Nicht mal das Kleid, dachte sie, als sie über den verkrausten Stoff strich.
Für alle genug ‚Spiegeleier mit Bratkartoffeln‘, von mir für alle.
Hannes spürte schon jetzt die bewundernden Blicke, die sich auf ihn richten würden. Vielleicht würde sein Vater ihm sogar die Hand schütteln, wie bei einer Siegerehrung, wenn man es bis unter die ersten drei geschafft hat, und seine Mutter würde ihn in den Arm nehmen und voller Dankbarkeit über das Haar streicheln, begleitet vom Beifall seiner beiden Geschwister, die älter waren als er, schon richtig erwachsen - seine Schwester jedenfalls -.
Und Sandmanns Kirschbaum? An der Kirche vorbei, an den Lichtspielen rechts rein, dann nur noch ein paar Meter; das kann ich auch schaffen, dachte er.
Mama war jedenfalls ganz komisch und Papa eben auch am Fenster, wie Diebe, wenn sie beim Einbruch überrascht werden. Ausgerechnet Papa und Mama, er schüttelte den Kopf und überlegte, ob er das auch beichten müsste, wenn es so weit wäre, dass er zur Beichte gehen dürfte und zur ersten Heiligen Kommunion. Aber das dauerte leider noch fast ein ganzes Jahr.
Nein, jetzt waren die Eier wichtiger. Das würde ein Fest. Missionar im Urwald könnte nicht schöner sein, vielleicht noch ein bisschen aufregender wegen der Neger, die immer darauf aus waren, Missionare in Kessel mit kochendem Wasser zu schmeißen, natürlich nur so lange, wie sie nicht getauft waren, denn nach der Taufe waren sie ja katholisch, zwar noch Neger, aber keine richtigen Neger mehr, denn jetzt konnten sie ja auch in den Himmel kommen. In einem Missionsheft hatte er gelesen, dass in besonders schwierigen Fällen - wenn sich einer hartnäckig weigerte zum Beispiel, oder einer besonders gefährlich war - sogar heimlich Taufen vorgenommen würden, ohne dass die überhaupt was davon mitkriegten zunächst und erst dann was merkten, wenn sich der Heilige Geist langsam in ihnen ausbreitete.
Das ist ganz schön spannend, dachte er, während er sich dem Gras- und Brennnesselbusch näherte, in den die zerschlagenen Eier heruntergelaufen sein mussten.
„Spiegeleier mit Bratkartoffeln“, hauchte er nach einem tiefen Atemzug aus sich heraus.
Missionare, getaufte und ungetaufte Neger verschwanden nun ebenso schnell, wie sie aufgetaucht waren. Jetzt galt es sich der Beute unauffällig zu nähern, sich ihrer noch unauffälliger zu bemächtigen und sie in Windeseile in Sicherheit zu bringen. Alles sprach für ein glückliches Gelingen. Kein Mensch weit und breit. Nur eine Katze hatte sich ein Stückchen weiter an die Mauer gestreckt. Die Maiandacht würde noch eine Weile dauern.
Mit jedem Schritt, der ihn seinem Ziel näher brachte, blähte sich sein Vorhaben zu einem Abenteuer, das - wenn überhaupt jemand - nur er bestehen konnte. Als Ritter ohne Furcht und Tadel fühlte er sich, siegreich im listigen Kampf gegen seine Widersacher: Willi, Pissnelke und vor allem Otto, diesen ‚üblen Burschen‘.
An dem oberen Teil der Mauer sah er Reste der heruntergelaufenen Eidotter.
Jetzt muss ich alles richtig machen, dachte er, keinen Fehler, nicht stolpern, dass der Topf auf die Steine fällt und die Kelle, und es scheppert, und es kommt noch jemand wegen dem Krach.
Er sah noch einmal in alle Richtungen, duckte sich, drückte den Topf mit der Kelle fest an seinen Bauch und arbeitete sich im Kniegang bis zu den zerbrochenen Eiern vor. Als er durch die Brennnesseln und die hohen Grashalme erste Eierschalen - zum Greifen nah - sah, ließ er sich auf die Knie fallen, nahm mit der rechten Hand die Kelle aus dem Topf, hielt mit der anderen den Topf einfüllbereit an den Rand der Brennnesseln und Gräser und beugte sich über den zu bergenden Schatz.
Nur nichts verplempern, dachte er beim Anblick der zerbrochenen Eierschalen, bis ihm klar wurde, dass er tatsächlich nur Schalen sah, weiße und braune Eierschalen. Von gelbem Dotter oder schlierigem Eiweiß keine Spur.
Sicher unter den Schalen, dachte er, stellte den Topf beiseite und schob die Schalen vorsichtig auseinander; in der rechten Hand hielt er noch immer die Kelle zum Schöpfen bereit.
