Eine Weile bleiben wir noch bei den Hasen, dann gehen wir zurück und Maria zeigt uns ihr Haus. Es ist gemütlich. Durch die großen Fenster ist das Haus sehr hell. Die gelbe Farbe an den Wänden passt gut zu dem braunen Holz der Türen und Rahmen. Maria mag wohl gerne alte Sachen, denn überall stehen irgendwelche alten Dinge oder Möbel.
Solche Dinge haben wir schon auf Flohmärkten gesehen. Papa sucht gerne nach Teilen für seine Eisenbahn und Mama hat mit uns nach schönen Büchern gesucht. Papa hat nicht immer Glück, wir aber schon. Bei jedem Besuch finden wir tolle Bücher.
Maria erzählt uns von den Menschen, die hier mit ihr leben. Sie hat einen Mann, der Peter heißt. Sie haben zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Der Sohn heißt Lasse und ist sechzehn Jahre alt und die Tochter heißt Annabel und ist zwölf. Die beiden kommen heute später aus der Schule. Peter ist noch bei der Arbeit und kommt erst am Abend nach Hause.
Marias Haus ist sehr groß. Viel größer als unseres. Jeder Raum ist größer als bei uns Zuhause. Unten ist eine riesige Küche mit einem langen Tisch, an dem zehn Leute sitzen können. Im Wohnzimmer ist ein Kamin aus roten Steinen. Das Sofa geht an zwei langen Wänden entlang und zwei dicke, kuschelige Sessel stehen in der Nähe. Außerdem gibt es noch ein großes Badezimmer mit einer Dusche und einer Badewanne, in der eine ganze Familie baden kann.
Solveigh ist sofort von dieser Wanne begeistert und fragt Maria, ob sie darin mal schwimmen dürfe. Die Frau lacht und verspricht ihr, dass sie es heute Abend ausprobieren könne. Unten gibt es noch zwei weitere Räume, einen Vorratsraum und ein Bügelzimmer. Eigentlich war dieser Raum mal ein Spielzimmer. Marias Kinder sind jetzt zu alt für ein Spielzimmer und sie wollen es nicht mehr haben.
Über eine Wendeltreppe gelangen wir nach oben. Auch hier scheint die Sonne durch große Fenster und alles ist so hell. Lasse und Annabel haben jeder ein eigenes Zimmer. Maria und Peter haben eins zusammen, so wie Mama und Papa. Dann zeigt Maria uns noch zwei Zimmer. In jedem stehen zwei Betten, Regale und zwei Kleiderschränke. Sie sagt uns, wir dürften uns aussuchen, ob wir zusammen ein Zimmer möchten oder jede von uns ein eigenes wolle.
Für Solveigh ist es logisch, dass wir zusammen in einem Zimmer schlafen, weil sonst jede ein Bett frei hätte. Vielleicht käme noch Besuch, der übernachten möchte, der könne dann im anderen Zimmer schlafen. Mir ist es egal, auch wenn ich Zuhause mein eigenes Zimmer habe. Ich habe keine Einwände und meine Schwester lächelt mich dankbar an. Maria öffnet die Schränke und zeigt uns die Dinge, die sich darin befinden. Sie legt auf jedes Bett frische Bettwäsche und gibt uns Kleidung, die wir erst einmal anziehen können. Sie hat auch direkt zwei Nachthemden zur Hand, die sie ebenfalls auf die Betten legt. Anschließend zeigt sie uns Bücher und Spielsachen. Solveigh stöbert sofort in den neuen Dingen und ich sehe ihr dabei zu. Maria bezieht unsere Betten und legt die Nachthemden unter die Kopfkissen.
Irgendwann hält meine Schwester strahlend ein Buch hoch und sagt: „Louna, Maria hat auch „Alice im Wunderland“, das können wir doch heute Abend lesen.“ Ich sehe sie nur an und sie legt das Buch zur Seite, ohne eine Antwort abzuwarten. Sie weiß, es wird ihr vorgelesen.
Die Haustür öffnet sich und Stimmen dringen nach oben. Es sind Marias Kinder. Sie geht hinunter, um sie zu begrüßen und ihnen von uns zu erzählen. Die beiden folgen ihrer Mutter nach oben und strecken uns eine Hand zur Begrüßung hin. Mechanisch bewegt sich meine Hand den ihren entgegen, mehr kann sie nicht schaffen. Solveigh mag Annabel sofort und lässt sich von ihr ihr Zimmer zeigen. Lasse geht allein in sein Zimmer und macht dort Musik an.
Ich setze mich auf eins der Betten und starre aus dem Fenster. Maria will mich nicht bedrängen und verlässt den Raum. Sie geht nach unten und ich kann das Klappern von Töpfen und Geschirr hören. Ich weiß nicht, wie lange ich schon so dasitze. Irgendwann kommt Solveigh ins Zimmer gestürmt und will mich zum Essen holen. Ich reagiere nicht und sie versucht mich vom Bett zu ziehen. Sie gibt auf und ruft die Treppe hinunter, dass ich nicht kommen wolle.
