Mustafa hatte eine schwere Kindheit, er wuchs in einem kleinen Dorf in Ostanatolien auf. Das Leben war trost- und perspektivlos. Als er ein kleiner Junge war nahm sich seine Oma das Leben. Er sah sie an der Decke hängen, ein traumatisches Erlebnis, das ihn später nie verließ. Ende der siebziger Jahre gelang ihm mit Hilfe von Verwandten die Einreise nach Deutschland. Jahrelang arbeitete er als Wasserinstallateur. Richtig Fußfassen konnte er nicht, er lernte Leute kennen, die ihm die Faszination des schnellverdienten Geldes schmackhaft machten, so geriet er auf die schiefe Bahn, handelte mit Drogen und gewöhnte sich einen verschwenderischen Lebensstil an. Es war die Zeit, in der er Lena kennenlernte.
Mustafa führte in Berlin ein sinnentleertes Leben, er fühlte sich nie heimisch und die einzigen Menschen, seine alte Mutter und seine jüngere Schwester, die ihn herzlich liebten und so nahmen wie er ist, die nie an ihm herummäkelten, blieben in der Türkei. Sie hatten dort ein kleines Stück Land, von dem sie lebten. Mustafa pflegte immer eine gute Beziehung zu den beiden und half ihnen finanziell, insbesondere in der Zeit, wo die Geldscheine seine Taschen füllten. Als seine Mutter im Sterben lag, reiste er sofort in die Türkei und blieb dort bis sie starb. Er stand lange an ihrem Grab und spürte, dass ein Stück seines Lebens mit ihr in die Grube sank. Tieftraurig kehrte er zurück. Als seine zehn Jahre jüngere Schwester starb, brach die Welt für ihn zusammen. Er wusste, dass kein Mensch mehr für ihn da ist, da sein wird, keiner, der mit ihm alle Höhen und Tiefen des Lebens teilt. Er war am Boden zerstört, seine letzte Lebensfreude war dahin. Dann blühte er wieder auf als Helga, seine Schwiegermutter und auch seine Lena pflegebedürftig wurden. Da fühlte er sich gebraucht, als hätte er endlich die Lebensaufgabe bekommen auf die er solange gewartet hat. Er fühlte sich unersetzlich und opferte für die beiden seine ganze Kraft, er kochte für sie, fuhr sie spazieren und besorgte alles, was sie benötigten. Er wurde zum einzigen Lichtblick ihres Lebens. Als seine Lena vor ihrer Mutter starb, schien er nicht wahrhaben zu wollen, was mit ihm geschah und wie grausam der Herr im Himmel sein kann, er stand allein da und blickte verwirrt um sich. Was soll er nun mit sich anfangen? Über Nacht schien er um zehn Jahre gealtert zu sein, die Falten im Gesicht mehrten sich, sein Blick war leer. Er fühlte sich erbärmlich, wirkte verzweifelt und niedergeschlagen.
„Übrigens, Patsy, Fanus, Dorits Ehemann, kommt aus der Wüste und ausgerechnet mit dem hatte ich die wenigsten Probleme. Er ist mir nicht unsympathisch, weil er so ruhig ist und selten was sagt. Bei Familienfeierlichkeiten sitzt er da, lächelt freundlich und sagt nichts. Ich habe mir immer wieder Gedanken darüber gemacht, was er wohl über diesen verrückten Haufen denkt.“
Lena wusste, dass Fanus ein wenig von Literatur versteht, deswegen schickte sie ihm ihre »gesammelten Werke«: Gedanken, Gedichte und Aphorismen… Sie erwartete eine Art »literarisches Gutachten.« Fanus fühlte sich von der Aufgabe völlig gestresst, denn alles war kreuz und quer, unkoordiniert, aufs Geratewohl dahingeschleudert und er wusste nicht recht, sind das ihre eigenen Gedanken oder hat sie hie und da abgeschrieben; denn sie pflegte das, was ihr aus dem Internet gefällt, zu kopieren und einzufügen ohne sich Gedanken über Quellenangaben zu machen. Fanus wollte ihr gern ein paar nette Worte schreiben, um sie aufzumuntern, weiterzumachen, damit sie sich ablenken und ihr Leid zumindest für eine Weile vergessen kann, aber er wusste nicht, was er schreiben soll und den Schleimer spielen wollte er auch nicht. Dann schrieb sie noch einmal: „keine Hemmung, schreib, was dir gerade einfällt, ich erwarte alles, aber kein Lob.“ Nach dieser Ermunterung und nach langem hin und her bekam sie diese Mail von ihm: „Ich finde es toll, dass du alles, was dir durch den Kopf geht, zu Papier bringst. Damit setzt du den Prozess der Erkenntnis, ein philosophisches Grundprinzip, in Gang.
