Was in seinem Kopf vor sich ging, ging also auch in meinem. Eigentlich wollte ich an dem Tag niemanden kennenlernen, sondern war nur heiß auf einen ordentlichen Fick. Große Auswahl hatte ich ja nicht. Es waren nur wenige da, die herumlungerten und nicht wussten, was sie tun sollten, dann platzte so eine wie ich herein und alle waren wie elektrisiert. Ich hatte sie geweckt, plötzlich war Leben in der Bude und sicherlich machte sich der eine oder andere Hoffnung, das habe ich sofort in ihren wirren Blicken gemerkt. Ich kenne solche Typen und Mustafa war einer von denen. Ich nahm ihn nur als Glotzenden wahr und dachte bei mir: kann der Arsch nicht aufhören meine Brüste anzustarren? Gut, sie waren ja auch schön fest, hatten die ideale Größe und luden geradezu zum knappern ein. Ich wollte ihm zurufen: ‚Na, schonmal so eine Frau gesehen, du Armleuchter?‘ Ich fürchtete, die Augen fallen ihm gleich runter. Was solls, hier sind halt nur solche Typen zu finden. Mir wäre lieber, in ein vornehmes Lokal zu gehen, aber dafür reichte das verdammte Geld nicht. Ich kenne keine Zeit, in der ich keine finanziellen Sorgen hatte, wirklich zum Kotzen. Ich ahnte nicht, welche schwerwiegenden Folgen dieser Tag für mich haben wird. Ich weiß noch, dass ich meine rotweiß gestreifte Bluse anhatte. Sie war eine meiner Lieblingsblusen und offenbarte mehr als sie verbarg, verständlich, dass sie jedem den Verstand raubte, aber solche Typen haben ohnehin keinen Verstand. Wozu zum Teufel brauche ich einen Mann von Verstand, vorausgesetzt, es gibt überhaupt welche. Denken kann ich allein, ich bin eine Denkerin und mein Verstand reicht für ein halbes Dutzend. Der soll nur kommen mit einer gutgefüllten Brieftasche, danach werde ich ihn erziehen und ihm ein wenig Verstand beibringen. Das Portemonnaie ist viel wichtiger als der Schwanz. Schwänze werde ich mehr als genug finden, so wie ich aussehe, aber ich brauche einen, der alles übernimmt, der mir die finanzielle Sicherheit bieten kann, der meinen Luxus finanziert. Warum habe ich bloß so einen teuren Geschmack, aber was kann ich denn dafür, bin halt so. Ist es Luxus, eine teure Bluse oder eine teure Handtasche zu haben? Wenn ich sehe, wie viele dämliche Frauen sich alles leisten können, kriege ich die Krätze. Was haben diese dusseligen Kühe mir voraus, nichts. Sie sind weder schöner noch intelligenter, aber schlau genug, sich den Richtigen zu angeln, warum gelingt mir das nicht. So, Ihr Schlawiner, ich bin gekommen, um zu angeln. Ja ich brauche einen Versorger, scheußliches Wort. Deutsche Sprache ist ohnehin scheußlich, wahrscheinlich die scheußlichste Sprache überhaupt, so brutal, so… so gewöhnlich, ach, zum Teufel damit. Sobald man anfängt, Deutsch zu reden, wird man ordinär. Quatsch, ich bin wirklich ein Quatschkopf und mir juckt es überall. Fände ich den Richtigen so wird er mir die Wünsche von den Augen lesen, dafür darf er mich beschnuppern, ich biete viel mehr als ich nehme, bin wirklich ein fairer Mensch. Jetzt drehe ich mich ein wenig um und mache den obersten Knopf meiner Bluse auf und wenn das nichts bringt, gehe ich nach Hause.“ Sie tat es und warf einen kurzen Blick in die Öffnung, „Donnerwetter! Das ist ja zum Mäusemelken. Ich nahm die Blicke zur Kenntnis und dachte bei mir: wen nehmen wir denn? Heute nehme ich den da drüben, sieht blöd aus, aber das sind doch alle Männer. Würde ich auf einen Mann warten, der Geld und Verstand hat, da kann ich lange warten bis ich alt und grau bin. Die meisten haben weder das eine noch das andere. Es ist entschieden, Lenchen, und jetzt an die Arbeit. Ja, Arbeit ist es in der Tat…“, stöhnte sie. Doch sie bewegte sich nicht vom Fleck, sah auf die Uhr, dabei war es ihr völlig gleichgültig, wie spät es war, sie tat so, als ob sie auf jemanden wartet und gab sich Mühe, desinteressiert in die Runde zu blicken. „Zuerst saß ich artig an meinem Tisch und bestellte mir ein Glas Wein und war überrascht als kurze Zeit später der Mann, der an der Theke lehnte und nicht der Kellner mir das Getränk brachte.“
„Ich wusste gar nicht, dass Sie der Kellner sind.“
„Bin ich auch nicht.“
„Dann gehört Ihnen die Kneipe?“
„Nein, natürlich nicht. Ich arbeite hier.“
„Als was denn?“
„Arbeiten ist auch nicht richtig. Weißt du…“
„Seit wann duzen wir uns?“ unterbrach sie ihn und zeigte sich verärgert. ‚Hält er mich für eine Dirne, der Ochse!‘ Lena fühlte sich zutiefst beleidigt. Sie wanderte mit den Augen hin und her als suche sie einen Retter und dachte: ‚von so einem darf man kein Benehmen erwarten, der weiß vermutlich gar nicht, was Benehmen ist‘.
