„Also ich hätte lieber Unterricht“, sagt Lena und schaut ihren Vater aus ernsten glänzenden braunen Augen an. „Ich glaube nicht an die Demos. Die anderen nehmen es doch eh nur zum Vorwand um blau zu machen und rumzualbern. Und was ändert das schon?“
Philipp schaut seine Tochter überrascht an und liebt sie für diesen Satz noch ein bisschen mehr.
Diese ganze grüne Hysterie geht ihm irgendwie mächtig auf den Sack.
Er ist stolz auf seinen BMW. Den glänzenden, makellosen schwarzen Lack. Er drückt gerne auf die Tube. Das ist für ihn Freiheit. Das sagt er natürlich nicht laut. Aber immerhin fliegt die ganze Familie gerne mehrmals im Jahr in den Urlaub. Vor allem Hannah hat das immer genossen.
Das lassen sie sich nicht nehmen. Das kann doch keine Sünde sein.
Glück ist keine Sünde. Man könnte ja genauso gut aufhören zu atmen.
Leben bedeutet nun mal alles rauszuholen, Vermehrung. Möglichst von allem. Und wenn Philipp mal sparsam ist, dann nicht der Umwelt zu liebe. Mehr ist dann eben nicht drin. Für seine Lieben buckelt er jeden Tag. Es soll ihnen gut gehen. An nichts fehlen. Schön will er es ihnen machen. So schön es geht. „Verzicht und Lebensfreude das schließt sich doch aus“, das ist die Meinung, die Philipp auch seinen Freunden gegenüber vertritt. Und die meisten stimmen ihm zu.
So schlimm wird’s schon nicht kommen mit dem Klimawandel. In diesem Punkt ist er sich mit Trump einig. Solange es im Winter so eiskalt wird, kann es mit der Erderwärmung nicht weit her sein.
„Die meisten meinen es schon ernst“, widerspricht Patrick und unterbricht damit Philipps Gedanken. „Deine Freundinnen vielleicht nicht“, fügt er an Lena gewandt hinzu. „Die schnallen ja eh nichts. Die sind zu sehr mit ihren Wimpern-Extensions beschäftigt und mit Nase bohren.“
Lena rollt die Augen und streckt ihrem Bruder die Zunge heraus.
Philipp hasst Streit beim Essen.
„Und? Wie war’s bei der Arbeit?“, fragt er jetzt Hannah um vom Thema abzulenken. Er gibt sich interessiert, obwohl er nur mittelgut findet, dass Hannah wieder arbeitet. Irgendjemand muss sich schließlich um die alltäglichen Dinge kümmern. Auch für die Kinder war es schöner, als sie noch zu Hause war, wenn sie aus der Schule kamen, da ist er ganz sicher.
„Das ist deine Meinung“, kontert Hannah, jedes Mal, wenn er das Thema anspricht. „Die Kinder beschweren sich nie, dass ich arbeite.“
Hannah ist Mädchen für alles in einem Büro. Früher hieß das „Sekretärin“, heute nennt man Frauen wie sie „Assistentin“.
Albern findet Philipp das. „Dieser ganze Label-Wahnsinn! Der nimmt in letzter Zeit Überhand“, sagt er bei jeder Gelegenheit. Ha! Trennung, ist auch so ein Label. Wie das klingt, denkt Philipp in diesem Moment triumphierend. Nach etwas ganz anderem als dem, was hier gerade abgeht.
Sie sitzen alle um den Tisch und essen gemeinsam, unterhalten sich. Eine ganz normale Familie, an einem ganz normalen Abend in einer ganz normalen Woche.
„Alter“, sagt Patrick da unvermittelt. Eigentlich ruft er es eher. Philipp hat einige Zeit gebraucht, um sich bei diesem Wort nicht jedes Mal automatisch angesprochen zu fühlen. Mittlerweile erwischt er sich manchmal sogar selbst dabei, dass er „Alter“, sagt, wenn er sich mit seinen Freunden unterhält.
„Habt ihr das von dem Zikaden-Pilz gehört?“, das ist jetzt wieder Patrick. Und sofort hat er die Aufmerksamkeit von Eltern und Schwester. Er mag das. Kennt es aber auch nicht anders. Menschen hören ihm zu. Das ist einfach so. Vor allem die Mädchen. Es gibt gerade drei, die ihm immer ganz besonders gerne und andächtig zuhören. Und jetzt also seine Familie. Zumindest sein Vater und seine Schwester schauen ihn gespannt und erwartungsvoll mit fragenden Augen an. Seine Mutter schüttelt den Kopf.
Patrick kostet sein retardierendes Moment genüsslich aus.
