S. 23 ff.; zu u n s e r e r Nr. XXVI »Die sieben krummen
Zitronen« G o n z e n b a c h s Nr. 13 »Die Schöne
mit den sieben Schleiern« und M a g r i s »Is-seba
trongiet meuuia« (= die sieben wässrigen[?] Zitronen)
in Moghdia tazzmien, Heft 18, S. 53 ff., – der Parallele
bei B o n e l l i haben wir schon S. VII, Z. 2 gedacht;
endlich zu unserer Nr. XXVII »Der goldene
Löwe« G o n z e n b a c h s Nr. 68 »Vom goldenen
Löwen«. Auf weitere Parallelen verzichten wir für
diesmal4.
Bei der Lektüre von volkstümlichen Erzählungen
einer Bevölkerung, die zwischen dem christlichen Europa
und dem muhammedanischen Nordafrika wohnt,
stellt sich der Leser wohl naturgemäss zuallererst die
Frage: was von diesen Stoffen stammt aus Europa,
und was aus der Welt des Islâm? Dennoch glauben
wir kaum, dass wir imstande sind, diese Frage einigermaassen
befriedigend zu lösen, denn sie ist – wie
so oft die Fragen nach dem Wanderwege der Volksüberlieferungen
– eine kaum lösbare. Dass das Entstehungsland
von so ziemlich zwei Dritteln der hier
mitgeteilten Erzählungen in ä l t e r e r Vergangenheit
der Orient war, sieht jeder, der sich mit der Literatur
volkstümlicher Stoffe dieser Art beschäftigt hat, auf
den ersten Blick; er sieht ferner aber auch, dass diese
ursprünglich orientalischen Stoffe heutzutage in
b e i d e n Welten – im Orient und in Europa – anzutreffen
sind. Von den Personen, die mir die Nummern
XI–XXXVII dieser Erzählungen mitteilten, wusste
keine etwas anderes zu berichten, als dass sie diese
Stücke auf Malta und in maltesischer Sprache erzählt
bekommen habe5. Über die Herkunft der Nummern
I–X, welche mir als die einzigen mittels V o r l e -
s e n s einer (ad hoc gemachten) Niederschrift – also
nicht frei mündlich aus der Erinnerung – diktiert wurden,
ist mir gesagt worden, dass deren Aufzeichnerin
sie in La Valletta aus dem Munde maltesischer alter
Frauen gesammelt habe6.
Ich hege hier nun ganz und gar nicht die Absicht,
in eine minutiöse Untersuchung darüber einzutreten,
auf welchem Wege diese Erzählungsstoffe zu den
Maltesern gewandert seien, möchte jedoch eine kurze
Besprechung des M i l i e u s dieser Stücke nicht unterlassen:
bei Angaben hierüber wird mancher Leser
vielleicht auch Anknüpfungspunkte für jene andere
Untersuchung finden. Wie in den meisten Volksmärchen,
so spielen auch in diesen maltesischen Könige
und Königinnen mit Prinzen und Prinzessinnen, Zauberer
und Zauberinnen (Feen), sowie Ungeheuer eine
grosse Rolle. Ich erwähne die eigentlich ganz selbstverständliche
Sache nur deshalb, um auf die in diesen
Märchen auftretenden Benennungen für diese Personen
und Wesen zu sprechen zu kommen. Da treffen
wir denn für die Personen der Herrscherfamilie bald
die Bezeichnung rę, reğîna, prínčep und prinčipíssa,
bald die Benennung sultân, sultâna, bín issultân und
bínt issultân (auch ittífel tassultân bezw. ittífla
tassultân, und gelegentlich auch ittífel tarrę bezw.
ittífla tarrę) an, also bald die italienische, bald die
arabische Bezeichnung derselben Sache; der Zauberer
und die Zauberin (Fee) erhalten stets die arabische
Benennung sah. h. âr und sah. h. âra; die Schlange heisst
sęrp oder dragûn, stets mit italienischer Bezeich-
nung; ein im Walde lebendes Ungeheuer heisst wômo
delbósko = ital. u o m o d e l b o s c o
» Waldmensch«7: irgendwelche Anhaltepunkte – das
wollten wir hier betonen – für die Feststellung des
Wanderweges dieser Märchen nach Malta liefern uns
diese reinen Äusserlichkeiten der Nomenklatur ganz
und gar nicht, ebensowenig als das die Sprachform
der in diesen Märchen vorkommenden Eigennamen8
tut. Ein Märchen (Nr. VIII »Leila und Keila«) spielt
übrigens direkt in der Welt des Islam, – im »Türkenlande
« (pajîs ittórok), was indes ganz allgemein ein
Land muhammedanischer Bevölkerung, bedeutet,
denn dem Malteser ist jeder Muhammedaner ein
»Türke«, und ein Neger, der aus muslimischen Landen
stammt, ist ihm ein »schwarzer Türke« (vgl. S.
