„Damit du den Nachmittag nicht alleine verbringen musst, habe ich dir das Mädchen Regina mitgebracht. Sie ist unsere fleißigste Schülerin.“
Cornelia zog Regina, die sich etwas im Hintergrund gehalten hatte, weiter nach vorne, damit Eleonore einen Blick auf sie werfen konnte.
Die Königin sah ihre Schulleiterin nachdenklich an und sagte dann langsam: „Sicher hast du dabei pflichtbewusst und vorausschauend an den Tag der Entscheidung gedacht.“
Cornelia zuckte zusammen: „Was meinst du?“
„In wenigen Wochen müssen wir beide unsere Nachfolgerinnen auswählen und bekanntgeben.“
„Oh das, ja natürlich, du hast vollkommen Recht … jetzt, wo du es sagst … je länger ich darüber nachdenke … ja, Regina wäre tatsächlich das passende Mädchen.“
„Hast du für dich auch schon eine Nachfolgerin gefunden?“
„Äh, nein … eigentlich nicht.“
„Wie wär’s mit Miranda,“ fragte Eleonore beiläufig und beobachte Cornelia scharf.
„Miranda,“ schrie die auf, „dieses Mädchen kommt für eine gehobene Laufbahn nicht infrage, unter keinen Umständen! Du kannst mir vertrauen in meiner Elfenkenntnis. Ich habe dir noch lange nicht alles erzählt, was sie so treibt. Aber du hattest ja inzwischen selber Gelegenheit, dich von ihrer Zügellosigkeit zu überzeugen. Auch wenn ich dich damit erzürne, aber sie hat kürzlich alles über euer Gespräch hinausposaunt, du weißt schon, ihr Erlebnis und deines. Sie protzt ganz ungeniert und gibt damit an, dass du sie ständig einladen würdest und solche Sachen.“
Cornelia sah mit Befriedigung in Eleonores Augen erst das Erstaunen, dann die Enttäuschung über die Schwatzhaftigkeit Mirandas. Gut so!
„Schade,“ seufzte Eleonore nachdem sie sich wieder gefasst hatte, „lass Regina hier, ich möchte mich allein mit ihr unterhalten.“
„Ja, wenn du willst …“
Etwas linkisch verabschiedete Cornelia sich, weil sie sich abserviert vorkam. Sie flüsterte Regina ein ‚Viel Glück!‘ zu, doch die war die ganze Zeit über so sehr in den Anblick des prächtigen Palastes versunken gewesen, dass sie gar nicht mitgekriegt hatte, was vorging. Und sie verstand auch Cornelias Bemerkung nicht, da sie in deren Pläne nicht eingeweiht war. Ratlos und stumm blickte sie die Königin an.
„Setz dich doch,“ begann Eleonore das Gespräch, „ich habe gehört, du seist eine sehr gute Schülerin.“
„Ich glaube, das bin ich, Hochverehrteste …“
„Lass die Anrede weg.“
„Ja, Frau Königin.“
„Welche Fächer hast du gewählt?“
„Mathematik, Biologie, Musik und die Zwergensprache, Frau Königin.“
„Sehr interessante Fächer.“
„Ja, Frau Königin.“
„Was machst du so den ganzen Tag, ich meine, wenn du nicht in der Schule bist?“
„Aber ich bin immer in der Schule, Tag und Nacht, Frau Königin.“
„Lass die Frau Königin weg … ich habe natürlich gemeint, wenn du keinen Unterricht hast.“
„Dann lerne ich.“
„Erzähl mir doch mal etwas über dich.“
„Was denn?“
Eleonore holte tief Luft und stieß sie wieder aus: „Na, zum Beispiel, welche Hobbys du hast, welche Blumen und Tiere du besonders gern magst. Bist du schon mal heimlich aus dem Internat entwischt?“
„Nein, noch nie.“
„Hättest du nicht ab und zu Lust dazu,“ fragte Eleonore hoffnungsvoll.