„Ach, ich bitte vielmals um Verzeihung, war nicht so gemeint.“ ‚Na, also es geht doch, jetzt fängt er an zu kriechen, der blöde Hammel‘.
„Also, da drüben hinter der Theke ist ein Raum, eine Art Casino, wo die Leute Karten spielen. Da spiele ich manchmal ein bisschen mit. Darf ich die Schöne Frau Gesellschaft leisten?“
„Der schönen Frau.“ Er schaute sie verständnislos an.
Mit ihrem forschenden Blick versuchte Lena ihr Gegenüber zu entschlüsseln: ‚schauen wir mal, was für ein Heini der ist. Auf den ersten Blick würde ich sagen: ein Schlawiner. Man kann sich aber auch irren. Ja, man schon, aber ich doch nicht. Ich irre mich nie‘. Sie kippte den letzten Schluck aus ihrem Glas in sich hinein, und überlegte, ob sie ihm erlaubt, Platz zu nehmen.
„Dann setz dich“, sagte sie und bemühte sich, desinteressiert zu wirken. Er starrte sie die ganze Zeit an, als sähe er eine Erscheinung, dann setzte er sich hin und sagte: „ich muss meine Unhöflichkeit wieder gutmachen, lass mich die…, ich meine Sie, Ihnen…“ Er verhaspelte sich und sein langsam arbeitendes Hirn sortierte die Worte hin und her. Lena grinste vergnügt und fand ihn irgendwie süß. Dass er ein Kanake ist, war ja klar aber das störte sie wenig. „… ein Getränk spende, spendieren.“ Lena lächelte und dachte: ‚Na, wenn das kein Esel ist, fresse ich einen Besen‘. „Gut“, sagte sie „ich nehme einen Cocktail.“ Er bestellte für sie einen Cocktail und für sich ein Glas Wein. Von der Art wie er den Kellner herbeiwinkte und die Bestellung aufgab, merkte sie, dass er hier ein Stammgast ist und nicht nur einer, der zwischendurch ein bisschen mitspielt.
„Wo kommst du her, wenn ich fragen darf?“
„Ich bin Türke und heiße Mustafa.“
‚Ach du lieber Himmel, auch das noch. Wenigstens weiß ich, wo die Türkei liegt‘. Sie dachte daran, wie sie einen Mann kennenlernte, der ihr sagte er sei Marokkaner und sie zu grübeln anfing ‚wo zum Teufel ist das denn? Afrika oder so was in dem Dreh, kann auch Asien sein‘. Die Getränke kamen, sie prosteten sich zu und Lena nahm den ersten Schluck und stöhnte: „Wow, der schmeckt aber lecker. Ich glaube, das ist eine Hausspezialität.“ Mustafa nickte zufrieden.
„Sag mal, heißen alle Türken Mustafa?“
„Wie kommst du darauf? Wie viele Türken kennst du denn?“
„Keinen einzigen.“
„Siehst du.“
„Aber man hört es doch öfter, so wie Mario bei den Italienern.“
„Der Name ist eher selten. Bei den Arabern kommt er öfter vor.“
„Und was machst du so beruflich“, fragte sie, nicht aus Interesse, sondern nur um überhaupt etwas zu sagen. Mustafa war das ein wenig unangenehm. Bei der Frage fühlte er sich immer unwohl. ‚Verdammt noch mal, dachte er, warum sind Frauen immer so direkt. Diese dümmlichen Ziegen. Warum fragt sie nicht, wieviel Geld ich in der Tasche habe‘. So zögerte er lange, dann sagte er: „nichts Bestimmtes.“
„Was heißt das, nicht Bestimmtes?“
„Dies und das. Ich bin noch auf der Suche…“
Das hat mir noch gefehlt, dachte sie „und was suchst du so?“
„Von Beruf bin ich eigentlich Wasserinstallateur.“
„Das ist doch ein toller Beruf.“
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