Ihr Blick huscht über seine Latzhose, aber die birgt nichts von Antons Feinsinnigkeit, die ihr jetzt lieber wäre.
Mattigkeit legt sich um ihre Schultern, färbt ihre Stimme.
„Todesfälle wurden gemeldet. Morgen beruhige ich die Sorgen der Hotelgäste um ihre schönste Zeit im Jahr, damit sie von den ernstlich Betroffenen nichts merken, denn das werden mir meine Kollegen aufladen. Würde dir diese Pflicht gefallen?“
„Nein. Etwas des anderen sahen wir unterwegs“, brummelt er kleinlaut, und wankt mit gesenktem Kopf zur Tür. „Irgendwelche Maßnahmen nötig, uns vor weiterem zu schützen?“
„Sei zuversichtlich“, berappelt Maik sich mit müder Stimme. „Nicht überall war es schlimm. Wir kamen glimpflicher als Vera schildert davon. Übergelaufenes sucht sich seine Wege.“
„So plötzlich wie der Orkan kam, endet er“, sichert Vera in versierter Überzeugungskraft und aus ihrer jahrelang erprobten Freundlichkeit als Rezeptionistin zu, aber verschränkt die Arme vor der Brust in ihrem dunkelroten Hausanzug.
„Nee, der dauert noch, Vera.“
Anton umgreift die Türklinke, senkt den Kopf, und verzögert seinen Abgang. In Maik gärt ein Abschmettern.
„Freude an Gartenarbeit endet nicht, weil Unwetter stören.“
„Lebendiges“, fällt Vera ihm ins Wort, und schlägt in Maiks Kerbe, „erwartet eben ständig etwas wiederholte Zuwendung.“
Vera misslingt, Anton aus seinem Missmut zu rütteln.
„Wie abgeklärt!“, brüllt er ohne sich umzuwenden.
In ihm rumort mehr, da raunt der kleine Anton besessen vom Alleingelassensein. Dies Uralte abdrängend, behält Anton seine Sinne beisammen und seinen Logo in der tristen Gegenwart.
„Euch erschüttert nichts!“, schauft er lauter. „Ich soll es reinfressen, und magenkrank werden.“
„Im Sonnenschein vergisst du alles.“
Maik hat vor, ruhig an der Bank zu sitzen, Anton aber noch etwas auf den Weg mitzugeben.
„Mach dich härter fürs Überleben als unser Gärtner. Sei ein Spieler und setze neu im Garten, Anton.“
„Allein das, Maik“, hart sprüht er einen Blick hinter sich, „bewältige auch du! Von Nebenan schlug der Fremdenhass unserem Jeep einen Plattfuß! Das schüttere Haar raufe dir und bedenke, was du mit der Oma drüben anfängst!“
Sich abwendend, will Anton nichts der Reaktionen auf diese Mitteilung sehen. Er stapft in der Windstille nach einer Bö die Außentreppe hinab, bis vor den Steingarten zaghaft sprießender Küchenkräuter und am Kies auf und ab. Er blinzelt zur einstigen Beetanlage, dem Wall vor der Mauer, den Dunstschleiern, in die hinein die Erde die aufgesogene Feuchtigkeit verdampft.
Strapazen rumoren mit Mistgabeln im Gärtnerherz, Anton kann sich dessen kaum erwehren. Sein Gespür eilt voll Qual zurück in die Zeit der Beetanlage bei brütender Hitze. Die stach ihm zwar ins Gehirn, und das verabschiedete sein Funktionieren unter dem Hacken in der Erde. Aber damals erfassten alle Sinne die grüne frische Existenz, und daran ein Lechzen nach lebensspendendem Nass, und seiner Zuwendung. Es war ihm ein Hochgenuss gewesen inmitten des lebendigen Wachsens zu sein. Und nun - alles hin!
Nach einer Weile knattert hinter Anton im Nähern Margaritas Moped, und fährt zum Unterstand neben dem Felsenkeller. Lahm in ihren Bewegungen steigt Margarita ab, und entnimmt dem Korb am Lenker den Rucksack aus braunem Leinen. Den bleichte die Sonne des vorherigen Jahres, doch noch kontrastiert es ihre betörend braunen großen Augen. Sich umwendend, öffnet sie die Jacke, und rekelt ihre Schultern. Und schon fuchteln Antons beide Arme zum vormals mit viel Schweiß gepflegten Land.
„Sieht so auch der Hang an der Gärtnerei aus?“
„Ola! Ich freue mich auch, dich zu sehen! Nicht ans krasse Wetter gewöhnt? In mir knistert, was den Tag lang ans Glasdach der Gärtnerei prasselte, und wo das viele Glas zu Bruch ging.“
Im Nähern ringt Margarita um Geduld, greift in ihr kinnlang braunes Haar, beäugt an Antons Hose die Schmierfettkleckse und weiß ihre bis an die Knie nass. Sie lugt Antons Fingerzeig kurz nach; es tönt ihre Stimme nur tiefer ein.
