Patrick seufzt.
Eigentlich sind nicht nur die Frauen in seinem Leben kompliziert.
Alle Menschen um ihn herum sind es gerade.
Obwohl die Neue eigentlich ganz vernünftig wirkt.
Anouk heißt sie. Ihre Mutter ist Französin. Und ein großer Fan von Anouk Aimée. Die kennt Patrick nicht.
„Eine tolle französische Schauspielerin hat Anouk ihm erzählt.
Daher hat sie ihren Namen.
„In den Sechziger Jahren hat Anouk Aimee in Un Homme et une Femme, also Ein Mann und eine Frau mitgespielt. Die weibliche Hauptrolle. Sehr schön und sehr melancholisch, in Schwarz-Weiß.“
Wie sie den französischen Titel ausspricht und dass sie das Wort melancholisch benutzt, findet Patrick so abgefahren wie scharf.
Dann hat sie auch noch die Titelmelodie gesummt: „da da da da ba da ba da da ba da ba da da da da da ba da ba da da ba da ba da da da da da ba da ba da ...“
Und wahrscheinlich hat Britt Recht.
Während sie so geredet und gesungen hat, konnte Patrick den Blick nicht von ihren Lippen losreißen.
Anouk hat den perfekten herzförmigen Mund.
Krass süß!
„Ist mir doch egal, ob wir jetzt schwimmen oder klettern gehen oder nicht. Ich freue mich auf Bayreuth und die Zeit mit den anderen Mädels und Jungs“, sagt Lena zu Hannah.
Und dann wird die Klassenlehrerin eine Woche vor dem Schulausflug krank und der Geschichtslehrer springt ein.
Er schreibt an die Eltern, dass es ein tolles Freibad neben der Jugendherberge gibt und einen Kletterwald ganz in der Nähe. Da wolle man unbedingt hin. Nichts liegt in seinen Augen näher, als diese tollen Möglichkeiten auch zu nutzen. Die Eltern mögen doch bitte unterschreiben, dass sie einverstanden sind, dass er mit den Kids schwimmen und klettern gehen wird.
Natürlich sind Hannah und Philipp einverstanden.
Aber Hannah findet nicht gut, dass die Kinder im Bus nach Bayreuth fahren werden. Sie schlägt der Schulleitung vor, die Polizei zu benachrichtigen, damit die Beamten den Bus vor der Abfahrt inspizieren. Es passieren ja immer wieder schlimme Unfälle. Gerade auch auf Klassenfahrten. Weil der Bus nicht verkehrstauglich ist oder der Busfahrer seine fünfzehn Stunden Arbeitszeit überzogen hat und einschläft. Das kennt man ja aus den Nachrichten.
Die Schulleitung findet die Idee sehr gut und bittet Hannah den Anruf bei der Polizei zu übernehmen. Schließlich hat der Direktor ja noch andere Dinge zu tun.
Hannah nimmt diese Aussage nicht persönlich. Sie findet gut, dass sie die Polizei anrufen soll. Dann weiß sie wenigstens, dass es auch geschieht. Obwohl ihr Vater, als er noch Schuldirektor war das sicher selbst in die Hand genommen hätte. Aber heute ist ja jeder mit seinem Job überfordert. Manchmal glaubt Hannah, keiner lernt mehr zu arbeiten. Fleiß ist altmodisch und wurde längst von Ehrgeiz abgelöst, der einen aber ohne großes Zutun möglichst weit bringen soll. Ihr Vater hat sie als Kind immer sehr unter Druck gesetzt mit seiner Disziplin und seinen völlig überhöhten Erwartungen. Mittlerweile mischt sich Bewunderung in ihre Erinnerungen.
Und lächelnd denkt Hannah jetzt an ihren neuen Chef, der schon fast neunzig Jahre alt ist, seinen Familienbetrieb aber nicht so recht aus den Händen geben kann, wenn sein Sohn auch schon lange mit in der Firma ist und selbst fast das Rentenalter erreicht hat.
Kürzlich hat er sie gefragt – „Können Sie noch Schreibmaschine?“.
„Ja, kann ich“, hat Hannah geantwortet. „Ich habe als Übersetzerin gearbeitet, bevor ich geheiratet habe. Da habe ich sehr schnell auf meiner Gabriele vor mich hin getippt.“
Ihr Chef hat sich gefreut und genickt.
Manchmal schickt er Hannah jetzt Bänder, die sie abtippen muss. Ganz schön altmodisch. Aber Hannah tut diese Entschleunigung gut. Sie guckt nicht gerne ständig auf leuchtende Bildschirme. Das bekommt den Augen nicht. Sie ist ihrem Chef für diese Rückkehr zu alten Medien regelrecht dankbar.
