So geschah es auch. Mareike war längst im Reitstall, während Marmel an einem Aufsatz schrieb. Marmel malte große unförmige Buchstaben. Ihre Hand zitterte. Sie musste kräftig aufdrücken, damit der Stift nicht wegrutschte, so dass sie die Buchstaben in das nächste Blatt stanzte.
Sie krakelte „A“, „a“, „l“, legte den Kopf auf den Tisch, gähnte und war ungemein müde. Vielleicht war es das falsche Wort. Die Müdigkeit war mehr gemein als ungemein. Sie war viel schlimmer als sonst, und daran war die neue Tablette schuld. Marmel blinzelte hartnäckig, sie beendete die Hausaufgaben und durfte endlich ins Bett wanken. Bis in den späten Nachmittag hinein schlief sie. Als Marmel sich aus dem Bett rollte, war vom Tag nicht mehr viel übrig. Sie schaute aus dem Dachfenster ihres Kinderzimmers. Auf der Scheibe klebte vereinzelt gelbes Laub, vom Himmel nieselten feine Regentropfen, der Garten lag im Dämmerlicht. Weit hinten ruhte ihr Baumhaus zwischen den fast kahlen Ästen der alten Buche. Die windschiefe Hütte war Marmels Lieblingsort. Von dort beobachtete sie mit einem Fernrohr Tiere und Sterne. Vielleicht entdeckte sie einmal etwas ganz Neues, was noch nie jemand zuvor gesehen hatte. Hier fand man nicht so schnell neue Tiere oder fremde Sterne. In menschenleeren Gegenden würde sie leichter etwas Neues finden, tief im Dschungel oder hoch auf dem Berg. Aber es gab eine Ausnahme. An diesem Morgen hatte sie mitten auf der Straße wohlriechende Sterne gesehen, wenn das keine neue Entdeckung war. Marmel zog die kleine Nase kraus, sie würde die Sterne jetzt aufspüren. Sie brauchte einen Beweis für ihre Entdeckung. Auf dem schmalen Schreibtisch kramte sie unter Schulbüchern, Heften und Stiften eine große Lupe hervor. Sie untersuchte jeden Winkel ihres Zimmers mit der Lupe, das Kramregal, in dem allerhand gefundener Krempel lag, wie Flaschendeckel, Knöpfe, Murmeln, Federn, Kiesel, alte Wollfäden, Kristalle, Tierzähne, Muscheln, Bücher, Hefte, Radio und vieles mehr. Sie nahm den alten Kleiderschrank unter die Lupe, auf dessen Türen ein buntes Mosaik klebte. Sie öffnete die Türen, ein Knäul Wäsche fiel aus einem großen Haufen ineinander verknoteter Sachen und raubte ihr die Sicht. Marmel robbte sogar unter das Bett, sie entdeckte dort nur stille Wollmäuse. Alle Räume der Reihenhauswohnung beäugte sie mit der Lupe. In Augusts Hobbywerkstatt reckte sie sich und linste auf die Werkbank. Sie sah Sterne, aber nicht die, die sie suchte. Diese bestanden aus Weidenzweigen, Wolle, Federn und Perlen.
»Wird das ein Segel für ein Modellschiff?«, fragte sie ihren Vater.
August pfriemelte an einem Wollknoten und brummte erheitert:
»Nein, das wäre schon ein seltsames Schiffsegel. Ich baue Traumfänger für die Mama.«
Marmel war entsetzt.
»Traumfänger? Warum will Mama Träume fangen?«
»Ich weiß es nicht. Vielleicht möchte Mama deine schlechten Träume in den Müll bringen«, lachte August gemütlich.
Marmel runzelte die Stirn. Ihren Eltern fielen immer wieder neue Verrücktheiten ein. Weil die Tabletten nicht gut wirkten, probierten sie viele andere Behandlungen an Marmel aus. Sie waren beim Kräuterarzt, beim chinesischen Medizinmann, beim Vodoopriester, beim buddhistischen Mönch und bei der Feng-Shui-Beraterin gewesen. Es fehlte nur noch der irre Schamane. Ihr Vater wickelte schon fleißig am nächsten Traumfänger. Marmel pirschte heimlich zur Tür hinaus, mit so komischen Traumfängern wollte sie nichts zu tun haben. Nur die weichen Sterne wollte sie finden. Durch die Lupe entdeckte sie kein einziges der Lichtlein. Ob sie wieder draußen auf der Straße waren? Nein, bei dem schlechten Wetter war doch niemand draußen. Vielleicht waren sie jetzt zu winzig für die Lupe. Marmel trottete in ihr Zimmer, sie warf die Lupe in einen Wäschehaufen und packte das Mikroskop aus. Sie schwenkte die Petrischale und sammelte eine gute Portion Luft ein. Neugierig legte sie die Schale unter das Mikroskop. Sie schaute durch die Linsen, drehte an Rädchen und stellte die Gläser scharf. Marmel betrachtete die Luft und sah nur Luft. Hinter ihr kicherte etwas leise, wie ein vorwitziges Glöckchen. War das eines der Sternchen? Marmel drehte sich lahm um und sah ihre Zwillingsschwester mitten im Zimmer stehen. Mareike grinste.
