„Lotta?“ Vorsichtig und eher rutschend stieg er zu ihr hinunter in den Graben. Sah, dass sie eine Bewegung machte, als wollte sie aufstehen, vielleicht vor ihm fliehen. Sie zog das Bein an, versuchte sich von ihm weg zu drehen. Aber das Ergebnis war lediglich ein abgehacktes Stöhnen. Etwas hinderte sie daran, die Bewegungen richtig auszuführen. Er blieb, wo er war, beugte sich nur zu ihr herunter.
„Lotta, du musst keine Angst haben. Ich will dir helfen. Tut dir etwas weh? Hast du Schmerzen?“
Aber Lotta wimmerte nur leise vor sich hin, schaukelte langsam vor und zurück. Sie hatte den Kopf tief zwischen ihre Schultern gezogen, starrte ihn mit ihren großen, dunklen Augen von unten herauf an. Er fühlte Mitleid mit diesem schutzlosen Wesen und er fühlte sich hilflos. Sah, wie der Regen unaufhörlich an ihr herunterlief, an ihren langen Haaren herunter und über ihr Gesicht. Ein merkwürdig altes Gesicht.
„Lotta, dein Kind. Was ist mit deinem Kind?“
Augenblicklich saß Lotta ganz still. Dann, als habe er sie an etwas Wichtiges erinnert, riss sie Mund und Augen erschreckt auf. Sah ihm mit brennendem, stechendem Blick fest in die Augen. Unvermittelt zog sie das, was sie in den Armen hielt, mit einem Ruck bis zum Kinn hoch und beugte sich dann schützend weit darüber.
„Baby!“ Sie stieß es heraus, dumpf, unter Anspannung. Schaukelte aufgeregt vor und zurück. Unversehens dann ruckte sie auf dem nassen Boden herum. Jammerte auf, mehrmals, abrupt, und versuchte in mehreren Anläufen aufzustehen. Endlich blieb sie wimmernd und wieder in sich gekehrt sitzen. Er konnte sie nicht erreichen.
„Sie hat kein Kind. Sie hält eine Puppe, eine alte Puppe.“ Erik richtete sich langsam auf, wischte sich über das Gesicht. „Mein Gott. Eine Puppe.“ Erschöpft zog er sich an herunterhängenden Ästen aus dem Graben.
„Sieht aus, als hätte sie sich was gebrochen. Sie kann sich nicht bewegen.“
„Und Sie haben sich auch verletzt. Sie bluten an der Hand.“ Die Frau richtete ihr Licht auf sein Gesicht. „Und haben sich gerade über das Gesicht gewischt.“
Es war eine kleine Schnittstelle im Handballen der rechten Hand. Er hatte sie bisher nicht bemerkt und schenkte ihr auch jetzt keine Beachtung. Der Regen lief darüber und sie würde schon aufhören zu bluten.
„Okay. Ich rufe ja sowieso den Krankenwagen – und ich muss die Polizei rufen. Tut mir leid.“
Aber er hatte sich schon abgewandt, tastete seine Taschen ab. „Fühlt sich an, als wäre ich in voller Montur Schwimmen gewesen. Ich suche mein Smartphone.“
„Das liegt vermutlich im Auto. Oder?“ Sie hatte ihr Smartphone schon am Ohr, wartete darauf, dass die Verbindung zustande kam.
Das Auto! Er fuhr herum. Wenige Meter neben der Straße, zwischen all dem tropfenden Wildwuchs, sah er das spärliche Abblendlicht, das im dichten, nassglänzenden Buschwerk versickerte. Sah den dunklen Umriss des X3 ganz nah neben einem dicken Baum.
Nein! Verdammt nein! Nicht das auch noch. Er fühlte sich unvermittelt dumpf, erledigt, stand mit geschlossenen Augen einen Atemzug lang nur da. Dieser ganze Tag war ein einziges sich steigerndes Desaster gewesen, und das hier war der Höhepunkt. Hoffte er jedenfalls.
Er verließ die Straße, stieg über niedergerissenes Buschwerk hinweg in den Wildwuchs. Rutschte unsicher umher und stolperte im Dunkeln über Äste, Wurzeln und herumliegende Steine auf sein Auto zu. Spürte jetzt, wie das Wasser bei jedem Schritt in seinen Schuhen quotschte, wie schwer die Kleidung an seinem Körper klebte und spannte. Vor ihm tauchten die Rücklichter auf. Zwischen Baumstämmen und niedergewalztem Buschwerk leuchteten sie ihm diffus entgegen; er fürchtete das Schlimmste.