Maria kommt nach oben und ihr folgt ein Mann. Es ist Peter, Marias Mann. Er begrüßt mich und stellt sich vor. Er trägt eine blaue Latzhose mit einem Firmenlogo auf dem Latz. Ich kann es lesen und doch wieder nicht. Es ist, als ob es eine mir unbekannte Sprache ist. Seine Hose ist mit schwarzen Schmierflecken übersät und der Kragen seines karierten Hemdes hat auch einige Flecken abbekommen. Am Hals sind schwarze Schlieren zu sehen. Auf den ersten Blick sieht es wie eine Kette aus. Maria sagt mir, falls ich doch noch Hunger bekäme, könne ich runterkommen, sie würde mir etwas vom Abendessen aufheben. Beide verlassen den Raum und Peter schließt die Tür hinter sich.
Mama und Papa sollen zurückkommen! Warum lassen sie uns allein? Was soll jetzt mit uns passieren? Sollen wir für immer bei den Steiners bleiben? Wir brauchen keine neue Familie, wir haben doch eine. Wir sind doch eine Familie, Mama, Papa, Solveigh und ich.
Bitte, kommt zu uns zurück. Lasst uns nicht allein. Sagt uns was wir tun sollen, damit ihr zurückkommt. Bitte, kommt zu uns zurück.
Ich will schreien, aber ich kann nicht. Ich will weinen und kann dies auch nicht. Ich fühle mich so leer, als ob ich gar nicht mehr existiere.
Es ist dunkel. Eben war es noch hell. Wo bin ich? Ich liege in einem Bett. Zugedeckt. Ich erinnere mich nicht, mich hingelegt zu haben. Das ist nicht mein Bett, in dem ich liege. Es riecht anders. Es fühlt sich anders an. Meine Matratze ist nicht so hart wie diese hier. Auch mein Kissen ist nicht so dick. Zuhause habe ich noch ein kleines Kuschelkissen, damit ich besser schlafen kann.
So langsam gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit. Eigentlich ist es nicht richtig dunkel. Das Licht einer Straßenlaterne scheint durchs Fenster und der Mond schwebt am Himmel. Die untere Spitze seiner Sichel lugt am Fensterrahmen vorbei.
Ich bin plötzlich hellwach und stehe auf. Der Mond kommt mir ein Stück entgegen, als ich auf das Fenster zugehe. Sein Licht ist so strahlend hell. Die Umrisse seiner Sichel kann ich deutlich erkennen. Nie zuvor habe ich bemerkt, wie strahlend schön er sein kann. Ob der Mann im Mond jetzt wohl ausreichend Platz hat?
Ich versuche Sterne zu entdecken, leider kann ich aber keinen sehen. Die vielen Wolken ziehen ihre Bahnen am Himmel und veranstalten ein Schattenspiel mit dem Mond, wenn sie ihn passieren. Sie schweben so schnell an ihm vorüber, dass sein ganzes Leuchten von trüben Schatten immer wieder unterbrochen wird. Dieses Erscheinungsbild verleiht ihm Lebendigkeit. Es ist wie ein Daumenkino. Ich versinke im Spiel der Himmelskörper und sehe in jeder Wolke etwas anderes. Einmal muss ich sogar lächeln, weil eine Schnecke einen Hund jagt.
Ich habe immer noch meinen Rock und mein T- Shirt an. Meine Füße sind nackt. Irgendjemand hat mir meine Sandalen ausgezogen und mich zugedeckt. Meine Sachen riechen nicht mehr nach Blumen, wie heute Morgen. Mama hat sie gestern noch frisch gewaschen. Jetzt riechen sie verschwitzt.
Mein Magen knurrt und erinnert mich daran, dass ich zuletzt in der Schule mein Pausenbrot gegessen habe. Ich könnte in die Küche gehen und mir etwas zu essen holen. Ich überlege nur einen kurzen Moment und mein Kopf entscheidet sich dagegen. Mein Bauch will meinen Kopf mit einem lauten Knurren bezwingen- er hat keine Chance.
Ein lautes Aufatmen von Solveigh lässt mich herumfahren. Im ersten Moment glaube ich, sie geweckt zu haben, doch sie dreht sich nur geräuschvoll um und wird wieder ruhiger. Dabei rutscht ihre Decke ein Stück auf den Boden. Ich gehe zum Bett meiner Schwester und decke sie wieder richtig zu. Ihre Locken verdecken ihr Gesicht und ich streiche ihr behutsam einige Strähnen zur Seite. Noch einmal ertönt ein lautes Aufatmen aus ihrem Mund, bevor sie wieder seelenruhig weiterschläft.
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