„So, das war´s. Jetzt wollen wir doch mal sehen, was meine Freundin Anneke sagt, wenn ich einen ordentlich durchgeweichten Mann mit nach Hause bringe.“ Sie setzte rückwärts und rollte dann die Auffahrt zur Straße hinunter.
„Anneke ist ein Kumpel-Typ. Das wird ihr ganz sicher gefallen.“ Sie warf ihm einen kurzen Blick zu, verschmitzt.
Das Haus, das im Licht der Scheinwerfer auftauchte, war ein typisches Schwedenhaus, rot mit weißen Rahmenhölzern. Und der Kumpel-Typ öffnete die Tür, kaum dass sie vor dem Haus angekommen waren.
„Aah, na sowas! Du solltest öfter mal in die Stadt fahren.“
Anneke war geschätzt ebenfalls Mitte vierzig, mittelgroß, hatte dunkle, fransig geschnittene, schulterlange Haare und musterte Erik aufmerksam aus klaren, blauen Augen.
„Bekommt man so etwas in der Apotheke?“ Sie war in der Tür stehen geblieben, gab ihm die Hand und zog ihn leicht mit ins Haus.
„Im Wald, neben der Straße. Er hat sein Auto oben vor Lasses Haus an einen Baum gefahren.“
„Oh, wie unpraktisch, noch dazu bei dem Wetter.“ Nur eine Armlänge stand sie von ihm entfernt, in ihren Augen blitzte der Schalk. „Der arme Kerl ist ja vollkommen durchgeweicht.“ Sie sah zu, wie er seine Schuhe von den Füßen zerrte. „Sie können wählen zwischen Wäschetrockner oder Sauna.“ In dem kleinen Windfang wurde es eng und sie schob ihn weiter ins Haus, „Schläft der Arme in dem kleineren Zimmer, oder hast du schon etwas Anderes geplant?“
„Mal sehen, was sich ergibt.“
Das kleinere Zimmer als klein zu bezeichnen, durfte als ziemliche Übertreibung durchgehen, es war winzig. Ein schmales Kiefernbett, ein einfacher Schrank am Fußende des Bettes und ein Stuhl ließen gerade noch genug Platz zum Aus- und Ankleiden; eine normale Gefängniszelle war inzwischen größer.
Der eigentliche Wohnraum nahm dagegen über die Hälfte des Hauses ein. Blickfang und Mittelpunkt des Raumes war ein gusseiserner Ofen, vor einem breiten, freistehenden Kamin. Ein Ofen, der eher einer alten, filigran gestalteten Kommode glich, hinter deren Glasscheiben ein Kaminfeuer brannte. In gemütlichen Sesseln vor diesem Ofen verbrachten sie den Rest des Abends, das lebendige Feuer im Blick und einen guten Rotwein im Glas. Es war ziemlich genau das, was Erik an diesem Abend brauchte: viel Wärme, einen guten Rotwein und den angenehmen Duft von Kiefernholz.
Er erfuhr, dass seine Fahrerin Ulrike Teisch hieß. Sie war Ärztin und praktizierte als Neurologin in Kiel.
Der Kumpeltyp war Anneke Berg. Zusammen mit ihrem Mann betrieb sie in Göteborg einen erfolgreichen Onlinehandel mit Antiquitäten und mit Sexspielzeug. Eine sehr lukrative Kombination, wie sie sagte.
„Ich denke, er ist Lehrer. Geschichtslehrer vielleicht, oder?“ Ulrike wandte sich an Anneke, musterte ihn dann abwartend.
Die hat Augen wie ein Husky , dachte er.
„Bist du Lehrer?“ Anneke füllte sich Wein nach, sah ihn über das Glas hinweg an.
„Vielleicht. Vielleicht bin ich ja auch ein Bankangestellter oder eher noch Steuerprüfer.“
„Glaube ich nicht.“ Anneke hielt den Kopf leicht schräg, musterte ihn mit ruhigem nachdenklichem Blick. „Dafür scheinst du mir zu lebendig.“
„Ich gehöre zu der Sorte von Menschen, die euch jeden Tag mit den neuesten Gemeinheiten aus aller Welt konfrontiert.“
„Oh ha! Ein Journalist.“ Ulrike warf ihm einen raschen Eisblick zu. „Das hättest du man gleich da oben auf dem Berg sagen sollen. Für wen schreibst du?“
„Wer meine Informationen haben will, kauft sie halt, vorwiegend Printmedien.“
Er beugte sich vor, drehte sein Weinglas zwischen den Fingern.
„Ich habe immer noch diese Frau vor Augen. Wie sie da in ihrem langen weißen Kleid plötzlich vor meinem Auto auftaucht. Dieses alte Gesicht. Was ist mit dieser Lotta?“
Die beiden Frauen warfen sich einen schnellen Blick zu.
