»Papperlapapp, was machst du sonst, Joss? Du gammelst den ganzen Tag herum und tust nichts«, sagte das Gedächtnis.
»Gar nicht wahr, ich tue sehr wohl etwas«, erwiderte Joss.
»Natürlich. Wenn du wirklich etwas tust, ist hier die Hölle los. Alles gerät durcheinander, sogar Marmels Bewegungen«, beschwerte sich die Schaltzentrale.
»Was kann ich denn dafür, dass es so fürchterlich viele Nervenbahnen gibt? Da verliert man eben den Überblick“, motzte Joss.
Angeblich soll es mehr Nervenzellen im Gehirn geben, als Sterne am Himmel. Joss hatte sich nie die Mühe gemacht, alle Nerven, die es hier gab, zu zählen. Das würde bestimmt so lange dauern, dass ihm beim Zählen ein Bart bis nach China wachsen würde. Ihm genügte sein eigenes Gewirr an Nervenbahnen, die zu allen Seiten ineinander verstrickt waren. Es war doch kein Wunder, dass sich manchmal Signale seiner Nerven verirrten und einen epileptischen Anfall verursachten. Besonders, wenn das Gewebe ein wenig anders war, wie seines.
»Achtung, es geht los! Beine bewegen, Füße aufsetzen«, befahl die Schaltzentrale.
»Wird gemacht, Chef!«, rief die Motorik und setzte Marmels Körper in Gang.
Fix und fertig schlurfte Marmel zur Schule, in der sie wirklich wichtige Tricks lernte, wie Papierflieger basteln, oder sich vor geworfenen Papierkugeln verstecken.
Aus der Küche rief ihr Suse hinterher:
»Spätzchen, hast du deine Tabletten genommen?«
Nee, Marmel hatte ihre Tabletten nicht genommen. Sie hatte es vergessen. Marmel gab ein brummiges Grunzen von sich und machte kehrt. Sie schlurfte zum Küchentisch und fummelte die Tabletten aus dem Döschen. Vor ein paar Tagen war wieder eine neue Sorte hinzugekommen, ihre tägliche Dosis sah aus wie eine Handvoll bunte Smarties. Aber die Medizin schmeckte keineswegs süß. Sie war bitter, wie es sein musste. Marmel würgte sie hastig hinunter, wieder zitterte ihre Hand und aus dem Glas plörrte das Wasser. Sie rieb die Hand an der Hose trocken und los ging’s. Marmel kroch der Tür entgegen wie eine ehrgeizige Rennschnecke. Bei ihrer Mutter machte sie einen Boxenstopp, von ihr bekam sie einen Abschiedsschmatzer. Auf dem Gehweg spannte sie den Regenschirm auf, der Nylonstoff sollte in allen Regenbogenfarben leuchten. Doch jetzt schien er grau zu sein, weil es kein Licht gab, das die Farben leuchten ließ. Vom Himmel prasselten dicke Regentropfen, der kalte Herbstwind fegte Marmel ins Gesicht, und sie gab wieder Gas. Hinter ihr lief Ludwig, der sie in Windeseile überholte. Ihr großer Bruder stürmte vorbei, als wolle er ein Wettrennen gegen einen Geparden gewinnen. Marmel geriet ins Trudeln und fiel beinahe in eine Pfütze. Empört sah sie Ludwig hinterher, es war doch jeden Tag das gleiche. Er stand viel später auf als Mareike und sie, raste zur Haltestelle und erwischte nur knapp den Schulbus. Ihr Bruder behauptete, das wäre ein gutes Lauftraining, als Fußballspieler müsse man schnell laufen können. Er war schon so schnell, dass Marmel schwindelig wurde, wenn sie in seinen Fahrtwind geriet. Sie schob das nasse Laub auf dem Straßenpflaster vor sich her und schimpfte leise. Auch in ihrem Kopf schimpfte jemand.
»Wirklich, ich muss sagen, heute geht es ungewöhnlich langsam voran«, bemerkte die Schaltzentrale.
»Ja, das neue Medikament macht sehr träge«, sagte die Motorik.
Marmel zog ihre Nase kraus, die Luft prickelte wie Brausepulver auf der Zunge und plötzlich herrschte Windstille. Erstaunt verharrte Marmel, ein Geräusch wie Plink ertönte und vor ihrem Gesicht erschien ein kleines Licht. Der helle Ton wiederholte sich, jeder klingelte in einer anderen Höhe, wie die Musik eines Glockenspiels, auf dem ein langes Lied gespielt wurde. So musste sich das Glockenspiel eines Engels anhören, mindestens. Jede Note ließ ein glitzerndes Licht erscheinen. Verzaubert blinzelte Marmel, Windböen rupften die Laubbäume am Straßenrand und peitschten Regentropfen durch die Luft, die wie kleine Presslufthammer auf dem Boden einschlugen.
