Du schreibst: »Ich dachte! Also schreibe ich…« Nicht alle, die denken, schreiben und nicht alle, die schreiben, sind fähig zu denken. Der unermessliche schriftliche Schund, der tagtäglich produziert wird, ist der beste Beweis dafür.
Dein Motto für die Zukunft »Leute, ärgert mich…« ist milde ausgedrückt lächerlich. Es enthält eine Trotz-reaktion, heimlich gehegte Neid- und Rachegefühle, impliziert Minderwertigkeit, der man dadurch zu begegnen glaubt, indem man sich über sie erhebt. So würde mein Zukunftsmotto nie lauten, ich würde nie schreiben, Leute, ärgert mich, weil ich Material brauche, sondern ich würde mir lautlos das Material beschaffen, ich würde es verarbeiten und in die richtige Form gießen. Im Verarbeitungsprozess kann der Ärger besiegt werden aber nicht, wenn man ihn hinausbrüllt. Das wirkt eher wie der Schrei des hilflosen Kindes. Übrigens: Literatur bildet die Realität nicht ab, sondern schafft sie neu.
Manche Metaphern sind süßlich, andere sind albern: »Das Leben ist ein Kreisverkehr«, »Denken braucht Mut« (wirklich)? Man kann Literatur nicht mit Wein vergleichen. Bei der Literatur ist die Form höher zu bewerten als der Inhalt, also die Flasche steht höher als der Wein selbst.
In die familiären Geschichten will ich mich nicht einmischen, nur insofern dies von literarischer Bedeutung ist. Du stellst innerhalb der Familie zwei Parteien oder sagen wir zwei Welten einander gegenüber: dich auf der einen, das ist die denkerische Seite, die über den Verhältnissen steht, die Seite in der du dich befindest oder in die du einzutreten gedenkst und die zweite ist der Rest: sie sind borniert, engherzig, spießig und philiströs… von der einen erhebst du dich und weisest mit dem moralischen Zeigefinger auf die andere, du schaust auf sie von oben herab und tust eigentlich genau das, was du den anderen vorwirfst.
Dass ich deine Kritik an Schiller nicht teile, kannst du dir ja denken. Dass dir der moralische Schiller, der Dichterpatriot nicht schmeckt, kann man zum Teil gelten lassen. Schon die Romantiker fanden ihn ‚humorlos und rhetorisch‘ und machten sich über ihn lustig, doch das vermindert seine dichterischen Qualitäten in keinster Weise. Die Franzosen und die Russen haben ihn vergöttert und in Deutschland war er Jahrzehnte lang der gefeierte Star, er stand allein auf dem Podest, an Goethe dachten nur noch Wenige, er schien vergessen zu sein. Schillers Dramen hingegen wurden immer wieder gespielt. Davon abgesehen: Deine herbe Kritik kommt aus dem Bauch heraus und fußt leider auf Unwissenheit.“ Auf eine Reaktion wartete Fanus lange, aber sie kam nicht.
Lena legte einen Hochmut an den Tag, der beeindruckte. Meinungen waren ihr gleichgültig, Wissenschaft dummes Gefasel, große Namen (Goethe, Schiller) Schall und Rauch. Sie ließ keine andere Meinung unwidersprochen. Für sie bedarf eine geäußerte Meinung stets der Korrektur. Mehrfach, eigentlich bei jeder Gelegenheit, wiederholte sie, dass sie immer Recht hat. ‚Ich wusste es‘, gehörte zu ihrem täglichen Repertoire, zu ihren Lieblingssätzen. Sie war allzu sehr von sich eingenommen. Wagte einer, ihr zu widersprechen, so schaute sie ihn sprachlos an und schien dabei zu denken: wie konnte dieser Pfiffikus es wagen, mir zu widersprechen! Ihre Augen sprühten Feuer, ihre Wangen wurden rot, sie holte auf und sah sich verpflichtet, den Fall in allen Einzelheiten auszubreiten, dabei spielte der Gegenstand keine Rolle, es könnte eine Kochsendung sein, eine halbverstandene Nachricht, ein Gerücht, ein medizinischer Ratschlag oder was auch immer. Ging es um Mode und Design fühlte sie sich erst richtig in ihrem Element. Sie war in der Familie der zuständige Papst für Geschmack, für Farben und Kosmetik. Jeder, den sie sah, war immer falsch angekleidet: „Sie sehen blass aus, das sind nicht Ihre Farben…, Sie müssen dies und das tragen, wenn Sie eine Farbberatung benötigen, stehe ich gern zur Verfügung,“ sagte sie und der Angesprochene schaute sie respektvoll an und sagte nichts. Eine andere Meinung gerade auf dem Gebiet ließ sie auf keinen Fall gelten, es brachte sie in Rage und sie ließ nicht locker, bis der Uneinsichtige seinen Irrtum sah und sie Recht bekam und bei ihrer Ausführung war jedes Detail wichtig.
