Zum ersten Mal kann ich eine Bitte meiner Schwester nicht erfüllen. Ich kann sie nicht einmal ansehen. Ich starre nur vor mich hin und Frau Bienkopf ergreift Solveighs Hand, damit sie nicht weiter an meiner Schulter herumreißt. Ich weiß nicht, was ich gerade denken oder fühlen soll. Alles in mir ist schwer und doch wieder so leer. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich weiß nicht, was sie jetzt mit uns machen. Vielleicht hat es jemand gesagt, dann habe ich es nicht verstanden.
Meine Schwester bekommt keine Antwort von mir und sie verstummt. Die Erwachsenen stehen auf und wir machen es auch, ganz automatisch. Herr Stemmberg berührt unsere Schultern und sagt: „Wir werden euch helfen, so gut wir können. Wir werden für euch da sein.“ Frau Bienkopf gibt unsere Schultaschen Herrn Meyer und Frau Krause nimmt uns an die Hand. Die Sekretärin versucht weiterhin gegen ihre Tränen anzukämpfen, aber sie hat die Kraft nicht mehr. Sie dreht sich weg, um sich ein Taschentuch aus ihrer grünen Umhängetasche zu nehmen. Nun kullern ihre Tränen ins Taschentuch. Sie kommt noch einmal auf uns zu und nimmt jede von uns in den Arm. Wir stehen nur da und lassen es geschehen.
Frau Krause nimmt erneut unsere Hände und wir gehen mit ihr mit, als ob wir das schon immer getan haben. Der Türaufhalter geht voraus und hält uns ein letztes Mal die Eingangstür auf.
Wir vier gehen über den Schulhof und verlassen ihn über die Treppe, die zum Parkplatz führt. Frau Krause und Herr Meyer gehen mit uns zu einem großen roten Auto. Es ist ein Ringauto. So eins hat Papa auch, nur sein Auto hat eine schönere Farbe. Papas Auto ist dunkelblau. Der Mann öffnet den Kofferraum und legt unsere Schultaschen hinein und schließt ihn anschließend wieder. Vier ineinander verschlungene Ringe blicken mir entgegen.
Solveigh hat Papa mal nach der Bedeutung für die Ringe gefragt. Er sagte, es bedeute so etwas wie Familie. Jedem von uns gehöre ein Ring, weil wir eine Familie seien. Die Ringe wären wie wir, sie gehörten einfach alle zusammen und dann hat er uns drei in den Arm genommen.
Auf den Rücksitzen sind zwei Sitzschalen für Kinder, wie in Mamas und Papas Auto. Wir setzen uns in sie hinein. Frau Krause hilft meiner Schwester beim Anschnallen. Ich bin schneller als Herr Meyer und schnalle mich selbst an.
Der Türaufhalter fährt das rote Ringauto und dreht dabei das Radio leiser. Wir fahren durch die Stadt. Es ist viel Verkehr und alle Ampeln werden rot, sobald wir auf sie zufahren. Die Erwachsenen flüstern, ich kann nicht jedes Wort verstehen. Es ist mir egal. Solveigh schaut aus dem Fenster und redet nicht. Ich will auch nicht reden.
Unterwegs sehe ich viele Kinder, die ein Eis essen und Erwachsene, die mit Taschen bepackt durch die Straßen hetzen. Eigentlich ist es ein ganz normaler, schöner Sommertag. Warum sollten die Kinder kein Eis essen?
Viele Autos fahren an uns vorbei, ich zähle sie. Als ich bei fünfzig ankomme, habe ich keine Lust mehr. Das nächste Auto ist auch ein Ringauto, ein schwarzes. Ich fange von vorne an und zähle nur die Ringautos. Nach dreiunddreißig kann ich aufhören, denn Herr Meyer hat irgendwo angehalten.
Er und Frau Krause steigen aus und öffnen uns die Türen. Die Frau sagt: „Wir sind da. Ihr werdet erst einmal bei Familie Steiner bleiben.“ Der Türaufhalter holt unsere Schultaschen aus dem Kofferraum und geht dann zur Haustür. Er braucht nicht zu klingeln, denn die Tür öffnet sich bereits. Eine Frau mit kurzen, braunen Haaren und einer Brille erscheint in der Tür. Sie gibt Herrn Meyer die Hand zur Begrüßung und nimmt ihm unsere Schultaschen ab, die sie in den Hausflur an die Wand stellt.
Inzwischen sind wir ausgestiegen und stehen vor dem Auto, weil wir nicht wissen, was wir tun sollen. Die fremde Frau kommt auf uns zu und lächelt freundlich. Sie begrüßt uns und nennt uns ihren Namen. Sie heißt Maria und wohnt in diesem Haus mit der Nummer siebzehn. Die Hausnummer besteht aus alten Zahlen. Sie sind weiß und haben einen blauen Hintergrund. Maria mag wohl gerne Blumen, denn auf allen Fensterbänken stehen Blumenkästen, die mit bunten Blumen bepflanzt sind. Ich sehe auch lila Blüten in den Blumenmeeren. Lila ist Mamas Lieblingsfarbe und meine Schwester mag sie auch gerne.
