe bräuchte. Ich antworte ihr nicht. Sie kommt herein und fragt: „Möchtest du frühstücken? Solveigh und ich spielen Memory. Sie will auf dich warten.“ Ich starre sie an und kurz darauf geht sie zurück in die Küche.
Ich zögere beim Anziehen. Ich kann mich nicht überwinden, Marias Sachen anzuziehen. Meine Hand schafft es nicht, sie anzufassen. Ich blicke auf beide Wäschestapel. Meine eigenen Sachen gehören mir und sie sind von Mama und Papa- von Zuhause. Ich entscheide mich für meine eigene Kleidung.
Mir wird übel und Sterne tanzen vor meinen Augen. Ich zittere und muss mich auf den Fußboden setzen. Mein Herzschlag pocht laut in meinen Ohren und ein Rauschen wie eine starke Wasserströmung zwingt mich, die Augen zu schließen. Ein durchdringendes Schwarz mit bunten Leuchtpunkten lässt mich für einen Moment alles um mich herum vergessen. Langsam legt sich der Sturm in meinem Körper nieder und ich kann meine Augen wieder öffnen. Ich stehe auf und ziehe mich weiter an.
Solveigh und Maria spielen noch immer Memory. Der Pärchenstapel von meiner Schwester ist höher, als der von Maria. Solveigh freut sich, dass sie das zweite Spiel auch schon fast gewonnen hat. Sie sitzt auf der Küchenbank und links von ihr ist für mich eingedeckt. Ich setze mich neben sie und warte auf das Ende des Spiels. Solveigh will ihr Glück weiter herausfordern. Ich will nicht spielen- sage es ihr aber nicht.
Maria räumt das Spiel weg und fordert uns auf, uns zu bedienen. Meine Schwester greift gezielt zu Brot und Käse, dann nimmt sie die Kanne mit Kakao und gießt uns beiden etwas ein. Ich zögere noch eine Weile, bevor ich eine Scheibe Brot nehme. Belegen will ich es mir nicht.
Als Maria und Solveigh den Tisch abräumen, liegen nur noch ein paar Krümel auf meinem Teller und meine Tasse ist geleert. Ich wundere mich über diese Veränderung, denn ich kann mich nicht ans Essen und Trinken erinnern.
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