*
II.
Fanus
Fanus war ein Wüstenprodukt, der im Wald gelandet ist und gleich zu Beginn einen Grünenschock bekommen hat. Als Sprössling der Wüste hatte er noch nie einen Wald gesehen, allein in der Stadt gab es mehr Bäume als in ganz Ägypten. Er nahm die erste Gelegenheit wahr und besuchte einen großen Wald am Rande der Stadt. Plötzlich stand er im Land der Riesen und bekam es mit der Angst; denn die Sonnenstrahlen zeichneten auf dem Boden die schönsten Formationen, die ihn erschreckten. Wer im Wald wandert, der spürt, wie ein unsichtbarer Geist ihn umweht und in der Stille vernehmbar wird, das ist der Baumgeist, dachte er. Den Baumgeist sieht man zwar nicht, aber im Rausch des Windes hört man ihn. Hoffentlich ist er gesittet und versteht Arabisch. Fanus war belesen genug um zu wissen, dass sich hier im tiefsten Wald, in ihrer mythischen Heimat, das Leben der Ureinwohner abspielte, hier hausten die Götter, hielten die Menschen ihre Volks-versammlungen ab und brachten den Göttern ihr Opfer dar. Der Anblick ihres Gottes hätte ihn gewiss in Angst und Schrecken versetzt. Der war nämlich alles andere als das, was man unter Gott versteht. Er hieß Wotan und hatte nur ein Auge, das andere verlor er beim Trinken aus dem Brunnen der Erkenntnis, vermutlich lockerte sich die Augenschraube und fiel ins Wasser, kann ja passieren. Wotan war ein Krieger, vor allem ein Kannibale, nur Menschenfresser akzeptierte er - ein Überbleibsel davon findet man immer noch bei den Angelsachsen, die müssen nämlich zu Weihnachten einen Türken verspeisen -. Bei seinen Touren trug Wotan einen wallenden Mantel und einen breitkrempigen Hut und soll auf dem »Drachenfels« gehaust haben. Er ritt auf seinem achtbeinigen Schimmel »Sleipnir« durch die Wälder, von seinen Raben Hugin und Munin und von bellenden Hunden und heulenden Wölfen begleitet. Fanus schlotterten die Knie, er hielt den Atem an und war froh als alles ruhig blieb, dann setzte er seinen Weg fort und bewunderte die in den Himmel ragenden Bäume, ach! wie majestätisch, erhaben und furchterregend sie sind! Er begriff, warum die Menschen so naturliebend sind und daran glauben, dass Bäume eine Seele haben und krank werden könnten. Bei denen kann man sich sicherlich an der Uni zu einem Baumologen ausbilden lassen, sinnierte er.
Es war verständlich, dass die erste große Schlacht, die sie gewonnen hatten, im Wald stattfand, wie konnte es anders sein? fragte sich Fanus. Damals als Rom mächtig war, waren sie die einzigen echten »Barbaren«, die der Römisch-Griechischen-Welt trotzten. Sie sagten, Kultur kommt bei uns nicht in die Tüte, es lebe der Wald. Diese Natürlichkeit bewahrten sie bis zum heutigen Tag. Die Römer, diese zivilisierten Plünderer, wollten aber an ihrer Nordgrenze keine Barbaren dulden. Zur guten Nachbarschaft gehört es sich, den Nachbarn auf das gleiche Niveau zu heben, dachten sie. Also marschierten sie gen Norden und landeten mitten im Wald. Sie wurden vernichtend geschlagen, nicht nur weil es für die Barbaren ein Heimspiel war, sondern weil diese mit einer Bullenkraft gesegnet waren und sie liebten den Krieg über alles. Krieg war eine Art Volksfest oder Familienfeier. Selbst-verständlich waren Frauen und Kinder mit dabei, damit der Krieger ihre Stimmen hört und von ihnen zum Kampfe angespornt wird, er wurde nach vorne gepeitscht, dann gepflegt und verarztet. Ein alter Römer schrieb über sie: »Mit Schweiß verdienen, was man mit Blut erwerben kann, galt bei ihnen als Feigheit und Faulheit.« So versteht es sich von selbst, dass für sie jeder Baum eine Seele hat, wird er verwundet, so blutet er und dass die Götter den Menschen aus Holz geschnitzt haben und nicht aus Lehm wie bei unserem fantasielosen Gott. Aus dem Baum entstand also der Mensch, im Baum ruht sein Ursprung. Dann vermischten sie sich doch mit den Römern, veredelten ihr Blut und zivilisierten sich ein wenig. Sie verließen die Bäume und ersetzten das Klettern durch Laufen.
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