»Iiehgitt, Marmel. Du bist nass wie ein nasser Pudel. Bist du zu Fuß gelaufen? Oder denkst du, aus dem Boden wächst Gras, wenn du ihn fleißig gießt?«
Mareike grinste sie an und blickte Beifall heischend zu den Mädchen-Mädchen. Marmel zog die Stirn kraus, sie betrachtete nachdenklich das dunkelgrüne Linoleum.
»Ja, da muss Gras wachsen.«
Die Mädchen-Mädchen prusteten los, Mareikes Gelächter übertönte sie alle. Marmel hörte sie noch, als sie am anderen Ende der Klasse saß, hinten am Fenster. Sie verstand nicht, was an ihrer Antwort so lustig sein sollte. Gras wäre durchaus passend, der Boden war schließlich grün.
Der Lehrer Herr Lumpe trat vor die Schüler und bat um Ruhe. Insgeheim nannten sie ihn Herr Lumpi. Er trug allzeit einen struppigen Pullunder, der sehr einem überfahrenen Hund glich. Er unterrichtete Geschichte, Frau Jackmohn folgte und erzählte ihnen etwas von der Börse, danach Herr Gimpel. Für ihn hatte keiner einen Spitznamen erfunden, Herr Gimpel reichte zum Grinsen. Doch das waren nicht alle Lehrer, es kamen immer wieder welche nach. Wie unschön. Der Tag zog sich unerträglich in die Länge. Marmel schaute immer wieder aus dem Fenster und dachte an die warmen Lichter. Wenn ihr die Augen zufallen wollten, grübelte sie angestrengt. Wie kann ein Licht weich sein? Das Rätsel hielt sie wach. Sie hatte es mit der Fingerspitze ganz genau gespürt. Der eichelgroße Schwebestern war weich, so weich wie ihr eigener Bauch. Auch in der Pause dachte sie nach. Sie mümmelte Vollkornbrot, saß müde abseits und beobachtete, wie ihre Klassenkameraden im Flur tobten.
Als der Sportunterricht begann, dachte Marmel nicht mehr nach. Ihre Klasse spielte Völkerball, und sie versuchten sich gegenseitig mit Bällen zu treffen. Marmel hasste Bälle. Sie schossen viel zu schnell durch die Turnhalle. Sie sah sie nie rechtzeitig und sie taten weh. Sie rannte wie eine Rennschnecke, die um ihr Leben kroch. Hinter ihr und vor ihr zischten die Bälle, ein Zischen ertönte plötzlich sehr nahe.
Ich sollte mich ducken , dachte sie und schon spürte sie, wie etwas Hartes an ihrem Kopf abprallte. Der Stoß warf sie um, sie fiel auf den Hosenboden und vor ihren Augen blitzten Sterne auf. Das war normal, wenn ein Ball den Kopf traf. Der Bratapfelduft in Marmels Nase war aber nicht normal. So schnell wie die Sterne aufblitzten, so schnell waren sie wieder verschwunden. Marmel blickte in Flohs Gesicht, sie sah es verwackelt wie ein schlechtes Fernsehbild und klopfte kurz gegen ihren Kopf. Bei dem Fernsehgerät wurde das Bild auch mit ein paar Klopfern besser.
»Alles in Ordnung?«, fragte er schuldbewusst.
»Riechst du auch Bratäpfel?«, schnupperte sie und erntete von ihm einen Vogelzeig.
»Bei dir piept’s wohl. Hätt den Ball nicht so doll werfen sollen. Jetzt ist deine Schüssel ganz gesprungen!«
Marmels Gesicht lief knallrot an. Sie hatte wohl zu laut gedacht. Mehr Erwähnenswertes geschah an diesem Schultag nicht, er endete wie jeder. Die Klingel ertönte, die Schüler sprangen die breite Treppe hinunter und drängten wie die Jungbullen am Gatter zu den Bussen. Die Rückfahrt war für jedermann etwas unangenehm. Die Jacken der Kinder waren nass, auf den Sitzen und im Gang war kaum Platz. Marmel quetschte sich an der Haltestelle Mohnstraße aus dem Gedränge. Sie trottete nach Hause, an vielen Reihenhäusern vorbei. Den kaputten Regenbogenschirm schleifte sie hinter sich her, der Schulranzen zog schwer an ihren Schultern und auf ihrem Kopf wuchs eine Beule. An der offenen Haustür wartete Suse Klebowski mit besorgter Miene. Mareike trug schon ein trockenes Baumwollkleid und saß in der warmen Küche, während Marmel erst das Gartentor öffnete. Sie sah ihre Mutter in der Tür stehen und schlich langsamer. Behutsam trat sie auf, breitbeinig wie ein Cowboy, der sich duellierte, die Hände gespannt an der Seite. Sie überlegte, wie sie den fürsorglichen Händen ihrer Mutter entkommen konnte. Sie wollte den Regenschirm, den Schulranzen selbst wegstellen und ihre Jacke auch selbst ausziehen. Am Kirschstrauch klimperte leise das bunte Glas des Windspiels. Plötzlich rannte sie los, so schnell sie konnte. Das Wasser spritzte nicht sehr hoch aus den Pfützen. Marmel drückte Suse den Regenschirm und den Ranzen in die Hand. So legte sie den Schirm und die Schultasche selbst weg und setzte beide Hände ihrer Mutter außer Gefecht. Überraschend erschien nun ihr Vater im Flur. Direkt vor Marmel stand August Klebowski, ein dicker, gemütlicher und träger Mann. Wenn er einmal stand, bewegte er sich so schnell nicht mehr vom Fleck. Er lächelte freundlich, streckte die Arme nach Marmels Regenjacke aus.
