hiesigen Bananenfalter imitieren zur Abschreckung ihrer Feinde Raubtieraugen an den Flügeln. Ansonsten fällt mir nur ein, euch um Ideen zu bitten, wegen der Rotzlümmel in der Nachbarschaft!“
Der Versuch war es wert, wegen dem Nest scharrender Ratten. Ungenügend antwortet das Schweigen unbewegter Körper. Die Bitte erwürgt das schöne Weiche ihrer gealterten Gesichter. In Anton springt ein Getriebe an in Richtung der Nachfrage, so brauchbar wie ein leiser Motor. Abfahren vermag er nicht, soeben passiert mehr. Leo atmet tiefer, deutet heftig zum Wandbild.
„Dies Flattern hält uns unsere zwickenden Sechziger präsent und das zelebrieren wir am Beginn des neuen gemeinsamen Jahres. Usas Patchwork stellt es als ein Spiel auf: Siege für Wünsche.“
Vor ihrem Bildwerk wedeln Usas Arme nun auf- und abwärts in raschen Zickzacklinien vor den Schmetterlingen, zeichnen, malen Symbole davor. Andächtig wird ihr Treiben beobachtet.
Lian deutet Usas Wippschwünge als Sternbild, dem sie einen Auftrag zuteilt, es bündelt in einer Grafik. Und erinnert, sie sah solch ein Siegel schon auf uralten Amuletten.
Eine Interpretation zum salomonischen Siegel erinnert Lian. Ein sphärischer Geist küsse symbolisch wach, wecke Kraft. Weise knüpfen zudem ein Mantra hinein, das in das Feld eines Wunsches ziele, die Last vor der Erfüllung abwerfe. Im Detail genau wird ein Herzenswunsch dem Alltag überantwortet, der harre nicht aus in der Leere, sondern in Dankbarkeit, es erreicht zu wissen.
Schon ribbelt Lian geistig am vorigen Jahr, an ihrer Kette aus Tonkügelchen, die sie zur WG spannte, nach einem Besuch der im Umbau befindlichen Quinta. Viele Ideen regte die Idylle der subtropischen Gartenlandschaft an. Inspirationen für Monumente keimten endlich wieder, erneuerten den Glaube an ihre Berufung.
„Ihr Lieben!“, nimmt Lian das Gespräch wieder auf, als Usas Arme hängen. „Unsere temporär flexible Interessengemeinschaft gab mir ein Versteck vor den kalten Sphären am Festland, eine Zuflucht für meine Künste, und das Synonym meines Namens. Mit geschärften Sinnen kann ich mich auf- und abwärts schlängeln, wie meine Hände an Tonklumpen. Das wird mir, stets beglückend, auch möglich sein, lehnt der Gehstock daneben. Und treiben die Rotzlümmel mit uns noch mehr Schabernack.“
Lians blauer Blick streift über Maik, der mit Leos Stiefeln zärtlich barfüßiges Streicheln tauscht, und hin zu Anton, noch magnetisiert von Usa. Über Antons Schoß greift sie hinweg auf Usas Sessel, rückt daran, und fragt, warmherzig klingend:
„Hast du Wohlbefinden gewedelt und mutig weitergesponnen?“
Usa setzt sich, ihr Sessel knarrt unter ihrem Gewicht.
„Gesundheit, und langen Atem mit den Nachbarn und für einen neuen Job, um darin zu siegen. Mein Werk gefällt dir also?“
Leos wache Miene bemerkt Lian, und hebt an, in Empathie mit Usa, um ihren vorherigen Schlusspunkt auszuführen: „Mein Humor war weg, als ich mit dem Gesicht voran im Dreck der Schulden meiner Galerie lag, in der Scheingeborgenheit der Geldwelt.“
Kurz huscht ihr Blick auf Anton, ihn lernte sie damals als Reisepartner über eine Kontaktbörse kennen.
„Ich fand Freunde, das war mein Sieg und deshalb verstehe ich jeden Wunsch nach guten Job- und, ja, anderen Aussichten.“ Ihre Stimme senkt sie. „Bitte, wechseln wir das Thema. Anton, erzähle etwas Neues vom Glück deiner rollenden Räder.“
Anton lächelt, beginnt bedächtig.
„Mit dem neuen Reifen fährt der Jeep wieder prima. Mir war nach der Nägelattacke wichtig, Fernando zu treffen. Er glaubt nicht, nur Böses wäre uns bestimmt. Ich traf ihn beim Stall im Berg. Sein Schwager schlachtete ein Schwein, Fernando mag gerne Kotelett.“ Zu Maik grinst er, der höchst interessiert lauscht.
