Marina besaß ein eigenes Auto. Jede Woche, am freien Samstag, holte sie Stasia ab, um mit ihr die City von Mannheim zu fahren. Um Geschäfte zu gucken, zu shoppen und danach gemeinsam chinesisch essen zu gehen. Zu dieser Zeit gab es nicht viel Auswahl an chinesischen Lokalen. Die Mädchen genossen diese Art von fremden, scharfen, exotischen Speisen. Auch darüber war Max nicht sonderlich erfreut. Marina hatte einen weit höheren Verdienst als Stasia und konnte sich die schönsten Kleider von ihrem verdienten Geld kaufen. Stasia hatte nach ihrer kaufmännischen Prüfung in ihrer Lehrfirma gekündigt und in Mannheim einen für sie lukrativen Job gefunden. Aber sie hatte wenig Geld für Kosmetik und Kleidung, da sie mit ihrem Einkommen einen Beitrag zum gemeinsamen Haushalt mit ihrem Verlobten leistete. Marina konnte nicht verstehen, dass Stasia mit einem solch einfachen Mann leben wollte. Ständig sprach sie auf sie ein:
”Herrgott Stasia, warum bleibst du bei Max? Der ist überhaupt nicht nett zu dir, er ist krankhaft eifersüchtig, spioniert dir immer hinterher und ist ein ganz einfacher Mann, ohne große Ambitionen und ohne beruflichen Ehrgeiz. Der passt überhaupt nicht zu dir!”
„Ach Marina, du hast ja recht, aber wie soll ich alles aufgeben. Ich denke auch schon lange über eine Trennung nach. Aber er ist so zornig in seiner Wut, dass ich einfach Angst habe, dass er mir was antut. Oder dem Snoopy. Er hatte schon mal angedroht, dass er Snoopy umbringt, wenn ich ihn verlassen sollte.”
Daran dachte sie, als sie beim letzten heftigen Streit mit ihm angedroht hatte, ihn zu verlassen und zurück zu den Eltern zu ziehen.
„Dann musst du heimlich verschwinden, ohne dass er es merkt und ohne dass er weiß, wo du bist”, erwiderte Marina nachdenklich. Aber wie sollte das geschehen? Wenn sie fliehen würde, würde er sie suchen und sie finden. Schon einmal hatte Stasia im Streit die gemeinsame Wohnung mit Snoopy verlassen und war zu ihren Eltern geflohen. Schon nach der ersten Nacht in ihrem alten Kinderzimmer war es passiert.
Nachdem sie am Morgen zur Arbeit gegangen war, hatte Frauke mit Snoopy einen Gassigang gemacht. Snoopy war wie immer nicht angeleint gewesen. Während sie auf einer Bank im Stadtpark andere Spaziergänger beobachtet hatten, war Max mit dem Auto angerauscht gekommen, hatte hart gebremst, war aus dem Wagen gesprungen und hatte sich Snoopy geschnappt. Die verblüffte Frauke hatte nicht gewusst, wie es ihr geschah, da alles sehr schnell, wohl von Max geplant, abgelaufen war. Er war mit dem Hund einfach davongerauscht. Frauke hatte mehrmals versucht, Max zu Hause anzurufen. Entweder war er nicht ans Telefon gegangen, oder er war schon auf und davon mit Stasias Liebling. Als Stasia nach ihrer Arbeit in der elterlichen Wohnung keine überschwängliche Begrüßung von Snoopy bekommen hatte, hatte es Stasia geschwant.
„Wo ist Snoopy? Ist was passiert?”
Frauke hatte ihr von dem Schrecken erzählt.
Dann der Anruf:
„Wenn du deinen Köter lebend wiederhaben willst, musst du nach Hause kommen, wo du und er hingehört!”
Seine Stimme hatte bedrohlich und gefährlich geklungen. Dann hatte er hinzugefügt:
„Wir vergessen alles, was passiert ist, es tut mir leid, aber du musst noch heute zurückkommen.”
Frauke hatte ängstlich mitgehört. Leise hatte sie auf Stasia eingesprochen.
„Du kannst nicht zurück. Er ist gefährlich, warte bis Papa von der Arbeit kommt, er geht dann mit dir Snoopy holen.”
„Ich habe Angst vor dir. Ich komme mit Papa und hole Snoopy ab!”
„Aber mein liebes Stasialein. Du brauchst keine Angst haben, wenn du wieder zurückkommst. Es wird wieder alles gut, das verspreche ich dir.”
„Wie geht es Snoopy?”, hatte sie verängstigt gefragt.
„Es geht ihm bestens, er hat gerade von mir eine Wurst gekriegt und wedelt mit seinem Schwänzchen, weil er merkt, dass ich mit dir spreche. Komm jetzt heim.”