Am Morgen der Abfahrt nach Bayreuth ist Hannah die einzige Mutter vor der Schule. Die anderen Mütter haben ihre Kinder mit ihren Rucksäcken nur abgesetzt und sind dann wieder ab gedüst.
Hannah aber hat eine Mission. „Mama, du bist echt peinlich“, sagt Lena. „Immer machst du dir Sorgen.“ Sie umranken Lena wie Efeu und beengen sie, das merkt sie, kann es aber nicht so recht in Worte fassen.
„Alle einsteigen, gleich geht’s los!“, ruft Lenas Mathelehrer. „Herrgott, was sind denn das alles für Busse?“, fragt Hannah rhetorisch. Sieben weitere Busse warten ebenfalls auf ihre kostbare Fracht. Die Polizei ist auch schon da. Aber statt den Bus für Lenas Klasse, der zehn d zu inspizieren, haben sich die Beamten den Bus der acht d vorgenommen.
„Guten Tag“, sagt Hannah zu einem der Beamten, der gerade wieder ins Auto steigen will, „Das ist der falsche Bus.“ Verständnislos schaut der Mann sie an. „Ich hatte sie angerufen, aber für diesen Bus.“ stellt Hannah richtig und zeigt auf den Reisebus, der für Lenas Klasse parat steht.
Das wäre ja noch mal schöner. Von den anderen Eltern hat sich schließlich niemand gekümmert. Ihnen scheint es egal zu sein, in welcher Zeitbombe ihre Sprösslinge durch die Weltgeschichte fahren.
Unterm Strich ist mit dem Bus der zehn d jedenfalls alles in bester Ordnung wird Hannah wenig später versichert.
Auch der Fahrer macht einen ausgeschlafenen Eindruck. Er grinst Hannah an und sagt:
„Für Busfahrten sind Helikoptermütter doch total überqualifiziert.“
Hannah schüttelt das ab, wie ein nasser Hund. Aber so richtig spurlos geht der Spruch nicht an ihr vorbei.
„Wir haben kein Mehl mehr! Gehst du mal kurz runter zur Nachbarin im Parterre rechts und fragst, ob sie welches hat“, sagt Hannah zu Philipp. „Ich will Pfannkuchen machen.“
Eines von Gilas Rezepten, die Hannah aus dem Effeff beherrscht. Ihre Mutter hat es ihr früh beigebracht und es hat Hannah schon durch die Studentenzeit gebracht.
Die Nachbarin ist schon viele Jahre Witwe. Hannah erwähnt sie in letzter Zeit häufiger. Sie schwärmt regelrecht von ihr. „Sie ist immer so freundlich, dabei hat sie schon so viel durchgemacht. Sie hat ihre Tochter fast allein großgezogen, weil ihr Mann so früh gestorben ist. Und sie ist noch so attraktiv, dabei ist sie schon über fünfzig.“
Philipp nervt dieser Botengang, aber er läuft gehorsam nach unten, klingelt und wartet.
Eine ganze Weile tut sich nichts und er will gerade wieder gehen, da öffnet sich die Tür.
Im Rahmen steht die schönste Frau, die er je gesehen hat und es verschlägt ihm die Sprache. Es ist, als würde es heller im Flur. Was natürlich auch daran liegen mag, dass Licht aus der Wohnung der Witwe ins Treppenhaus scheint. Aber das sieht Philipp nicht. Auch sämtliche Geräusche sind ausgeblendet, als wären seine Ohren mit Ohropax verstopft.
Das kann doch unmöglich die Nachbarin sein, denkt Philipp. Diese Frau ist höchstens Anfang dreißig. Philipp starrt sie an. Und ist sich dabei selbst ein bisschen peinlich.
Aber sie scheint das nicht zu bemerken, denn sie lächelt erfreut und sagt „Guten Abend, Herr Schwarz. Sie wollen sicher zu meiner Mutter. Die ist im Kino. Ich wohne gerade für ein paar Wochen hier. Ich wechsele meine Stelle und habe meine Wohnung schon aufgegeben.“ Es sprudelt alles wie selbstverständlich von diesen kirschroten, saftigen Lippen und Philipp kann kaum den Sinn ihrer Worte verstehen, so gebannt ist er von der Ausstrahlung der jungen Frau.
Ach ja, klar, die Nachbarin hat eine Tochter, aber hat er sie jemals gesehen? Sie kennt ihn offensichtlich. Aber kennt er sie? Er müsste sich doch erinnern.
Dann fällt ihm das Mehl wieder ein. Er räuspert sich und sagt mit rauer fremder Stimme „Haben Sie wohl etwas Mehl für uns. Wir haben keins mehr.“
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