„Schnaps gab es, der gehöre dazu wie heißes Wasser, meinte der Schwager, und sang mir vor, was er in der Lehre lernte: Bis das Schwein hat den Haken rein, muss getrunken sein. Und Fernando
kannte den Wursterspruch deutscher Hausschlachter. Kommt raus, was reinkommt, komme er da rein, wo er nie wieder raus komme.“
Maiks Sessel knarrt auf, und er in dem Part alten Lebens.
„Hm, leckere Grützwurst mit Graupen, und Mettwurst.“
Anton nickt bestätigend, räuspert sich dann.
„Eine blutige Angelegenheit waren die besudelten Sägen des heldenhaften Schwagers. Einen Schinken sagte uns Fernando zu.“
„Da du gut Bescheid weißt, könnte ich darüber einen Artikel fürs Inselmagazin verfassen, ein paar Euros verdienen.“
Usa hebt zaghaft ihr Kinn, doch fängt von Leo ein Aufzucken einer Braue ein, sie unterdrückt Ekel. Nicht so Anton.
„Ist möglich, Usa. Aber der Wurstgenuss sagt mir mehr zu.“ Er schnalzt mit der Zunge vor der Aufmerksamen. „Wie ich weiß“, beginnt er, „wird Wursten erlaubt, hängt das Schwein über Nacht ab, das er Veterinär dann stempelt. Danach wird die rohe Leber durchgedreht und im Glas eingekocht, um deren Keime abzutöten.“
„So hast du dich damals verköstigt, hier nicht mehr!“ Lian schüttelt ihre Schultern. „Wurst schmeckt abscheulich, versetzt den Geschmacksnerven Kontrapunkte! Anton, schweige, sonst ...“
Das markante Dingding Klingeln der Glocke am Hauseck nahe der Palisade, unterbricht Lian. Sämtliche Mienen zucken, teils in Neugier, teils als Linderung von der Wursterei.
„Erwartet ihr jemanden? Ich nicht.“
Maik geht hinaus. Er trägt einen Brief in der Hand zurück.
„Es war Jörg, der Nachbar von oberhalb. Er erwähnte, ein Polizist suche bei der ihre Enkel misshandelnden Oma den seit Wochen vermissten Kindsvater. Er weiß definitiv, wegen dessen Sauferei lebe deren Mutter längst in Funchal.“
Unter buschigen Brauen kaschiert Maik seine Entdeckung der Untat, seinen Aufruhr. Doch keiner soll darauf anspringen. Maik springt in die aufrechte Pose, mit klimpernden hellen Wimpern, die etwas ankündigen, und redet mit voll tönender Stimme.
„Im Grunde bat Jörg - er plant ein größeres Fest, zu dem er auch Residentes einlädt – bei uns im Gästezimmer seine beiden Söhne unterzubringen. Ich sagte ihm das Wochenende zu.“
„Was hast du zugesagt?“
Margarita nähert sich, nimmt den Brief, zieht vor dem Kamin eine Karte hervor. Konfetti rieselt. Verdutzt sieht sie auf den bunten Segen an den Fliesen, kurz dann ans Datum, fettgedruckt in der Kartenmitte. Bitter lächelt sie Maik an.
„Uh! Dann schläft Leo probeweise oben bei mir. Andere Leute kennen lernen mag ich, habe kaum je anderswo Gelegenheit.“
Margarita überläuft ein Schauder, der Allen Aufschluss über die dunklen Ränder unter ihren arbeitsmüden Augen gibt. Rundum geht ein Wissen von ihrer Belastung, einig mit Maiks Erlaubnis der Einquartierung. Sie halten es ebenso, nichts kollidiert.
Mit unbesorgter Miene geht Maik zu Leo, berührt eine Wange.
„Schatz, dir fallen ja schon die Augen zu. Mach nicht mehr so lange, freu dich aufs frischgebackene Frühstücksbrot.“
„Ja, habe eine gute Nacht, bis zum nächsten Übungsflirt.“
Während er in steifem Gang zur Tür geht, lauscht Leo seinen Tritten, sieht dann Lian an.
„Kommst du mit ins Atelier?“
Die Korbsessel knarren ihr leises Quietschen, während Anton und Usa auch aufstehen. Sie löschen noch die Kerzenleuchter.
Verlassen steht Margarita am Kamin. Rasch klemmt sie Jörgs Einladung ans Notizbrett, nimmt ihren Brief. Dann zittern ihre Finger. Eine eng beschriebene Trauerkarte mit schwarzem Rand verschwimmt wie das Glimmen im Kamin vor ihren Tränen.
Später wartet Margarita, im Bauch den Schock und ihre Erregung, am Balkonpfosten der oberen Treppenstufe auf Vera. Am Horizont des nachtblauen Atlantik markieren Positionslichter ein Boot, über dem, unhörbar im Wind dort, schwarze Wolken anrücken.
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