Werbefahrten der vorgestellten Art waren nur äußerst selten möglich; es mangelte am erforderlichen Treibstoff. Und da seine Tätigkeit offiziell auf das ‚große Lager‘ beschränkt war, stieß er bei seinem Ansinnen auf zusätzliche Zuteilungen auf taube Ohren. Aber auch hier konnte eine Lösung in Sicht sein. Regelmäßige, auf Gesundheit und Wohlbefinden ausgerichtete Besuche bei der schönen Jankowski sollten seinen Vorstoß auf die britische Armee und deren Treibstofflager vorbereiten. Offizier Tom war auch ihm nicht entgangen und wer sollte mehr Interesse an einer ärztlichen Rundumversorgung von Frau Jankowski haben, als er. Dass regelmäßige Treibstoffgaben diese Versorgung erleichtern würden, sollte dem Herrn Offizier einleuchten und mit dessen Interesse an einer gesunden einsatzfähigen Geliebten harmonieren.
Denn, erst kommt das Fressen und dann die Unmoral, oder umgekehrt, egal, Hauptsache es klappt, dachte er sich.
Aber reinschauen hätte er trotzdem können. Ob der ne feste Braut hat? Vielleicht zurückgelassen in Stettin oder verloren gegangen. Aus dem Dorf bestimmt keine, der nicht, achtundneunzigprozentig nicht. Oder umgekommen, wie viele andere auch.
Frau Jankowski hatte sich auf die Matratzen im Allzweckraum neben der Küche gelegt, und sie überließ sich ihren Gedanken an die Zeit vor der Flucht. Sie dachte an ihre große Liebe in Gestalt eines hinreißenden Kapitäns, den sie in Stettin kennengelernt hatte, und für den sie den vorgesehenen angehenden Pfarrer sich selbst und seiner frömmelnden Seele überlassen hatte. Ihr Vater, für den ihr Seemann ein ‚gewissenloser Hallodri‘ war, hatte Recht behalten. Als ihre Tage ausblieben, verzog sich auch der Kapitän auf große Fahrt, vielleicht seine letzte. Sie wusste es nicht.
Und Stettin, das zerbombte Stettin, war eine Art Schicksalstadt für sie; sie sah es jedenfalls so. Sie hatte sich geweigert ihre Eltern nach dort zu begleiten, zum Geburtstag ihres Onkels, der - wie ihr Vater auch - Pfarrer war, und bei dem sie ihren Zukünftigen kennenlernen sollte. Niemand hatte die Feier überlebt. Ein Volltreffer hatte alle und alles zu Schutt und Asche verwandelt. Sie und ihr Kind hatten überlebt, weil sie an die große Liebe geglaubt hatte.
Dieser ‚Hallodri‘, dachte sie, dafür müsste ich ihm eigentlich noch dankbar sein.
Stettin: Tanzen, Promenade, Ostsee, Küsse auf Terrassen, die letzten Strahlen der Sonne auf dem Wasser und auf meiner Haut. Stettin, sie atmete tief, Stettin war einfach schön. Dem Doktor hätte ich dort auch begegnen können während seiner Ausbildung am Krankenhaus an der ... - die Straße fiel ihr nicht mehr ein -, und ausgerechnet der jetzt hier, hier in Hermannsdorf. Wenn hier wenigstens sowas Ähnliches wie die Ostsee wäre, nur ein kleines bisschen See, ein Fluss mit ner Badestelle tät’s zur Not auch.
Aber sie sah weit und breit nichts, was sie an ihre geliebte Ostsee erinnert hätte.
Die Sommer am Stettiner Haff! Es kam ihr heute so vor, als ob dort außer Sonne nichts an Wetter stattgefunden hätte, dass sie am liebsten rund um die Uhr geschienen hätte, wären da nicht die Liebespaare gewesen, für die sie eine Pause einlegte in den kurzen Nächten. Die kurzen Nächte am Haff. Auch sie war ihrem Zauber erlegen mit und ohne Seemann, aber meistens mit ihm. Sanfte Wellen waren über sie geglitten, als er zum ersten Mal in sie eindrang. Sie schloss die Augen und fühlte wieder das weiche Wasser, wie es gegen ihren Körper schwappte und den Liebesrhythmus ihres Kapitäns begleitete. Und in einer dieser Nächte hatten die Spermien des Seemanns Erfolg.