„Was, wenn ich wiederkomme, wirst du mir böse sein, und Snoopy und ich werden darunter leiden? Ich traue dir nicht.”
Max hatte mit ruhiger und freundlicher Stimme gesagt:
„Nein, alles wird wieder gut, das verspreche ich dir, ich weiß, dass ich ungerecht zu dir war, ich will, dass alles wieder so ist, wie es war, bitte komme zurück.”
Stasia hatte geschwiegen. Nach mehreren Sekunden hatte seine Stimme weinerlich und verzweifelt geklungen.
„Bitte, komm heim, ich kann Snoopy nichts antun, dir auch nicht, dafür liebe ich euch viel zu sehr.”
Dann hatte er den Hörer aufgelegt.
„Vielleicht tut es ihm wirklich leid und er bessert sich. Sicher hätte er Snoopy nie was angetan“, hatte sie gedacht. Sie hatte Frauke versprechen müssen, am Abend nochmals anzurufen. Wenn sie nicht anriefe, sollte Frauke die Polizei bitten, bei Max und ihr vorbeizuschauen. Stasia war zurückgegangen. Frauke hatte ihr sorgenvoll aus dem Fenster nachgeschaut. Auch sie hatte verstanden, dass es für Stasia am sichersten war zurückzugehen, Streit gibt es in jeder Familie.
„Er wird sich in Zukunft zusammenreißen, er wird sich bestimmt bessern“, hatte sie gedacht.
Beim nächsten Treffen mit Marina erzählte Stasia von dem Vorfall. Marina war ganz und gar nicht einverstanden. Sie hatte Angst um ihre Freundin und drängte sie, doch endlich ein für sie besseres Leben zu wählen.
„Du musst Schluss machen, du musst weg von ihm, der tut dir noch was an!”
Das musste Max wohl gespürt haben. Ständig wetterte er gegen Marina. Und so kam es, dass er Stasia noch misstrauischer als vorher überwachte. Eifersüchtig überprüfte er jede Stunde ihres Tagesablaufes. Für jede Gelegenheit, die Stasia ohne ihn unterwegs war, wollte er Rechtfertigung. Warum sie hier und dort allein hingehen musste. Jeden Schritt von ihr wollte er überwachen. Dieses Verhalten stieß Stasia mehr und mehr ab, so dass sie wieder von Trennung sprach. Er tat vernünftig, so, als könne sie jederzeit gehen, aber dann, wenn sie anfing, ihre Sachen zu packen, sperrte er sie im gemeinsamen Schlafzimmer ein. Die Telefone entfernte er aus dem Zimmer, den Rollladen am Fenster schloss er von außen ab. Verzweifelt und weinend wartete sie ab, bis er wieder die Tür aufschloss. Dann tat er so, als sei nichts geschehen. Immer wieder, wenn Stasia von Trennung sprach, wurde er mehr und mehr aggressiv, bis er sie schlug und sogar drohte, tatsächlich ihren geliebten Pudel zu töten, falls sie ihn verlassen würde. Die Lage wurde von Tag zu Tag schlimmer und gefährlicher für Stasia. Als sie wieder einmal später als besprochen nach Hause kam, wurde die Lage lebensgefährlich. Max saß wartend in der Dunkelheit im Sessel, als sie leise den Raum betrat. Sie war mit Marina wieder in ihrer Stammdisko gewesen und hatte die Zeit vergessen. Es war schon zwei Uhr in der Nacht. In aufgestauter rasender Wut packte er die verdutzte Stasia an ihren Schultern und warf sie auf den Boden. Sie wehrte sich, trat nach ihm und biss ihm in den Arm, als er versuchte, sie zu würgen. Sie schlug verzweifelt um sich. Snoopy kam mutig aus seinem Versteck und sprang Max von hinten an. Max lag auf Stasia. Ihre Kräfte ließen nach, Snoopy zerrte mit seinen Zähnen am Bein von Max und biss ihn schließlich in die Wade. Der Schmerz des Bisses ließ Max wieder zur Besinnung kommen. Erschüttert über sein eigenes Verhalten ließ er von Stasia ab und zog sich wortlos in die Küche zurück. Hinter sich verschloss er die Tür. Die Vermieterin, die auch im Haus wohnte, klingelte ängstlich und rief durch die Abschlusstür, ob sie die Polizei rufen sollte.
„Nein, Frau Müller, alles ist klar, ich hatte einen Albtraum und bin durch meine eigenen Schreie aufgewacht. Snoopy hat sich so sehr erschrocken, dass er losgebellt hat, als wäre mir was passiert“, log sie. Verängstigt ging Stasia ins Schlafzimmer. Wie aus dem Nichts stand Max vor ihr mit einem Glas Wasser in der Hand und einem Röhrchen Schlaftabletten. Er schüttete alle Tabletten in das Glas.
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