»Hast du nicht etwas vergessen? Da liegt gar nichts in der Petrischale. Oder untersuchst du heute Staubkörner?«
Marmel blinzelte verdutzt, seit wann roch ihre Schwester nach Bratapfel?
»Ne, keine Staubkörner. Gab’s im Reitstall heute Bratäpfel?«
Mareike stemmte die Fäuste in die Hüften.
»Ich soll dir von Mama sagen: Gleich gibt’s Abendessen! Du bist so doof, Marmel. Im Pferdestall gibt es natürlich nur Pferdeäpfel.«
Sie reckte die Nase hoch und stolzierte davon, der lange Zopf wippte schwungvoll auf ihrem Rücken. Zum Abendbrot fand sich die gesamte Familie Klebowksi in der Küche ein. Ludwig verschlang die Reste vom Mittagessen in Rekordzeit. Mareike aß vornehm eine Gemüsepastete, mit Gabel und Messer. Suse und August achteten darauf, dass Marmel ihr Wurstbrot aufaß und dass sie vorher nicht einschlief. Wie jeden Tag legte Suse Klebowksi die Karten für die Zwillinge, bevor sie zu Bett gingen. Aber nicht für Ludwig, der meinte, er wäre zu alt für den Kinderkram. Marmel und Mareike hockten nebeneinander auf dem Wohnzimmersofa. Sie versanken tief in dem weichen Möbelstück, das mit einer gemusterten Patchworkdecke bedeckt war. In die Decke war wohl jede Farbe, die es auf der Welt gab, eingewebt. Suse legte die Karten mit der grünen Rückseite auf den runden Tisch. Jeweils eine Karte für jeden Zwilling. Sie sollte das Motto für den nächsten Tag voraussagen. Mareike deckte als Erste eine Karte auf. Die Karte zeigte einen König auf dem Thron.
»Gerechtigkeit. Sie zeigt uns, dass wir die Dinge einmal ohne Selbstmitleid betrachten sollten. Wenn wir die Dinge so betrachten, wie sie sind, fällt es uns leichter, einen Platz zu finden«, erklärte Suse.
Marmel hob ihre Tarotkarte, auf der Karte war ein brennender Turm abgebildet.
»Der Turm, er sagt eine gewaltige Veränderung voraus. Wie aufregend!«, flötete Suse.
Sie klatschte in die Hände und schickte die Zwillinge ins Bett, mit den besten Energien des Kosmos.
Marmel war einmal einverstanden mit der Tarotkarte. Etwas hatte sich wirklich gewaltig verändert. Die neue Tablette machte sie langsamer als eine Schnecke. Sie fühlte sich beinahe so, als ob sie rückwärts ging. Marmel brauchte sehr, sehr, sehr viel Zeit beim Zähneputzen. Auch in den Schlafanzug schlüpfte sie sehr, sehr, sehr träge. Sie verhedderte sich im Hosenbein, hüpfte blöde im Kreis und fiel fast um. Doch die widerspenstige Hose konnte sich nicht ewig wehren. Marmel konnte die Schlafanzughose schließlich hochziehen. Hui, plötzlich drehte sich alles, sie taumelte in ihr Kinderzimmer und sackte erschöpft auf das weiche Bett. Der Schwindel verschwand langsam, leise gähnte sie und kuschelte sich unter die warme Bettdecke. Über ihr drehte sich ein Traumfänger, die langen Federn wehten lahm bei jeder Bewegung, wie der dünne Bart eines Totenkopfgesichts. Allmählich verschwamm er vor Marmels Augen, sie fühlte sich seltsam rückwärts und das immer stärker.
Weit entfernt grummelte das Universum, es kratzte sich am Pelz. Wie unverschämt, auf einem winzigen, blauen Planeten gab es ein Mädchen, das rückwärts lebte. So etwas ging wirklich nicht, auf der Erde lebten die Menschen vorwärts und nicht rückwärts. Dieses Mädchen war viel zu langsam für ihre Welt. Das Universum kratzte sich nochmal am Pelz, diesmal nachdenklich, und es kam zu dem Schluss, dass das unerhörte Mädchen in eine andere, langsamere Galaxie gehörte. Auf dem nicht erwähnenswerten Erdenplaneten ertönte ein Geräusch wie Poing.
Unter Marmels Bettdecke strahlte ein blauer Blitz, die Decke hüpfte hoch und sank auf eine leere Matratze. Marmel war von ihrem Heimatplaneten in der Milchstraße verschwunden.
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