Schreibende Menschen sind einsame Menschen, die ihre seelische Not dem Papier anvertrauen. Es ist ein Schrei nach innen, bei dem sie niemanden schonen und am allerwenigsten sich selbst. Das ist aus deiner bisherigen literarischen Produktion nicht zu erkennen. Man spürt hie und da den Schmerz, kann ihn aber als Leser nicht nachempfinden und das ist eine Voraussetzung für eine gute Arbeit. Du gehst wenig aus dir heraus als fürchtest du, dich zu entblößen. Ein guter Autor aber nimmt auf niemanden Rücksicht und, wie gesagt, am allerwenigsten auf sich selbst, man kann sagen, nicht er hat den Stoff im Griff, sondern der Stoff hat ihn. Er steckt den Finger in die eigene Wunde und schildert den Schmerz, den er dabei empfindet. Nur so kann die erhoffte Befreiung und die seelische Reinigung erreicht werden und der Leser muss mitempfinden. Bei dir dagegen spürt man leider die Tendenz, sich erheben zu wollen, sich den Leser, der gern mitleiden würde, vom Leibe zu halten. Du neigst allzu sehr zu moralisieren und das ist für einen literarischen Erfolg die denkbar schlechteste Voraussetzung.
Die schlechten Erfahrungen, die du im Elternhaus gemacht hast, ließen sich durchaus in eine passende literarische Form gießen. Zerrüttete Familienstrukturen in der westlichen Hemisphäre sind als literarischer Stoff ja gang und gäbe, man kann beinah sagen, sie sind der beliebteste Stoff, weil es sich um eine Materie handelt, die die Autoren am besten kennen. Die Prosaform eignet sich gut dafür, aber keine Aphorismen; denn Aphorismen sind eine schwerzugängliche literarische Form, es sei denn, sie kommen so geistvoll, so elitär daher wie bei Franz Kafka, bei Lichtenberg oder bei Nietzsche. Ein Aphorismus ist nach seiner Definition: »Eine pointierte und schlagkräftig formulierte geistreiche Äußerung, die Bekanntes auf eine durchsichtige Formel bringt.« Das sucht man bei dir vergeblich. Es scheint mir so, dass manche Definitionen und geistreiche Formulierungen aus Weisheitsbüchern entnommen worden sind. Ist dies der Fall, muss man sie kenntlich machen. Z.B. der Satz: ‚der Mensch im Allgemeinen hält den Schatten für die einzige Realität, während er die Ursache des Schattens für ein Hirngespinst hält‘, das schrieb sinngemäß schon Platon vor fast zweitausendfünfhundert Jahren, es handelt sich um das berühmte Höhlengleichnis.
Der Begriff »denken« wird an vielen Stellen erwähnt und aus mehreren Perspektiven beleuchtet, dabei kann man über manche Formulierungen nur den Kopf schütteln, z.B. ‚Am Anfang war das Denken‘... das kann unmöglich sein. Wäre Gott ein Denker, hätte er es mit der Schöpfung sein lassen, du sollst stattdessen lieber Faust lesen. Alles wirkt altklug, anmaßend und wie aufgegossen.
Deinen Frust über die verkorksten familiären Verhältnisse kann ich sehr gut nachvollziehen und leide mit dir ein bisschen. Wenn ich schreiben könnte, würde ich darüber eine Chronik verfassen, ohne jemandem nahezutreten. Du schimpfst allzu häufig und schreibst dir den Ärger von der Seele, für einen neutralen Leser ist dies auf die Dauer ätzend. Willst du einen leibhaftigen Teufel in der Familie darstellen, musst du dafür sorgen, dass er sich selbst demaskiert, ihn zu beschimpfen und als eine kleinkrämerische Seele und als Spießbürger hinzustellen, reicht nicht aus, es ist nicht der richtige Weg.
Das Quirlige Deines Wesens machst du zum Qualitätsmerkmal. Wenn Eigensinn eine deiner Charaktereigenschaften ist, so sollst du wissen, dass dieser sich häufig in Starrsinn, Dickköpfigkeit, um nicht zu sagen in Anmaßung, Besserwisserei und Dreistigkeit äußert, und das kann doch unmöglich als Qualitätsmerkmal des Denkens hingestellt werden. Viele Menschen scheitern jämmerlich gerade an ihrer Unfähigkeit, sich Grenzen zu setzen bzw. dieselben zu erkennen.
Ich vermisse deinen Humor. Eine Prise Humor tut jedem Werk gut. Fontane hat Humor als eine »Gemütsbewegung, die das Darüberstehen, das heiter souveräne Spiel mit den Erscheinungen des Lebens ermöglicht« definiert. Humor ist eine »Gabe des Herzens«, sie könnte dafür sorgen, das Verbissene, was du an den Tag legst, zu mildern.
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