»Bereite Er sich auf sein Ableben vor. Ich, Sir Armin vom Schwalbenacker, werde Ihm das Handwerk legen!«
Das Mantis schniefte. Ihm wäre es lieber, wenn man ihn Fangschrecke nannte. Seit er erkältet war, wurde er stetig verärgerter. Mit der verstopften Nase roch er die Bergziegen nicht, und die Ziegen waren sein Lieblingsessen. Als sein Hunger zu groß wurde, lief er in ein Dorf und aß ein paar Hausziegen. Naja, er nieste noch ein paar Hütten um, aber es waren nicht viele. Seitdem störten ihn die Winzlinge im Blechkostüm. Er hatte gerne Besuch, aber jetzt fühlte er sich schlechter als schlecht. Er war grantig. Die Winzlinge piekten ihn mit Zahnstochern aus Metall und kratzten ihn. Womit hatte er das verdient? Fangschrecke streckte den Arm aus und deutete auf die Nachbarhöhle im gegenüberliegenden Berg. Dort wohnte ein Drache, der die Zahnstocher mochte. -Im Gegensatz zu Fangschrecke.
Der Ritter verstand die Geste falsch, er raste mit gesenktem Schwert auf Fangschrecke zu und rief:
»Er will mich mit dem Säbelarm zerteilen? Ich werde Ihn lehren, einen Ritter zu schlagen, schändliches Unwesen!«
Fangschrecke tapste nervös auf der Stelle. In welche Richtung sollte er flüchten? Und unter welchem seiner Flügel lag das Schnupfentuch? Seine Nase kribbelte unerträglich, ein großer Nieser kündigte sich an, und Fangschrecke bog den langen Hals nach hinten.
Armin vom Schwalbenacker glaubte an einen leichten Sieg, er stählte seine Muskeln für den Todesstoß.
Plötzlich knallte eine blau strahlende Lichtkugel in die Wolkenfetzen am Himmel. Die Kugel zog einen brennenden Schweif hinter sich her, sie zischte über Armins Kopf hinweg und schlug vor den Fußklauen des Mantis ein. Das blaue Licht sprengte einen kleinen Krater in den Boden, Steinsplitter flogen umher. Die Kugel britzelte im Loch, und helle Dampfwolken stiegen von ihr auf. Langsam zog das Licht sich zurück und schrumpfte bis auf einen winzigen Punkt, der geräuschvoll verpuffte. Ein kleines Mädchen kam zum Vorschein. Dieses Mädchen war Marmel, die verschlafen ihre Augen öffnete. Das Erste, was sie sah, war eine grüne Schleimfontäne. Sie schrie und rollte sich zusammen, so eng sie konnte. Die Arme um die Beine geschlungen und den Kopf eingezogen, kauerte sie in der dampfenden Kuhle. Was war das für ein verrückter Traum? Vorsichtig lugte sie unter ihren Armen hervor. Sie begriff, dass sie auf einem Berg war, und seltsame Gestalten umgaben sie. Der kleine Krater schien ihr der sicherste Ort zu sein. Sie verharrte in ihm und beobachtete stocksteif die komischen Figuren. Vor ihr stand ein meterhohes Krabbeltier, das in alle Richtungen nieste. Hinter ihr fiel ein dicker Ritter aus dem Sattel. Marmels Augen wurden immer größer, als sie sah, dass der Sattel nicht auf einem Pferd lag. Er hing in der Luft.
Und nicht nur Marmel war baff. Fangschrecke nieste sehr erschrocken. Er konnte gar nicht mehr damit aufhören. Aus seiner Nase spritzten grüne Tropfen, so groß wie eine Matschpfütze. Der dicke Ritter plumpste vom Sattel und rollte ein gutes Stück. Armin vom Schwalbenacker entging den riesigen Tropfen nur knapp. Während Zweistiefel gelangweilt einen sonderbar geformten Stein stupste und getroffen wurde. Die Fontäne schoss ihn mit voller Wucht an einen Felsbrocken und umspülte ihn von allen Seiten. Zweistiefel schüttelte sich und wandt sich wie ein Aal am Haken. Er konnte sich nicht befreien, klebte am Felsen fest und blubberte die schlimmsten Flüche, die ihm einfielen.
Armin hörte den Knappen in höchster Not, noch bevor er das Malheur sah. Der Ritter wuchtete seinen Bauch hoch und fuchtelte mit dem Schwert herum.