Irgendwo muss es doch sein, dachte er.
Seine Handbewegungen wurden heftiger, erste Schalenstückchen flogen durch die Luft, eines traf die Katze, die ihren Kopf leicht anhob, zu Hannes herüber sah, sich das Maul leckte und den Kopf wieder sinken ließ. Wieder lag sie hingestreckt an der Mauer, zufrieden mit sich und dem heutigen Nahrungsangebot, das sie mühelos gewittert und in aller Ruhe verzehrt hatte. Von dem inzwischen wild im Gras herumfuchtelnden Hannes ließ sie sich nicht stören, nicht nach dieser Mahlzeit.
Er wollte es nicht wahrhaben.
Das war doch hier, da oben klebt doch noch was Gelbes, dachte er. Er versuchte mit der Hand die Dotterstreifen zu erreichen, was auch nach mehrmaligem Springen gelang, leckte den Dotter, der haften geblieben war, ab und schmeckte, dass es Eigelb war. Dann fiel sein Blick auf die Katze, wie sie dalag, an der Mauer, sah, wie sich der Bauch langsam hob und senkte, wie sie sich noch ein wenig länger streckte und mit dem Schwanz an einem Grasstängel hoch- und runterfuhr, als ob sie sich vor dem Einschlafen noch eine Streicheleinheit abholen wollte, und wie sie sich noch einmal das Maul leckte.
Hannes nahm den Topf, ging zu der Katze, die sich noch immer nicht stören ließ, und schlug zu. Er traf den Kopf. Die Katze wehrte sich nicht, sie zuckte nur, und Hannes schlug mit seiner ganzen kindlichen Kraft, bis er Blut auf dem schwarzen Fell sah.
Dann rannte er los nach Hause in das ‚Jungenzimmer‘, in sein Bett, zog die Bettdecke über sich und den Topf und die Kelle und hatte Angst, bei jedem Atemzug Angst; wovor wusste er nicht. Beim Knarren der Zimmertür zog es seinen Körper zusammen; wie ein Embryo lag er in seiner Schlafkuhle, die sich im Laufe der Jahre in der Matratze gebildet hatte. Hier wollte er liegen bleiben, in diesem Nest wollte er die nächsten Ewigkeiten überstehen. Dann hörte er die Stimme seines Bruders. „Hier stinkt’s mal wieder.“
Durch das dicke Federbett drangen die Wörter dumpf und bedrohlich, wie von einem Riesen, der immer näher kommt, vor dem man nicht fliehen kann, der jeden Augenblick zum Schlage ausholt. Der einzig klare Gedanke, den Hannes jetzt noch denken konnte, war ‚beten‘. Jetzt konnte nur noch beten helfen.
‚Lieber Gott‘, fing er an, fand keine weiteren Worte, versuchte es noch einmal mit ‚Lieber Gott‘ und stockte erneut.
Hände falten, dachte er, aber das ging in seiner Lage irgendwie nicht. Wieder scheiterte er nach ‚Lieber Gott‘, sagte dann nur noch diese beiden Wörter vor sich hin, als ob sie ihn auch so vor dem drohenden Unheil schützen könnten.
Bett machen kann er auch nicht, dachte sein Bruder. Nachgucken soll Mama; immer diese Pisserei.
Missbilligend kräuselte er seine Nase, ging zum Fenster und öffnete beide Flügel. Er atmete die klare, frische Luft tief ein, schloss das Fenster aber nach wenigen Atemzügen wieder.
Sonst merkt Mama nicht mal, was hier los ist, meint noch, das käme von seinem bescheuerten Marienaltar auf dem Nachtschränkchen mit den bescheuerten Blumen vor der be..., vor der Mutter Gottes.
Sein Lieblingswort ‚bescheuert‘ unterdrückte er in diesem Zusammenhang dann doch lieber. Seit ihm der Pubertätsschock in Glied und Hirn gefahren war, hatte sich sein Weltbild - vor allem, wenn sein kleiner Bruder und Mädchen darin auftauchten - vorwiegend und hingebungsvoll auf ‚bescheuert‘ verengt.
Er nahm sein Vokabelheft und verließ das Zimmer, nicht ohne durch wiederholtes Rütteln sicher zu gehen, dass der altersschwache Türriegel auch wirklich ordnungsgemäß eingehakt war.
Ins Bett pissen und in die Maiandacht, bescheuert, dachte er auf der Treppe nach draußen zur Laube.
Morgen wollte er wieder glänzen, in Latein. Wenn andere beim Vokabelabfragen stotterten, würde er zeigen, was er kann, und Oberstudienrat Weiner würde ihn mit dem höchsten Lob, zu dem er fähig war, belohnen.
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