Maria nimmt uns nicht mit ins Haus, sondern führt uns um ihr Haus herum. Wir müssen drei Stufen hochgehen und kommen an einer Terrasse an. Ein großer, weißer Sonnenschirm spendet über den Möbeln viel Schatten. Maria bietet uns allen Platz an und fragt nach, wer etwas trinken möchte. Die Erwachsenen nehmen gerne Mineralwasser, wir antworten nicht. Maria stellt uns auch Gläser hin und gießt sie halb mit Wasser voll. Die Frauen beginnen ein Gespräch und der Türöffner bringt sich darin ein.
Ich höre nicht zu. Es ist mit egal, was sie sagen. Ich schaue lieber den Luftblasen in meinem Wasserglas bei ihrem Spiel zu. Sie veranstalten ein Wettrennen. Ich favorisiere eine Luftblase und hoffe insgeheim, sie würde es als erste an die Wasseroberfläche schaffen. Wie gebannt schaue ich ins Glas, bis mich jemand am Arm berührt und ich aufblicke.
Maria streichelt sanft meinen Arm und fragt: „Hast du verstanden, was ich eben gesagt habe?“ Ich antworte nicht und schaue wieder ins Wasserglas. Ich versuche meine Luftblase wieder zu finden und bin enttäuscht. Wo eben nur meine Blase war, sind jetzt viele. Ich weiß nicht, ob sie gewonnen hat.
Die Leute vom Jugendamt stehen auf und sagen uns, sobald sie einen Schlüssel von unserem Haus hätten, würden sie mit uns dahin fahren und unsere Sachen holen. Sie würden vorher anrufen. Dann gehen sie und Frau Krause winkt uns noch einmal zu.
Maria fordert uns auf zu trinken, es sei so heiß. „Ihr habt doch bestimmt Hunger. Ich hole euch Brot und Aufschnitt, dann könnt ihr erst einmal was essen.“ Solveigh fängt an zu weinen und schreit: „Ich will nichts essen. Ich will zu Mama und Papa!“ In ihrer Wut schmeißt sie ihr Wasserglas vom Tisch und erschrickt über das Geräusch des zerbrechenden Glases. Maria setzt sich neben sie auf die Bank und nimmt sie in den Arm. Einen kurzen Moment versucht meine Schwester sich dagegen zu wehren, doch ihre Angst ist zu groß und sie lässt die Frau gewähren.
Meine Schwester kann weinen, ich kann es nicht. Ihr kleiner Körper bebt vor Schmerz in Marias Armen, bis nur noch ein leises Schluchzen von ihr kommt. Ich sitze einfach nur da und schaue den beiden zu. Es ist ein falsches Bild. Solveigh sollte nicht von einer Fremden getröstet werden, sondern von Mama. Diese Frau sollte Mama sein. Ich verstehe das nicht.
Marias T-Shirt ist auf der linken Seite ganz nass von Solveighs Tränen. Es scheint die Frau nicht zu stören. „Ich fege jetzt die Scherben auf und dann zeige ich euch alles. Wir haben auch Tiere. Vielleicht mögt ihr sie ja. Unsere Hasen haben Junge bekommen, die sind sehr niedlich.“ Maria geht ins Haus und kommt mit Schaufel und Handfeger zurück. Sie fegt die Glasscherben auf und stellt alles an die Seite.
So wie wir den anderen Erwachsenen eben gefolgt sind, folgen wir auch ihr. In dem Garten wachsen noch viel mehr bunte Blumen. Es gibt auch Bäume und Sträucher. Maria hat ihr eigenes Obst und Gemüsebeete. Am Erdbeerbeet pflückt sie ein paar Beeren und hält sie uns hin. Meine Schwester liebt Erdbeeren und kann nicht widerstehen, sie greift zu. Ich will keine Erdbeeren und Maria gibt alle Früchte meiner Schwester, die sie dankend nimmt.
Am Ende der Gemüsebeete gelangen wir durch ein Tor zu einem Schuppen. An einer Seite ist ein eingezäuntes Stück Wiese. Darauf steht ein Unterstand, der mit Stroh ausgelegt ist. Die Hasenjungen zaubern Solveigh ein Lächeln aufs Gesicht. „Sind die süß. Darf ich die kleinen Hasen mal streicheln?“ Maria erklärt, sie seien erst wenige Wochen alt und die Mama will noch nicht, dass sie gestreichelt werden. Vielleicht klappt es bald.
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