»Komm, ich helfe dir aus der Jacke.«
Marmel tauchte unter den Armen hindurch, sie schlug einen Purzelbaum und plumpste auf alle Viere vor die Treppe. Gerettet, aber was hörte sie da? Ludwig trampelte die Treppe herunter, eine Sporttasche geschultert. Er nahm schwungvoll die letzte Stufe und stolperte über Marmel. Ludwig flog, die Tasche flog, und Marmel war platt. Jetzt wusste Marmel, dass sie keine gute Stuntfrau war. Dafür war sie viel zu langsam und zu müde. Sie grunzte dumpf und lag mit ausgestreckten Armen und Beinen auf den Fliesen. Ihre Rippen schmerzten, aber sie hätte gerne an Ort und Stelle ein Nickerchen gehalten. Suse, August und Ludwig schrien aufgeregt durcheinander und Mareike lachte dazwischen. Sie machten ein kleines Schläfchen unmöglich. Marmel sammelte ihre ganze Kraft.
»Entschuldigung, das tut mir furchtbar leid, Ludwig. Ich wollte dir kein Bein stellen!«, rief sie.
Aber der Ruf war kein Ruf. Marmels Stimme wollte nicht laut werden, so sehr sie sich anstrengte. Die Entschuldigung gelangte nicht an Ludwigs Ohren und er fluchte noch, als er zur Haustür hinaus stapfte. Marmels Bruder aß nicht mit ihnen zu Mittag. Er hatte sich mit belegten Broten begnügt, weil das Fußballtraining früh anfing. Die Halle war nur zu dieser Zeit frei. Er verpasste das schönste Essen des Tages.
Auf dem Tisch dampften Schüsseln, gefüllt mit Spaghetti, Tomatensauce, vegetarisch oder mit Fleischbällchen. Weil das Gericht nicht gesund genug war, stand dazwischen eine riesige Schüssel bunt gemischter Salat. Der Nachtisch sah aus, als ob er sehr süß schmecken würde. Jedenfalls wäre es eine schöne Abwechslung. Meistens wirkte der Nachtisch lecker und war unappetitlich gesund. Suse füllte allen die Teller reichlich.
»Guten Appetit, greift ordentlich zu. Denn Essen hält Leib und Seele zusammen.« Sie räusperte sich und tadelte Marmel vorsichtig. »Spätzchen, wäre es nicht schön, wenn du mit harmonischen Schwingungen das Haus betrittst?«
Marmel stocherte verschnupft in den Spaghetti auf ihrem Teller. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil Ludwig über sie gestolpert war. Aber harmonische Schwingungen verbreiten, das war übertrieben. Sie senkte grimmig die Augenbrauen und schwieg.
»Du solltest dich nicht zu sehr anstrengen. Das tut dir nicht gut«, fuhr Suse fort. August nickte. Er kaute auf einer großen Portion Fleischbällchen und brummte: »Die Mama hat recht.«
Mareikes Mund war ein schmaler Strich. Marmel war doch doof. Zu doof, um durch eine Tür zu gehen. Ihre Eltern sollten lieber sie, Mareike, beachten. Gleich nach dem Mittagessen zeigte sie die Klassenarbeit vor, die sie heute zurückbekommen hatten.
»Seht her, ich habe eine Eins in Physik!«, triumphierte Mareike. »Und welche Note hast du, Marmel?«
Sie grinste wie ein gemeines Honigkuchenpferd, denn die Note ihrer Zwillingsschwester war schlechter.
Die Eltern lobten Mareike kaum. Stattdessen trösteten sie Marmel, Zensuren seien nicht alles im Leben. Nicht einmal eine Eins beeindruckte Suse und August. Mareike funkelte Marmel böse an:
»Ich mache meine Hausaufgaben jetzt, und ich bin schneller fertig. Dann kann ich zum Reitunterricht gehen und du nicht. Da guckst du dumm!«
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