„Die Zikaden sind von so ’nem Pilz befallen, der halluzinogene Wirkstoffe enthält, so wie Magic Mushrooms. Dadurch verlieren sie Glieder, Flügel und Geschlechtsorgane.“
„Ääääh“, sagt Lena. „Kannst du das bitte nach dem Essen erzählen?“ Sie schüttelt sich angewidert.
„Geht ganz schnell“, sagt Patrick. „Also bevor sie draufgehen, poppen sie noch schnell so viele andere Zikaden wie möglich. Dadurch verbreitet sich der Pilz immer weiter.“
„Man beachte, die interessante Wortwahl! Danke, für deinen überaus positiven und plastischen Beitrag zu dieser Essensrunde“, sagt Philipp.
Aber irgendwie ist er auch stolz auf seinen Sohn, der sich für so vieles interessiert und unbedingt Journalist werden will. Das sagt er ihm bloß nicht.
Hannah reagiert nicht auf Patrick Anekdote aus dem Tierreich. Sie schaut ausdruckslos vor sich hin. Tatsächlich hat sie gar nicht richtig zugehört.
Sie ist in Gedanken bei ihren Eltern.
Gila, ihre Mutter, hat ihr heute Nachmittag am Telefon erzählt, dass Enno, Hannahs Vater, sich seit ein paar Tagen seltsam verhält.
„Es ist eher so ein Gefühl in der Magengrube, weißt du, Kind!Es gab eigentlich nichts Besonderes, nur eben dieses komische Gefühl“, hat Gila gesagt. „Außer vielleicht, dass mich dein Vater einmal nicht erkannt hat. Ein anderes Mal war er wütend, weil ich angeblich weggegangen bin, ohne ihm Bescheid zu sagen. Was nicht stimmt!“, wie Gila beteuerte. „Ich sage immer Bescheid!“
„Mami, vielleicht ist das ganz normal. Das liegt sicher einfach nur am Alter“, hat Hannah gesagt. „Er wird halt vergesslich!“ Gleichzeitig schämte sie sich, dass sie nicht mehr auf ihre Mutter eingehen konnte. Sie hatten telefoniert, während sie noch bei der Arbeit war.
Ihre Mutter hat sofort protestiert: „Also normal finde ich das überhaupt nicht. Ich finde sein Verhalten seltsam!“
Als Hannah einhängte, hatte sie dann auch ein ungutes Gefühl.
Sie kümmert sich gerade kaum um ihre Eltern. Sie hat ein schlechtes Gewissen. Gleichzeitig weiß sie nicht genau, wo sie auch noch Zeit für die Eltern hernehmen soll, neben der Arbeit und den Kindern. Wann sind ihre Eltern bloß so alt geworden? Es kommt ihr vor wie gestern, dass sie Kind war. Gut behütet. Bildung war den Eltern wichtig – gute Manieren auch.
Ihre Eltern waren immer neugierig auf andere Länder gewesen und so hatten sie sich so ziemlich alles angesehen rund um den Globus haben sie sich gearbeitet, wie auf einer modernen bildungsbürgerlichen Grand Tour.
Zunächst mit den drei Töchtern.
Verrückt wie eng ihr Familienzusammenhalt einmal war. Niemand ist ausgebrochen. Dabei hat ihr Vater eigentlich immer den Ton angegeben. Es hat aber keines der drei Mädchen gestört und auch die Mutter nicht. So kam es Hannah jedenfalls vor.
Gila hat Enno immer den Rücken gestärkt, obwohl sie selbst gearbeitet hat.
Als es jetzt so still wird bei ihnen am Tisch, fragt Hannah in das Schweigen hinein: „Möchte jemand Nachtisch? Es ist noch Eis im Tiefkühler.“
Philipp ist wieder einmal baff, in welch anderer Galaxie sich Hannah gerade meist bewegt. Sie ist seit Neustem mit dem Kopf scheinbar immer woanders. Früher war sie so klar und strukturiert. Da haben sie an einem Strang gezogen. Er fühlt sich jetzt immer so allein.
Er versucht, es mit Fassung zu tragen.
Es bleibt beim Versuch.
Aber die Kinder freuen sich und Patrick springt sofort auf, um das Eis aus dem Tiefkühler zu holen, was wiederum Hannah positiv auffällt.
Er ist schon ein ganz besonders Wohlgeratener, ihr Patrick, stellt sie wieder einmal fest und lächelt.
Und trotz alle dem, sind sie seit einem halben Jahr getrennt, also Hannah und Philipp.
„Glücklich getrennt“, wie Hannah ihren Freundinnen bei einem ihrer Kaffee-Treffs versicherte. Die Freundinnen nickten mit jeder Menge Zweifel im Blick, was aber Hannah nicht weiter beachtete. Sie wusste schließlich, was sie tat. Nicht wahr?
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