Unter Marmels Regenschirm herrschte eine magische Stille, fasziniert betrachtete sie die Lichtlein. Wie sie summten, im Schwarm schwebten und tanzten. Klein wie ein glitzerndes Sandkorn wuchsen sie zur Größe einer Eichel heran. Sie verströmten angenehme Wärme und süßen Bratapfelduft. Marmel stand in einer trüben Pfütze und fühlte sich so wohlig, als ob sie mit einem Becher heißen Kakao am Kaminfeuer saß. Sie streckte den Finger aus, vorsichtig stupste sie eines der Sternchen an, ein überwältigendes Glücksgefühl durchströmte sie und sie hatte das Gefühl, etwas Weiches anzustupsen. Kaum hatte sie das Lichtlein berührt, klirrte es. Der Lichtschwarm flog Bogen und Spiralen und stob auseinander, als ob er einem großen Raubfisch auswich. Die Luft knisterte und knackte, ein Licht nach dem anderen verpuffte in Sekundenschnelle.
Den Finger immer noch ausgestreckt, blickte Marmel verdattert in die Dunkelheit.
Oh Mann, war das ein epileptischer Anfall?
Einen so seltsamen Anfall hatte sie bisher nie gehabt. Alles hatte so echt gewirkt. Die normalen Anfälle, die sie hatte, waren ganz anders. Meistens fiel sie um, später wachte sie auf und die Leute starrten sie entsetzt an. Man erzählte ihr, sie hätte gezuckt, ihre Glieder verrenkt oder Grimassen geschnitten. Sie verstand nicht, was die Menschen daran schockierte. In der Disco zuckten Leute wenn sie Musik hörten, im Zirkus gab es Schlangenmenschen die sich verrenkten und Clowns die Grimassen schnitten. Aber etwas musste sie anders machen. Immerhin stießen sich nicht alle Discobesucher an der Einrichtung. Die Schlangenmenschen bekamen keinen Muskelkater und die Clowns brachten Leute zum Lachen, nicht zum Weinen. Sie würde gerne mal sehen, wie ihre Anfälle wirklich waren. Immer war sie dabei, aber nie erinnerte sie sich an das, was passiert war. Obwohl sie sehr viele Gelegenheiten dazu hatte. Seit sie ihre Eltern verstand, wusste sie, dass sie eine Epilepsie hatte. Zum Glück hatte sie keine zwei, oder drei Epilepsien. Eine Epilepsie war nämlich nicht wie ein Schnupfen. Damit sie verschwand, benötigte man mehr als ein Taschentuch. Dagegen musste man jeden Tag bittere Smarties schlucken. Sie fasste den Entschluss, niemanden von dem Ereignis zu erzählen. Die klingenden Sterne sollten ihr Geheimnis bleiben, damit kein weiterer Smartie in ihrer Tablettendose landete. Aber was war mit dem Schulbus? Auweia, den hatte sie zwischen all den Lichtlein ganz vergessen. Marmel drückte den Regenschirm gegen Wind und Regen, im Rennschnecken-Tempo näherte sie sich der Haltestelle. Auf dem letzten Stück stieß eine heimtückische Böe sie in den Rücken, der Schirm klappte über dem Stiel wie eine Blume zusammen. Beinahe riss der Ruck sie um, und er beförderte Marmel direkt vor die Bustür. Glück muss man haben. Sie war wohl die nasseste Rennschnecke, die es jemals gegeben hatte, doch sie verpasste nicht den Bus.
Das Schulgebäude erwartete stoisch die Schüler. Wie ein grauer Betonklotz ragte es in den Himmel. Für ein spitzes Dach war kein Geld übrig und die verblassten Graffitis an der Wand entfernte niemand. – Das Putzmittel kostete auch Geld. Die Wände blieben ein bisschen bunt und auf dem Flachdach spross eine junge Erle. Eine breite steinerne Treppe führte zur Eingangstür hinauf, die groß wie ein Scheunentor war. Kleine quadratische Fenster umringten die Tür. Sie waren in gleichmäßigen Abständen im Gemäuer verteilt, auf den hölzernen, weiß gestrichenen Fensterbänken saßen Tauben und suchten Schutz vor dem feuchten Wetter. Eine der Tauben lugte neugierig durch die Fensterscheibe, sie beobachtete viele kleine Menschlein, die in das Zimmer hinter dem Glas stürmten.
Marmel hinterließ bei jedem Schritt eine kleine Pfütze. Sie betrat als Letzte das Klassenzimmer und murmelte ein „Guten Morgen“, das an niemanden bestimmtes gerichtet war und von niemandem beantwortet wurde. Die Klassenkameraden hörten Marmels leises Stimmchen nicht. Wie auch, bei dem Lärm? Sie schwatzten, brüllten und lachten, insgesamt dreißig Kinder warteten auf den Lehrer. Kalle machte mit der Hand unter den Achseln Furzgeräusche, Robert lachte und klopfte mit der Faust auf den Tisch, Floh grinste blöde, er versuchte Kalle zu übertrumpfen und rülpste den “Flohwalzer“, Jule verdrehte die Augen, Steffi flüsterte geheimnistuerisch in Eva-Luisas Ohr, sie kicherte und schielte zu Schanelle. Marmels Zwillingsschwester saß bei ihren fünf Freundinnen. Alle nannten sie nur “Die Mädchen“, weil sie die mädchenhaftesten Mädchen der Schule waren. Kalle behauptete gar, sie wären die mädchenhaftesten Mädchen der ganzen Welt.
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