»Harre Er unbesorgt aus, Knappe. Ich werde Ihn vor den Klauen der Bestie bewahren!«
Er rutschte durch grüne Tümpel und Pfützen, ruderte heftig mit den Armen und fiel immer wieder hin. Das Mantis nieste und nieste, überall regnete grünes Zeug herunter. Der Felsvorsprung verwandelte sich in eine große, glitschige Pfütze. Kein Stückchen kam der Ritter vom Fleck, er saß auf seinem geflickten Waffenrock, der unter dem speckigen Gürtel hervor lugte, und hielt den Schild über seinen Kopf. Der dickflüssige Schleim tropfte bedächtig über den goldenen Rand des Schildes. Wieder hörte er den Mantis nasus niesen und grünes Zeug flog im hohen Bogen durch die Luft. Der Ritter runzelte die faltige Stirn. Unter diesen Bedingungen konnte er weder Zweistiefel befreien, noch das Monster erlegen. Von Anfang an hatte ihm der Kampf nicht gefallen. Der Sieg über ein krankes Mantis nasus wäre ein unrühmlicher Triumph. Dies leidende Wesen bot keine Herausforderung für einen tapferen Ritter. Doch er musste sich eingestehen, dass dessen Erkältung ein würdiger Gegner war. Vor dem heftigen Niesen musste Armin vom Schwalbenacker kapitulieren. Er hockte geduckt unter dem Schild, starrte Fangschrecke durchdringend an und dachte nach. Der Ritter bemerkte nicht, wie der treue Sattel sich näherte. Der Sattel stupste den Ritter vorsichtig an, Armin drehte sich nicht um und starrte weiter. Der Sattel knuffte ihn wieder und schließlich rammte er ihm das Leder in den Rücken. Armin vom Schwalbenacker fiel beinahe mit der Knollennase voran in den Matsch.
»Au, bei allen Teufeln. Welcher Gimp hat Ihn gebissen, Sattel? Sieht Er nicht, dass sein Reitherr einen Plan ersinnt?«
Der Sattel pfiff lang gedehnt. Er zeigte Armin die Seite, an der die Satteltasche hing.
»Jetzt ist nicht die Zeit für eine Rast, Sattel«, sagte der Ritter und schob den Sattel weg, der ein wenig ungehalten schnaufte.
Am Verschluss der Satteltasche knabberte ein unsichtbares Maul und die Tasche klappte auf. In ihr befand sich die Reiseapotheke des Ritters, Salben, Kräutertinkturen und Tränke gegen Haarausfall, Rückenschmerzen, faule Zähne, quer sitzende Fürze, rosa Flecken, ein Rheumakissen, Verbandszeug und vieles mehr. In der Tasche raschelten Kräuter und Fläschchen klimperten. Ein Pott Eukalyptus-Salbe stieg empor und trudelte vor Armin in der Luft.
»Aha, sehr gut, Sattel. Dies Mittel könnte hilfreich sein.«
Armin vom Schwalbenacker ergriff den Pott, den er ruppig öffnete und auf der flachen Hand unter dem Schild hervorstreckte. Die ätherischen Öle der Salbe verströmten einen wohltuenden Duft. Das Aroma drang selbst durch die verschnupfte Nase des Mantis. Fangschrecke machte einen langen Hals, seine Kauwerkzeuge klickerten neugierig und mit einem Happs verschlang er den Pott. Sein Magen grummelte und gluckerte, Fangschrecke legte den stacheligen Arm auf den Bauch und rülpste. Der Rülpser hallte ohrenbetäubend laut an den Felswänden wieder und löste weit entfernt eine Lawine aus. Eine Dampfwolke schoss dem Mantis nasus aus Mund und Nasenlöcher. Die Wolke roch angenehm nach Eukalyptus, sie reinigte Fangschreckes Nase und senkte sich auf die grüne Pfütze. Verdutzt zog Fangschrecke Luft durch die Nase, sie war schnupfenfrei. Er tänzelte glücklich, einmal im Kreis, hin und her und wieder zurück. Fangschrecke fühlte sich gesund wie nie zuvor. Übermütig sprang er in die Luft, breitete die Flügel aus und entschwand hinter der Gebirgskette der Drachenfelsen. Der Wind der Flügelschläge fegte den Eukalyptusnebel vom Felsvorsprung und mit dem Nebel verschwand auch der grüne Schleim. Nur eine seichte Wasserpfütze blieb zurück.
Als die Luft klar war, sah Armin vom Schwalbenacker kein Ungeheuer mehr. Er machte ein Gesicht wie ein altes Brot. Das Mantis nasus hatte sich im Nebel davongestohlen, wie unhöflich.
»Sattel, das Mantis ist auf und davon. Schlimme Zeiten sind das, alter Junge. Kaum jemand hält noch die ungeschriebenen Gesetze ein. Früher kämpften Ritter und Ungeheuer bis zum Tode. Heute macht jeder, was er will. Wie soll ein ehrlicher Ritter so zu Ruhm und Ehre gelangen?«
Armin tätschelte betrübt den Sattel und betrachtete den Platz vor der Höhle. Hier hätte der Ort einer legendären Schlacht sein können. Vielleicht wäre sie nicht legendär geworden, aber zumindest wäre es eine Schlacht gewesen. Eine Mantislänge vom Höhleneingang entfernt, entdeckten seine altersschwachen Augen einen mickrigen Krater.
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