Mittwoch, 17. Januar 1990
Treffen mit Helmut. Jetzt ist sogar Helmut aufgebracht und in großer Sorge: Der Pöbel hat die Firmenzentrale in Berlin gestürmt. Die haben Zugriff auf die Akten!
Im Nachhinein fragt man sich, welche Trottel uns da regiert haben. Dieses Material hätte der Erich längst in den Ofen werfen können.
Jedenfalls geht’s jetzt ums Ganze. Was fehlt sind die Papiere und Geld natürlich. Die werden uns schon bald ihre schöne Westmark aufdrängen.
In der nächsten Woche bringt Helmut die Papiere.
Mittwoch, 24. Januar
Helmut ist nicht gekommen! Der wird mich ja wohl nicht hängen lassen? Auch Helmut ist nur ein Mensch, er soll es nicht wagen. Das Wasser steht uns allen bis zum Hals.
Mittwoch, 28. Februar
Keine Nachricht von Helmut. In all den Wochen keine Nachricht! Bin nahe daran, mich selbst zu behandeln.
Alle „Politischen“ sind aus der Haft entlassen worden! Ich fasse es nicht! Als hätten wir die nur zum Spaß inhaftiert. Als ob wir Sadisten waren.
Jedenfalls kann jeden Tag hier die Bude hochgehen. Und diese Quertreiber und Unruhestifter werden sich nicht bei uns für die „Vorzugs-Behandlung“ bedanken.
Ich habe das Gefühl, die stehen schon unten vor der Tür, die Slaviks, Kotitsch und wie sie alle hießen.
Meine Papiere, Helmut!!
Mittwoch, 04. April
Endlich! Endlich! Helmut war am Treffpunkt. Und er hat die Papiere mitgebracht! Endlich! Geburtsurkunde, Pass, Meldebescheinigung usw., alles, was man so braucht, um als zivilisierter Mensch zu gelten.
Mittwoch, 20. Juni
War heute mit Helmut zusammen in Dresden. Wir haben uns ein Konto bei der „Dresdner Bank“ eingerichtet. Habe das Klinikgeld bereits eingezahlt (63.000 Ostmark). Soll ja 1:1 umgetauscht werden. Damit wäre ich erstmal aus dem Gröbsten raus. Außerdem haben wir ja noch 12.000.- Mark auf unserem Familienkonto in Waldheim. Ich habe es verdient, und ich nehme es mit. Lasse Katrin 3800.- Mark Übergangsgeld da. Danach muss sie sich halt umschauen. Wir leben alle unser eigenes Leben.
Oslo, 12. September 2016.
Ein Montag, trübe, regnerisch, ohne jede Verheißung. Erik sah aus dem Hotelfenster, die Arme vor der Brust verschränkt. Schon seit zwei Tagen saß er hier fest, sah hinaus in den Regen und wartete darauf, dass es endlich losging. Wie er das hasste. Wie er diese Typen überhaupt hasste. Hier ging es um alles oder gar nichts und diese Typen spielten mit der Zeit.
Unten im Hafen schob sich eine Fähre der „Stena Line“ behäbig aus ihrer Anlegebucht, quirlte das dunkle Wasser an ihrem Heck schaumig auf. Schob sich dann wie in Zeitlupe an einer mächtigen, blauen Fähre vorbei, deren Heck eine endlose Schlange von PKWs und LKWs absonderte.
Erik sah das alles nicht. Unzuverlässigkeit war etwas, was ihm geradezu physische Schmerzen verursachte. Zumal, wenn es sich um solche riskanten Aktionen handelte. Sein Blick flog zum x-ten Mal hinüber zur Uhr am rechten Rathausturm: vierzehn Uhr fünfzig.
„Verdammt! Es reicht jetzt! Komm schon, Bengtson! Komm schon! Lass mich nicht hängen, Kerl!“
Mit zusammengepressten Lippen brannte er seinen Blick auf der Uhr fest. Er kam an diesem verdammten Bengtson nicht vorbei, aber geahnt hatte er es. Im Voraus schon, von Anfang an. Er kannte diese radikalen Typen. Die lebten nur in ihrer eigenen Welt, kannten nur ihre eigenen Regeln, waren einfach…
Hinter ihm auf dem Tisch gab das Smartphone ein klares „Ping“ von sich. Er fuhr so heftig herum, dass er gegen die Tischkante stieß. Griff nach dem Smartphone und öffnete die eingetroffene Mitteilung.
„Hau ab! Verschwinde aus Oslo. Sofort! Treffen achtzehn Uhr Scandinavian in Arvika. S.B.“
Was sollte das denn jetzt? Verschwinden! Er zog seine Tasche heran, schob sein Laptop noch hinein und war schon an der Tür. Offensichtlich hatte der Bengtson tatsächlich was ziemlich Heißes in der Pfanne. Davon war im Voraus nicht die Rede. Verdammt! Und dann jetzt „Arvika“. Wo lag denn das jetzt? Wo lag Arvika? Er hetzte zu seinem Auto, weckte sein Navi, sah sich die Karte an: Arvika in Schweden, hundertsechzig Kilometer von Oslo entfernt. Er brauchte nur der E18 zu folgen. Mit etwas Glück war das machbar. Aber das war auch wieder so etwas. Warum nicht neunzehn Uhr? Du verdammter Kerl weißt genau, dass ich hier in Oslo bin. Er schaltete das Navi aus, fädelte sich in den Verkehr ein.