„Es ist verboten.“
„Ich weiß, ich weiß, war eine überflüssige Frage.“
„Ich kann Gedichte aufsagen …“
„Gedichte … mhm … sehr lobenswert … ein anderes Mal.“
Eleonore schaute zum Fenster hinaus, dann wieder auf Regina: „Ich habe mich gefreut, dich kennenzulernen. Grüß bitte Cornelia von mir und richte ihr aus, sie würde bald von mir hören in der bestimmten Angelegenheit.“
Als Regina den Palast verlassen hatte, dachte Eleonore: „Sehr lieb, wahrscheinlich ein bisschen eingeschüchtert, beim nächsten Mal wird’s bestimmt besser … aber Miranda wäre mir lieber gewesen. Wirklich schade, dass sie charakterlich wohl doch nicht infrage kommt … dass ich mich so in ihr getäuscht habe!“
Es wurde eine unruhige Nacht für Eleonore, sie wälzte sich von einer Seite auf die andere und ein undeutliches Gefühl beschlich sie, dass irgendwas nicht stimmte. Aber eines war richtig: Die Nachfolgefrage musste bald entschieden werden. Sie beschloss, Regina in Kürze erneut einzuladen, gähnte und schlief endlich ein.
Der zweite Besuch Reginas bei der Königin verlief ähnlich dem ersten. Es war äußerst mühsam, mit ihr ein Gespräch zu führen. Welches Thema auch immer Eleonore ansprach, die Antworten Reginas gingen kaum über ein Ja oder Nein hinaus. Das war anstrengend, das war langweilig, es führte zu nichts und das Mädchen blieb ihr fremd.
Nach einer quälend langen Stunde fragte die Königin nach Mirandas Befinden und ob sie noch immer auf der Krankenstation sei.
„Ja,“ antwortete Regina wie gewohnt einsilbig, doch dann fügte sie doch noch etwas hinzu: „Die Oberschwester ist zufrieden mit ihr.“
„Das hör ich gern, dann ist sie auf dem Wege der Besserung?“
„Oh, sie soll besser und fleißiger sein als die Hilfsschwester.“
„Wer soll fleißig sein,“ fragte Eleonore verwirrt.
„Miranda.“
„Was du nicht sagst! Und mit wem hat die Oberschwester darüber gesprochen, dass sie fleißig und mit ihr zufrieden ist?“
„Mit Cornelia.“
Eleonore schwieg eine Weile. „Also Miranda … geht es gesundheitlich gut, ist das richtig?“
„Oh ja, obwohl sie schwer arbeitet.“
„Obwohl sie schwer arbeitet,“ wiederholte Eleonore langsam, „ich bin sehr froh über diese Nachricht.“
„Ich auch.“
„Du magst Miranda?“
„Wir sind gute Freundinnen.“
„Das ist noch eine gute Nachricht. Schön, dass du hier warst, komm gut nachhause, du hörst von mir.
Cornelia hatte gerade ihren Unterricht in Kräuterkunde beendet und war auf dem Weg in ihr Arbeitszimmer. Sie öffnete die Tür – und ein Schock fuhr ihr durch alle Glieder: Eleonore saß an ihrem Schreibtisch. Nie zuvor hatte die Königin ohne Vorankündigung die Schule besucht.
„Welchen Grund mag sie wohl haben,“ überlegte sie fieberhaft, und um sich zu beruhigen, redete sie sich ein, dass das gestrige Gespräch zwischen Regina und Eleonore wohl erfolgreich verlaufen war und die Königin ihr nun persönlich die Entscheidung mitteilen würde.
„Welch eine Ehre,“ schmeichelte sie, „hätte ich von deinem Besuch gewusst, wäre dir ein gebührender Empfang bereitet worden.“
„Genau das wollte ich vermeiden,“ winkte Eleonore ab, „ich bin ganz privat hier. Das heißt, eigentlich wollte ich ja direkt zur Krankenstation, aber dann habe ich mich entschlossen, dir vorher kurz guten Morgen zu sagen.“
„Du willst zur Krankenstation? Warum denn das?“
„Ich habe gehört, dort sollen umfangreiche Renovierungsarbeiten stattgefunden haben, das möchte ich mir gern ansehen und dabei Theresa meine Anerkennung aussprechen … ja, und wenn ich schon mal drüben bin, kann ich auch Miranda kurz besuchen. Das Wohl meiner Untertanen liegt mir sehr am Herzen, vor allem das der Kinder.“
Cornelia war blass geworden. Um Zeit zu gewinnen, zählte sie all die Maßnahmen auf, die sie veranlasst hatte, um die Krankenstation auf den neuesten Stand der Technik zu bringen und sie freundlicher einzurichten. Eleonore nickte zu allem und wartete.
„Ja, und was Miranda betrifft … da muss ich wohl doch mit der Sprache rausrücken,“ sagte Cornelia zerknirscht.
„Was meinst du? Steht es so schlimm um sie?“
„Ja, das tut es … aber nicht, wie du jetzt denkst.“
„Und wie denke ich jetzt?“
„Dass sie schwer krank ist.“
„Ja, das hast du mir selber gesagt, nicht wahr?“
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