„Hände sah der Himmel vor für unsere Spucke, um allen Unrat wegzuschaffen. Nicht nur für Zartbesaitete, nicht nur für die sensiblen Körnchen in der Sanduhr, denen alles zu eng wird!“
Antons Blick füllt sich traurig. Er hebt eine Hand, berührt für einen Moment Margaritas Wange, schaut dann tiefer abwärts. Ein Himmelssegen tröpfelt neuerlich an den Kies.
„Trink mit mir Tee in meiner Küche, komm, Margarita.“
Eingehakt, führt er sie hinein, und neben den Wasserkocher. Den füllt er, und fragt, unter dessen Aufbrummen:
„Hast du eventuell eine Idee für den Garten?“
Einen Stoß vor seinen Arm versetzt sie ihm, sagt eher müde:
„Meine Kraft reicht nur für den Gedankenanstoß. Leo meldete sich aus Berlin zu Besuch an, dafür erhoffe ich von Herzen das Ende des Orkans.“
Sie plumpst auf einen Stuhl, indes Anton herum hantiert mit seinen Kräuterteedosen. Margaritas abgearbeitete Miene umfängt er dann mit einem Blick, der ihr seine Freude zeigt.
„Leo zu Besuch, wie schön!“
Er neigt vor den Dosen den Kopf, dreht dann Margarita seine kleinen engen Augen zu, in denen ein Scherz blinkt.
„Mir ist die Kräuterkunde gut genug vertraut, damit dir ein ein Geistesblitz für meinen Gartenwust kommt. Und Leo soll mich auch nicht aufzuheitern haben. Also trinken wir einen Glückstee nach dem uralten Rezept, gegen ein Jegliches wuchs ein Kraut.“
In den Flieger aus Berlin dringt über Funchal ein Azurblau, wie selten im deutschen März. Hohl klingt das Applaudieren dennoch aus den Reihen der dreihundert und mehr Sitze, wo tief geatmet wird nach windiger Landung. Auf der Rollbahn holpern die Räder, und ebenso die Blicke der Fluggäste auf die vor den Berghöhen glitzernden Atlantikwellen, fast ohne jedes Lächeln.
Flink nesteln Hände an den Sitzgurten, obgleich der Flieger noch nicht steht und die Lautsprecher schnorren: „... bis die endgültige Position erreicht ist.“ Wie gehörlos recken sich die Ersten nach den Handgepäckkästen. Doch einige Luftraumerfahrene träumen Madeira entgegen, bleiben sitzen, passiv wie Leo.
Leo beobachtet diese wenigen Wissenden, die keine Sekunden kennen. Erstkommende strukturieren den perfekten Urlaub voraus in der Idee, das Beste aus allem mitzunehmen. Leo läuft nichts weg. Auf sie wartet ein vorbestelltes Motorrad.
Nach einer halben Stunde stemmt Leo ihre roten Stiefeletten auf einen Jeepanhänger, und rollt das Geländerad von der Rampe. Ihre sehnigen Hände greifen zu, prüfen die Technik rundum. Auch den Tank, vor den besorgten Blicken einer sie musternden jungen Einheimischen. Von ihr nimmt sie die Kontrollpapiere an, stopft die in ein Innenfach der rot paspelierten Lederjacke, zurrt den Reißverschluss hoch. Leo schwingt ein Lederhosenbein über den Sitz, und schon trippeln die hohen Absätze der Jeepfahrerin auf einer Stelle. Zu ihr weitet Leo ihre reisemüden braunen Augen.
„Ich weiß, wo die Insel des ewigen Frühlings grün ist. Und Senhora Maria hat ein Auge auf diese hutzelige Touristin, die Maschine bleibt heile! Meine Überreste entsorgt niemand.“ Eine Hand klatscht die junge Frau an den Mund, Leo legt den ihren in ironische Falten, und ergänzt: „Ich kenne das Gerede über den Lebensmüden, abgesprungenen vom Cabo Girao, fünfhundert Meter tiefer an den Klippen zerschellt. Ihre Kandidaten erreichen mit Pestiziden im Wein kein so endgültiges Resultat.“
Leo zieht den Auspuff knatternd durch, und setzt ihren Helm an die weißgrauen Strähnen, die alsbald hinter ihr flattern.
Die junge Frau bekreuzigt sich, klappt rasch die Rampe ein, und die Jeeptür hinter sich zu. Sie sieht dem kleiner werdenden Punkt nach, er verschwindet im ersten Tunnel.
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