Robbi, der im Meer gezeugte und von Wellen umspielte Robbi, sie lächelte und ließ sich treiben auf ihren Erinnerungen und Sehnsüchten, und Hermannsdorf versank mit ihr in der Ostsee.
„Von Onkel Tom?“
Robbi stand vor ihr mit dem Paket, das sie vor lauter Ostseewellen aus dem Blick verloren hatte.
„Von wem sonst!“
„Darf ich?“
„Nun mach schon, aber vorsichtig, nicht dass das Packpapier...“
„Ich pass schon auf, siehste doch.“
Behutsam löste Robert die Klebestreifen von dem Paket. Seine Mutter stemmte sich von der Matratze hoch und verfolgte gespannt das Auseinanderklappen des Einwickelpapiers und sah, dass sie mit ihrer Vermutung richtig gelegen hatte.
„Der gute Tom“, sagte sie und küsste ihren Sohn auf die Wange. „Das hilft ne Weile weiter.“
Eine ganze Stange Zigaretten, meine Güte, das ist ja ein kleines Vermögen, und sie malte sich aus, welche Möglichkeiten sich damit für sie eröffneten. Ein paar richtige Nylonstrümpfe wollte sie sich auch gönnen und das ein oder andere für Drunter; Tom sollte schließlich auch was davon haben, und einen ...“
„Hier ist noch ein Briefumschlag, sicher für dich.“
„Aha, da bin ich aber gespannt.“
Sie nahm das Kuvert, hatte ein ungutes Gefühl, dass da vielleicht eine unangenehme Nachricht auf sie zukäme, öffnete es, verschloss es wieder, sah ihren Sohn an, kräuselte die Stirn, überlegte noch ein paar Augenblicke, reichte ihm das Kuvert zurück und sagte: „Ich glaube ..., ich glaube, das ist für dich.“
„Ehrlich?“ Er öffnete den Umschlag wieder, sah den Inhalt, rief: „Onkel Tom ist der Beste“, - hoffentlich noch lange, dachte seine Mutter - holte sein Briefmarkenalbum aus der Schultasche und legte sich mit seinen Schätzen auf die Matratzen. Frau Jankowski ging in die Küche; hier war sie für eine Weile nicht mehr gefragt.
„Überhaupt keine doppelten diesmal.“
Robert strahlte über alle Backen. Er zeigte seiner Mutter die Marken, die er eingeklebt hatte, jede berührte er noch einmal vorsichtig.
„Und alle aus England und den Kolonien.“
Als ob er sie streichelt, zum Abschied, bis zum nächsten Mal. Mit Tom und diesem kleinen ‚Wassermann‘ habe ich wirklich Glück gehabt, dachte sie, und sagte, dass sie noch schnell zum ‚großen Lager‘ wolle, wegen der Zigaretten. Mit dem Fahrrad von Remmerts ginge das schnell, zum Abendessen sei sie wieder da, inzwischen könne er sich ja um seine Schularbeiten kümmern.
Im Bett berichtete Robert von dem Nachmittag in der Höhle, die außer Hannes und ihm keiner kennen würde, und ob er morgen nochmal hin dürfe, er habe Hannes Briefmarken versprochen, die er doppelt habe.
Na bitte, es läuft wie geschmiert, dachte Frau Jankowski.
„Aber denk dran, dass du noch im Hellen ...“
„Ich weiß“, sagte Robert.
„Den Johannes kannst du wohl gut leiden?“
„Wir sind Freunde“, sagte Robert.
„Schön, dann bring ihn doch mal mit.“
„Ich denke, solange wir in der Baracke sind, soll ich keine ...“
„Schon, aber wo ihr doch Freunde seid, ist das was anderes; der versteht das sicher.“
„Glaube ich auch“, sagte Robert.
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