Zwanzig Minuten später lag Oslo hinter ihm, die Grenze nach Schweden überfuhr er um sechzehn Uhr fünfunddreißig. Der Regen wurde stärker.
Zwei Kilometer hinter Töcksfors kroch vor ihm ein mit Baumstämmen beladener LKW aus einem Waldweg auf die Fahrbahn. Erik ließ sich etwas zurückfallen, wollte nicht den hochgewirbelten Dreck auf der Scheibe haben.
Die Zeit rann dahin. Er setzte mehrere Male zum Überholen an und musste doch wieder hinter den LKW zurück. Und dann wurde er allmählich unruhig. Er saß fest hinter dem LKW, während ihm die Zeit davonlief. Als er ihn endlich an einem Berg überholen konnte, war es siebzehn Uhr fünfundzwanzig. Er fuhr am Ortseingangsschild von Arjäng vorbei.
Arjäng! Nur einen Atemzug lang stockte er, dann wusste er, dass etwas verkehrt lief. Er war noch auf der E18, aber Arjäng lag nicht auf seiner Strecke. Dort gab es vor Arvika keinen Ort dieser Größe.
Er steuerte den nächsten Parkplatz an, stieg aus und lief durch den Regen zu einem Toilettenhaus. Die eintönige Fahrt hinter dem LKW, das regelmäßige Schrubben der Scheibenwischer – er hatte sich einlullen lassen. Es musste irgendwo einen Abzweig nach Arvika gegeben haben, und den hatte er übersehen.
Ein langer Kühl-LKW donnerte in einer Gischtwolke vorbei, zog seinen Blick hinter sich her. Er würde es nicht mehr rechtzeitig schaffen. Die Erkenntnis schmerzte geradezu. Bengtson war eine vorsichtige Ratte. Der würde sich kaum ein zweites Mal herauslocken lassen.
Erik sandte ihm eine SMS, bat um Zeitverlängerung. Die Antwort kam prompt: „Ok, bis achtzehn Uhr dreißig.“ Es war siebzehn Uhr siebenunddreißig. Kaum eine echte Chance. Verdammt noch mal, was sollte das für ein Spiel sein?
Er stieg wieder ein, rief sein Navi auf, änderte das Routenprofil auf „kürzeste Strecke“ und gab „Arvika“ ein. Unbekannte Gegend, Dunkelheit und heftiger Regen, was sollte da schon passieren? Er entschloss sich, alles auf eine Karte zu setzen, schloss die Wagentür, und fuhr wieder zurück auf die Straße.
„Nach zweihundert Metern rechts abbiegen.“
Na also. Seine Laune hellte sich im gleichen Maße auf, in dem es allmählich dunkel wurde.
Er bog ab, folgte nach wenigen Minuten der neuen Anweisung und war dann auf der Straße nach „Lenungen“ und zum „Naturreservat Glaskogen“.
Das Navi wusste offenbar, was er bevorzugte: asphaltierte, gerade verlaufende Straßen und möglichst kein Verkehr. Er jagte den BMW die Straße entlang, schien das einzige Fahrzeug auf dieser Strecke quer durch den Wald zu sein. Misstrauisch machte ihn diese Tatsache erstmal nicht.
Vier Kilometer später war jedes Misstrauen überflüssig. Übergangslos wechselte der Straßenbelag von Asphalt zu Schotter. Er ahnte sofort, dass er sich verpokert hatte: Regen, Dunkelheit und Schotterstraße quer durch den Wald. Das war wohl die mieseste aller Karten, und er musste sie auf Gedeih und Verderb spielen
Inzwischen leuchteten die Scheinwerfer eine Regengasse zwischen den Bäumen aus, in der nur sichtbar wurde, was das Licht erfasste. Immer wieder tauchten Kurven überraschend vor ihm auf, zwangen ihn zu hektischen Reaktionen. Die Zeit saß ihm im Nacken, die Fahrt wurde allmählich anstrengend und er verfluchte sein Navi.
Die Scheibenwischer! Ihr hastiges Hin- und Herhudeln nervte ihn, machte ihn kribbelig. Außerdem beschlugen die Scheiben. Er tastete nach dem Schalter der Klimaanlage. Im gleichen Augenblick huschte etwas durch sein Blickfeld. Sein Blick zuckte hoch: Im bisher dunklen Rückspiegel bewegten sich die Scheinwerfer eines anderen Fahrzeugs, undeutlich und noch weit hinter ihm. Er ließ den Heckscheibenwischer arbeiten.
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