„Der Tee?“ Sie beäugt ihn misstrauisch.
„Der auch, ja. Und die Ferien. Hrrm.“ Er muss sich doch wieder räuspern.
„Ja. Aber nicht immer. Man benötigte uns bei der Arbeit auf dem Hof, an glühend heißen Sommertagen eine Qual. Sie glauben, dass die Hitze Sie versengt. Und tragische Ereignisse gab es auch: einmal sind zwei Hennen in die Klärgrube gefallen und ertrunken. Der Hund meiner Großeltern warf in einem Frühling fünf Welpen. Einer davon wurde von einem Auto angefahren, das auf den Hof einbog. Man musste ihn einschläfern lassen. Jedes Ereignis für sich der halbe Weltuntergang. Und dann gab es da noch meine Schwester, die habe ich Ihnen wohlweislich verschwiegen. Ich möchte nämlich jetzt nicht behaupten, dass wir nie gestritten hätten. Im Gegenteil. Wenn Sie sich einen Hahnenkampf vorstellen, bei dem die Federn nur so stieben... so hat sich das zwischen mir und meiner Schwester abgespielt. Weil sie älter war, blieb sie meistens siegreich. In einem Winter wurde sie außerdem sehr krank, hatte hohes Fieber und delirierte. Sie hat sich im Bett aufgesetzt, auf die gegenüberliegende Zimmerwand gedeutet und geschrien: „Bär! Bär! Bär!“ Nonstop, stereotyp. Gespenstisch. Viele meiner Gruselgeschichten stammen original von meiner Schwester. Wir konnten sie kaum beruhigen. Am nächsten Tag wusste sie nichts von ihrem Zoo. Außerdem ist sie schlafwandeln gegangen, hat sogar einmal mitten in der Nacht das Haus verlassen und an der Haustür geklingelt. Können Sie sich unseren Schrecken vorstellen? Ein paar Tage danach noch glaubte ich, es sei nicht meine Schwester gewesen, die da nächtens vor der Tür stand, sondern ein Geist, der sie ersetzte. Bis sie sich wieder so verhalten hat, wie meine Schwester. Da wusste ich: Sie ist echt. Was wäre das für eine Tragödie gewesen, wenn sie damals davongelaufen und im See ertrunken oder unter ein Auto geraten wäre? Immer wieder hat sie mir Angst eingejagt und mir mit Vorliebe am späten Abend Gruselgeschichten erzählt. Wenn ich traumatisiert zu meinen Großeltern in die Stube hinaus tappte, weil ich nicht einschlafen konnte, und sie zur Rede gestellt wurde, wusste sie von nichts. Ganze Romane hat sie erzählt, die allerdings unbrauchbar waren, weil niemand dieses Grauen lesen hätte wollen. Aber abgesehen davon – war es meistens schön, ja.“
Ihre Arbeit nähert sich dem Ende. Diesmal greift sie zum Föhn und trocknet seine Haare sehr gründlich. Ihm muss immer noch ein bisschen kalt sein. Sie zumindest friert. Er trink seinen grässlichen Tee, lehnt sich zurück und starrt vollkommen fertig vor sich hin, macht sogar die Augen zu. Seine Haare trocknen im beginnenden Fieber, sie legt den Föhn zur Seite, fährt mit der Bürste ein letztes Mal über den dunklen Schopf und fegt die Haarspitzen von Hals und Schultern. Wie immer nimmt sie den Umhang zusammen. Der Schnittabfall landet auf dem Boden. Als er seine Frisur im Spiegel sieht, nickt er zustimmend und steht steif und ungelenk auf.
An der Kassa krächzt er ein „Danke“, drückt ihr wieder fünf Euro Trinkgeld in die Hand und dreht sich zur Garderobe um. Sie hilft ihm in den Mantel (das Etikett zu entziffern gelingt ihr auch diesmal nicht) und fühlt sich wie ein Kavalier der alten Schule. Im letzten Moment fällt ihr das Halstuch auf dem Tisch vor dem Spiegel ein, doch Analena war schneller und reicht es ihm.
„Mütze?“, fragt Hannah. Sie hört sich an wie ihre eigene Mutter. Der Gedanke, er könnte gesundheitlich angeschlagen mit so kurzen Haaren und unbedecktem Kopf in die kalte Nachtluft hinaustreten, behagt ihr nicht.
„Nein“, krächzt er, nickt grüßend und tritt auf die Straße.
Dort fährt ihm der Frost in die Glieder, die sich schwer und träge anfühlen, Arme und Beine aus Blei, das Hirn wie vernebelt.
Am nächsten Tag glüht er im Fieber und wälzt das, was ihm die Friseurin am Vortag erzählt hat, wie eine Steinlawine im Kopf herum. Die Worte scheinen als Echo vielstimmig widerzuhallen, Sätze verlorenzugehen, Satzfetzen in Endlosschleife hängen zu bleiben. Hitze und Schweiß schwächen seinen Körper, der Kopf dröhnt. Erst, als das Fieber nach drei Tagen langsam sinkt, vermag er wieder klar zu denken.
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