31, Z. 11 = Malt. Stud. S. 25, Z. 28). In diesem im
»Türkenlande« spielenden Märchen wird das orientalische
Milieu ganz gut geschildert (und dennoch mag
gerade diese Erzählung aus Italien stammen): ein Pascha
(im Text übrigens gvernatûr, also ital. g o v e r -
n a t o r e ), der kein Gehalt von seinem sultân erhält,
bedrückt des lieben Mammons wegen seine Untergebenen;
auch einen armen Tischler beraubt er, muss
aber infolge des listigen Vorgehens der beiden Mädchen
Léĭla und Kéĭla das erpresste Gut wieder herausgeben.
Das ist das Sujet der Erzählung. Dabei hören
wir denn, dass »die türkischen Frauen nach ihrem Ge-
setze ihr Gesicht vor keinem Manne, ausser vor ihrem
Ehemanne, unverschleiert zeigen dürfen« (S. 28, Z.
20), dass der Vater seine heiratsfähige Tochter »heiraten
lassen soll, wie es der Koran (ilqorân) gebietet«
(dies. S., unten), dass der Pascha einen Harem
(h. árem) hat (S. 29, unten) und dass dieser Machthaber
vor Amtsentsetzung bangt, da er »ein junges
Mädchen dahin gebracht hat, dass sie ihm ihr Gesicht
ohne Schleier zeigte« (S. 30, oben). Aber der Erzähler
gerät in diesem Märchen gelegentlich auch in europäisches
Milieu: die beiden Mädchen besprechen ihren
Plan (S. 27, letzt. Abschn.) in einem Winkel in der
K i r c h e (knîsja), und das Programm des statthalterlichen
Hochzeitsfestes ist: Trauung in der Kirche,
Musik, kleine Zecherei (»man trank Verschiedenes«)
und Ball (S. 29, l. Abschn.). Ball findet übrigens an
verschiedenen Stellen meiner Sammlung statt (vgl. S.
10 Z. 11 oder Nr. XIII). – Im allgemeinen sind die erzählenden
Stücke meiner Sammlung in Milieu und
Kolorit ganz und gar e u r o p ä i s c h (und gelegentlich
g a n z m o d e r n e u r o p ä i s c h oder g a n z
m o d e r n m a l t e s i s c h ); und das betrifft nicht
bloss die Nummern, welche Vorfälle schildern, die
sich auf Malta ereignet haben sollen, oder Geschichten
erzählen, in denen christliche Priester eine, meist
nicht sehr beneidenswerte Rolle spielen, sondern es
betrifft auch die allgemein menschlichen Phantasie-
stücke der Märchen. Da kommen denn z.B. in Nr. II
(dem maltesischen »Dornröschen«) eine Kindtaufe
mit folgendem Frühstück, sowie Gesangsvortrag mit
Klavierbegleitung vor; in IV (»Die drei Wünsche«)
der »black pudding« der Malteser (die
ma3 –
3 –
îta-Blutwurst); in XII (»Der Vogel, der durch
seinen Gesang das Alter um ein Jahr verjüngt«)
Checks, Spielkarten, ein christlicher Friedhof mit Kapelle
und ein Dampfer; in XV (»Dschahan«) »gutes
Malteser Tuch«, ferner das vom Muhammedaner verabscheute
Schwein, das in Dschahans Hause in grossen
Ehren steht und zum Hochzeitsfeste mitgebracht
wird, sowie ein Revolver; in XVII (»Der Affe, der ein
Mädchen entführte«) ein Dampfer; in XX (»Margherita
«) ein ganz modern maltesischer Materialwarenladen.
Dazu liesse sich noch vieles hinzufügen. Namentlich
wird auch immer das k a t h o l i s c h e Milieu
in Schilderung und Sprachform betont; man beachte
in dieser Hinsicht (neben schon oben gesagtem)
speziell folgendes: aller Augenblicke wird die Messe
erwähnt (vgl. besonders Nr. XXV »Dschahan und die
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