„Du fragst das jetzt nicht als Journalist?“
„Als Betroffener. Jetzt klebt nur mein Auto da oben am Baum, aber ich hätte leicht einen Menschen töten können. Einen sonderbaren, aber offensichtlich hilflosen Menschen.“
„Wohl wahr.“ Anneke sah von ihm zu Ulrike hinüber. „Du kennst doch die Verhältnisse hier. Kümmert sich eigentlich jemand um Lotta, oder hängt die Arme nur an diesem Lasse?“
„Lasse ist ihr Bruder?“
„Wie willst du an dem hängen? Der hat nur die Flasche im Arm und geht auf jeden los, der ihm in die Quere kommt.“
„Aber Lasse ist also ihr Bruder?“ Erik dachte an die Puppe, witterte die Ungeheuerlichkeit und wollte es einfach wissen.
„Lasse ist alles Mögliche, und im Übrigen: Du solltest nicht darauf hoffen, von dem auch nur eine schwedische Krone für deinen Schaden zu bekommen. Der hat nichts. Und wenn er mal was hat, dann geht es durch den Hals. Aber verwandt ist Lasse nicht mit Lotta.“
Ulrike warf ihm einen Blick zu, kurz und abwägend.
Die ist kalt wie ein Kilo Sülze, dachte er.
„Lotta ist erst so um 95 hierhergekommen, zusammen mit der Frau, die sich der alte Jansson, Lasses Vater, ins Haus geholt hat. Waltraud aus Leipzig. Walli nannte der Alte sie immer. Ein fürchterliches Weib, nicht viel besser als Lasse. Und jetzt möchte ich den Rotwein genießen und mag nicht länger über diese abstoßenden Leute reden.“
„Ist ja auch alles gesagt.“ Anneke zog ihren rechten Fuß auf die Sitzfläche und wies mit dem Weinglas in der Hand zu ihm herüber. „Was geschieht jetzt weiter mit dir, mit deinem Auto?“
„Ich muss morgen früh nach Arjäng, nochmal zur Polizei. Und dann muss ich mir jemanden suchen, der meinen Wagen da aus dem Wald zieht. Ich werde mir eine Taxe bestellen.“
„Das kannst du vergessen. Die Taxe müsste aus Arjäng kommen, auch durch den Wald. Die kommt nie hier an, ganz sicher nicht.“ Ulrike sah hinüber zu Anneke, die ihrem Gespräch nicht folgte und versonnen ins Feuer starrte. „Kann er nicht mit deinem Ranger fahren? Der steht ja ohnehin nur hier herum.“
„Wenn er verspricht, ihn nicht an einem Baum zu parken.“
Der Schlaf kam, bevor Erik richtig lag. Er sackte einfach weg ins Schwarze. Fiel durch das schmale Bett hindurch ins Bodenlose – und war nach zwei Stunden wieder hellwach. Lotta hatte ihn gefunden.
Er wälzte sich herum, musste unbedingt den Film anhalten, der in einer Endlosschleife durch seinen Kopf raste. Der Film begann immer mit den Bäumen. Immer sah er die Bäume zuerst. Sah sie vorbeirasen in erschreckender Geschwindigkeit. Und dann stand plötzlich Lotta im Licht der Scheinwerfer. Ein Wesen im schneeweißen Kleid, mit grauen Haaren bis auf die Erde und mit großen traurigen Augen. Stand da im Regen zwischen den Bäumen. Wurde immer größer und klarer und noch größer, während er auf sie, auf diese großen Augen und auf die Bäume zuraste.
Er musste diesen Film aus dem Kopf bekommen.
Eine Zeitlang saß er im Dunkeln auf der Bettkante, suchte nach anderen Gedankengängen.
Die Frauen, wie hatten die sich nur gefunden? Verschiedener ging ja gar nicht. Es war kaum vorstellbar, dass diese beiden hier tagelang harmonisch zusammenleben konnten.
Anneke war eine Frau, die in sich und ihren Erfahrungen ruhte. Ihre Nähe, ihre warme Stimme, die ihm vom Gehörgang gleich bis in den Bauch fiel, der zarte, kaum wahrnehmbare Duft, der von ihr ausging, all das empfand er als angenehm, in aufregender Weise stimulierend.
Ulrikes Nähe, ihre Dominanz, versetzte ihn eher in Anspannung. Sie war eine reife, sehr interessante Frau. Intellektuell und zugleich verführerisch, mit einem begehrenswerten, geschmeidigen Körper und sinnlichen Gesichtszügen. Aber sie hatte die Anmutung eines Betonmischers.
Irgendetwas stimmte nicht mit den beiden, aber das sollte ihn nicht interessieren.
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