Aber dann sah es gut aus. Er wischte den Regen aus dem Gesicht, atmete tief durch. Das hatte ihm zugesetzt, mit jedem Schritt mehr, die Befürchtung, den Wagen schwer beschädigt hier vorzufinden. Im Licht der Rückleuchten aber und in all dem nassen Chaos, welches ihn umgab, war der Wagen bis zum Dach verdreckt, aber unversehrt. Er folgte mit den Augen den Konturen, war zufrieden mit dem, was er erkennen konnte, öffnete die Beifahrertür und spürte augenblicklich so etwas wie einen elektrischen Schlag.
Im Licht der Innenbeleuchtung glitzerten auf den Sitzen und im Fußraum unzählige kleine Glassplitter und Glasbruchstücke, die Airbags an der Fahrertür hingen schlaff herunter. Beim Herausklettern hatte er all das nicht wahrgenommen – auch nicht, dass er sich an den Glassplittern geschnitten hatte. Aber die Empfindung war sofort zurück. Den Aufprall empfand er wie einen Nachhall mit anschließendem Schlag in den Magen. Er hatte den Wagen ruiniert. Der X3 war mit der ganzen Wucht seines Gewichts an einer dicken Fichte eingeschlagen. Die Fahrertür und der darunterliegende Holm hatten ihr nachgegeben und waren ins Innere des Wagens hineingepresst worden. Das war’s.
Zum wiederholten Mal wischte er sich das Wasser aus dem Gesicht und schlug die Tür zu. Mit der nassen Kleidung konnte er sich sowieso nicht ins Auto setzen.
Das Smartphone! Genervt riss er die Tür wieder auf, musste sich über den Sitz hinunterbeugen, um das Smartphone aus dem Fußraum zu fischen.
„ Sture Bengtson.“ Kopf und Arm waren noch im Fußraum, als Sture Bengtson wie eine Stichflamme in seinem Kopf aufleuchtete.
Bockmist verdammter! Er zog sich aus dem Fußraum zurück und ließ sich erschöpft auf die Sitzkante fallen, die Füße draußen auf dem Waldboden.
Sture Bengtson ! Das war der ultimative Gau! Jetzt hatte er die Chance gründlich vermasselt.
Aber er musste diesen Kerl treffen. Musste ihn treffen, bevor der sein brisantes Material an den nächsten verkaufte.
„Sieht schlimm aus, oder?“ Die Fremde rief es herüber, stand auf der Straße an ihrem Land Rover.
„Noch schlimmer und nicht weniger.“ Erik schloss die Tür und stolperte zurück zur Straße. „Jetzt hänge ich hier fest. In jeder Hinsicht. Verdammt.“ Wütend kickte er einen größeren Stein ins Gebüsch.
„Kommen Sie, setzen wir uns in den Rover. Polizei und Krankenwagen sind unterwegs, dann haben wir es bald hinter uns.“
Er blickte in die Dunkelheit, die von den Rücklichtern des Rovers rot gefärbt wurde. „Müssen wir nicht irgendetwas für diese Lotta tun? Sie wird sich da unten den Tod holen.“ Die nasse Kleidung sperrte am Rücken und an den Knien, als er sich in den Rover hineinzog.
„Ich habe ihr eine dicke Decke hier aus dem Wagen übergelegt. Mehr kann ich nicht tun.“ Sie stellte die Klimaanlage auf ‚Heizen‘. „Ich bin nicht gerade empfindlich, aber jetzt bin ich durchgefroren.“ Sie zog sich zusammen, simulierte ein kräftiges Zittern und schob die tropfende Kapuze vom Kopf.
„Ich überhaupt nicht!“ Er ließ den Kopf nach hinten an die Stütze sinken. „Ich tu nur so und bin froh, dass ich ein wenig trocknen kann.“
„Wo bleiben Sie nachher? Haben Sie hier irgendwo etwas gebucht?“
„Ach man! Ja, das auch noch! Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Vielleicht hat die Polizei ein warmes Kämmerchen für mich – nur für diese Nacht.“ Er musterte sie von der Seite, sah ihr zu, wie sie mit einem Papiertuch über ihr Gesicht wischte. Sie hatte dichtes, naturblondes Haar, am Hinterkopf locker zusammengerafft und hochgesteckt. Er dachte, dass das irgendwie nicht zu ihr passte. Es wirkte zu rustikal. Aber andererseits sah es gut aus, so nach unkompliziertem Naturtyp, mit dem man Pferde stehlen konnte . Zwischen vierzig und fünfzig mochte sie wohl sein, schätzte er.
„Es geht weiter. Da hinten. Ich sehe es im Spiegel.“ Sie wies auf ihren Rückspiegel, zog sich die Kapuze wieder über den Kopf. Schon der Tür zugewandt, hielt sie einen Augenblick inne, sah dann noch einmal zurück, über die Schulter, so als sei ihr noch etwas eingefallen.
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