In Preußen wollte man die eigenen Untergebenen nicht einfach so verlieren, und nach mehreren erfolglosen Versuchen, ihre Ausreise zu verbieten und einzuschränken, bot man den Mennoniten die Erschließung neuer Ländereien in den Gebieten Kalisch und Gnesen an, die infolge der zweiten polnischen Teilung an Preußen gefallen waren. Allerdings konnte dieser verspätete Vorschlag den bereits ins Rollen gekommenen Prozess der massenweisen Übersiedlung von Mennoniten nach Südrussland nicht mehr aufhalten. 7
Auch die klimatischen Bedingungen hatten Auswirkungen auf die steigende Anzahl ökonomischer Ursachen für die massenweise Emigration der Bauern aus den europäischen und insbesondere aus den deutschen Ländern. So begann das zweite Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts in Deutschland mit ertragsschwachen Jahren, besonders schlimm in dieser Hinsicht waren die Jahre 1816 und 1817. Der Ausbruch des Vulkanes Tambora auf der Insel Sumatra in Indonesien führte dazu, dass 115 Millionen Tonnen Staub und Asche in einer Höhe von mehr als 50 Kilometern in die Atmosphäre geschleudert wurden, was eine Verdunklung der Sonne und Änderungen des weltweiten Klimas verursachte. Die Folgen dieses Vulkanausbruchs waren katastrophal. In Zentraleuropa stellten sich über einen längeren Zeitraum Wetteranomalien und demzufolge sinkende Temperaturen und endlose Regengüsse ein, viele Flüsse traten über die Ufer und überschwemmten die Ackerböden. Infolgedessen kam es in vielen Ländern Europas zu riesigen Ernteverlusten, wodurch der Weizenpreis erheblich anstieg. In den Jahren 1816 und 1817 stiegen die Preise im Vergleich zum Jahr 1815 in den folgenden Ländern jeweils folgendermaßen an: in England auf das 1,17- bzw. 1,46-fache; in Frankreich auf das 1,45- bzw. 1,85-fache; in den Niederlanden auf das 1,33- bzw. 2,21-fache und in der Schweiz auf das 1,62- bzw. 2,35-fache. Noch stärker stieg der Weizenpreis in manchen deutschen Ländern an, zum Beispiel in Bayern auf das 1,90- bzw. 3,01-fache, in Württemberg auf das 1,69- bzw. 2,39-fache, in Baden auf das 1,71- bzw. 2,68-fache und in Hamburg auf das 1,11- bzw. 1,67-fache. 8
Besonders stark wurden die Regionen Elsass, die deutschsprachige Schweiz, Württemberg, Bayern und Vorarlberg in Westösterreich getroffen, wo die Preise an einzelnen Orten auf das 3- bis 4-fache anstiegen. Ein solch starker Einbruch der Kornerträge und der rasante Preisanstieg führten zu einer schweren Hungersnot, die breite Massen der Bevölkerung ergriff. Diese suchte und fand in der Emigration einen Ausweg aus ihrer Armut.
Dabei ist zu betonen, dass Zar Alexander I. der östlichen Schweiz zu jener Zeit humanitäre Hilfe leistete, indem er 100.000 Rubel für Weizenlieferungen aus Russland in die vom Hunger heimgesuchten Regionen bereitstellte. Genau zu jener Zeit, im Jahr 1817 nämlich, siedelten 3.000 Einwohner der Schweiz nach Nord- und Südamerika und teilweise nach Russland über. Der Höhepunkt der Auswanderungswelle aus der Schweiz fällt auf die Jahre 1882 und 1883, in denen 13.500 Einwohner dem Land den Rücken kehrten. Von diesen ließen sich 83% in den USA, 11% in Argentinien, 4% in Kanada und 2% in Brasilien nieder. Insgesamt wanderten von 1820 bis 1880 etwa 89.000 Menschen aus der Schweiz aus. 9
4.3. Religiöse Ursachen
Die auf gesundem Menschenverstand und dem Kampf gegen Vorurteile basierenden Ideen der Aufklärung und die Weiterentwicklung der Bildung, der Wissenschaft, der bürgerlichen und persönlichen Menschenrechte und der religiösen Toleranz wurden im 18. Jahrhundert zunehmend aktiv in Europa verbreitet. Die Denker, die Literatur und die Kunst dieser Zeit, und ebenso die Revolutionen der Jahre 1776 in Amerika und 1789 in Frankreich sorgten für grundlegende Änderungen in der Politik der damaligen europäischen Machthaber. Schon der 1555 in Augsburg geschlossene „Augsburger Religionsfrieden“ erkannte das Luthertum als dem Katholizismus gleichgestellte, offizielle Religion des Heiligen Römischen Reiches an. Nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges und Abschluss des westfälischen Friedens im Jahre 1648 wurde auch der Calvinismus den offiziellen Religionen zugerechnet. Allerdings wurde die Möglichkeit einer freien Religionsausübung in der deutschen Praxis bei weitem nicht immer angewendet, vielmehr kam es häufig zu ökonomischen Einschränkungen, Verfolgung oder gar Vertreibung derjenigen, die einer anderen Religion angehörten als der Machtinhaber oder Herrscher eines bestimmten Landes.
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