„Ich bitt euch, seyd nicht böse Frouwelin, ich könnt mich an diesen Raum gar nicht erinnern.“ Er seufzte, als ärgerte er sich selber darüber.
„Und wenn wir keinen Weg nach draußen finden?“
„Dann kämpften wir uns durch die Mauer, so wie ihr es begonnen habet.“
Das wollte ich gar nicht hören. Dazu hatte ich nicht die geringste Lust. „Es gibt doch zumindest die Falltür!“
„Seyd ihr groß genug, um an die Decke zu reychen? Ich sey eyn großer Mann, doch so groß nicht.“ Er erhob sich. „Ich geh jetzt eynmal herum.“
Ich beeilte mich ebenfalls aufzustehen und ihm hinterher zu gehen, eine Hand immer an der Wand. Er wirkte angestrengt, legte immer wieder Verschnaufpausen ein. Es schien mir wie eine Ewigkeit, bis wir zu unserem Ausgangspunkt, dem Loch in der Mauer, zurückkehrten. Unser Erkundungsgang blieb erfolglos. Auch er hatte keinen Ausweg oder eine Tür finden können. Wir blieben eingeschlossen und gefangen. Ich spürte durch die Dunkelheit wie erschöpft er durch den Weg geworden war. Er setzte sich wieder auf die Steine.
„Seyd mir nicht böse, doch ich müsst eyne Rast eynlegen.“
Ich setzte mich neben ihn. Er roch gut. Ich lachte kurz auf. Wie konnte ich in so einem Augenblick, in so einer Lage, wahrnehmen, dass er gut roch? Das war doch verrückt. Ich konnte den Geräuschen, die er verursachte, entnehmen, dass er in meine Richtung sah. Was konnte ich ihm sagen, weshalb ich gelacht hatte? Wohl kaum, dass er für meine Nase angenehm nach Mann, männlichem Schweiß und Holzfeuer roch! Allerdings, das musste ich mir eingestehen, vermischte sich sein Geruch auch mit muffigem Modergeruch. Er wartete auf eine Entgegnung. Ich räusperte mich. „Tut mir leid, ich weiß auch nicht, warum ich lachen musste. Ich glaube, ein bisschen um nicht zu weinen.“
„Ich verstehe“, sagte er und verstand doch gar nichts. Wo kam diese Frau her? Warum sprach sie so seltsam? Und sie benahm sich nicht, wie er es von Frauen gewohnt war. Jedenfalls hatte sie ihn gerettet. Sie hatte ihn aus seinem Schlaf erlöst und ihm zu trinken und zu essen gegeben und sie saß neben ihm. Er verstand nichts mehr. Wie lange war er eingesperrt gewesen? Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Er versuchte sich das gehässig grinsende Gesicht der Dame von Feuerberg vorzustellen, doch es wollte ihm nicht recht gelingen. Und er war sich nicht sicher, ob er einen Ausweg finden würde. Niemand würde ihn suchen, dafür hatte die Zauberin von Feuerberg gesorgt. Sie war eine mächtige Zauberin, das musste er ihr lassen, ihn unter den Augen seiner Familie in eine Wand einzumauern war eine Leistung! Wenn auch eine schreckliche! Allerdings, offensichtlich hatte sie einen Fehler gemacht, denn sonst hätte er nicht nach so kurzer Zeit wieder erweckt werden können. Wahrscheinlich hatte sie vergessen ihn zu umzubringen!? Oder wollte sie ihn nicht töten, sondern lebendig einmauern und langsam sterben lassen? Das schien wahrscheinlicher. Wie hatte ihn diese Frau finden und befreien können? Und seltsam, wenn er sie sich in der Dunkelheit vorstellte, hatte er ganz klar ein Gesicht vor sich. Als würde er sie kennen und doch wieder nicht. Er fragte sich, von was für einem Schlüssel sie gesprochen hatte, er musste sie noch einmal danach fragen. Handelte es sich womöglich um den Schlüsselstein?
„Verehrtes Frouwelin, seyd mir nicht gram, doch ich legte mich gern, bevor ich versuchte eynen Ausweg zu finden, noch eyn wenig slafen.“ Denn obwohl er gerade erst erwacht war, spürte er doch große Müdigkeit.
Jetzt wo er es sagte, spürte ich ebenfalls eine bleierne Müdigkeit. Ich hatte nichts gegen ein Schläfchen einzuwenden. „Mir geht es genauso.“
„Ich nehme nicht an, dass ihr eyne Decke bey euch traget?“
„Leider nicht.“ Mir war auch kalt. Ich wusste, wenn wir näher zusammenrücken würden, wäre uns wärmer. Traute er sich zu fragen? Wahrscheinlich musste ich es tun. Ich hoffte, er verstand dies nicht als Einladung zu anderen Dingen.
„Wenn wir uns näher zusammenlegten, wäre uns wärmer.“
„Da habet ihr Recht, ich hätt nicht gewaget euch dies anzubieten.“ Er räusperte sich. „Seyd versichert, dass ich euch nicht zu nahe treten wollt.“
Ich langte in seine Richtung, um zu ertasten wie weit entfernt er saß. Wir rutschten beide weiter nach unten und lehnten uns befangen Seite an Seite an. Mir fiel auf, dass ich nicht mal seinen Namen wusste. Fragen wollte ich ihn aber jetzt auch nicht. Das Bild des „Ritters ohne Namen“ schoss mir ins Gedächtnis. Es war schon seltsam, hier gefangen in der Dunkelheit zu sitzen, nahe bei einem wildfremden Mann, sozusagen auf Tuchfühlung und nicht einmal zu wissen, wie er aussah. Ich schloss die Augen, die ich trotz der Dunkelheit immer geöffnet hatte, in einer unsinnigen Erwartung doch irgendwo einen Lichtstrahl zu entdecken. Schnell spürte ich die Müdigkeit stärker werden, und als ich seinen Atemzügen lauschte, bemerkte ich, dass er bereits eingeschlafen war und das wiederum schläferte mich ein.
Als ich wieder erwachte, hörte ich seinen regelmäßigen Atemzügen zu. Er schien noch zu schlafen.
„Habet ihr euch wohl ausgeruhet?“, fragte er leise.
„Ich dachte, du schläfst noch.“
„Ich sey schon vor eyner ganzen Weyle erwachet.“
Ich spürte seinen Arm und seine Hand, mit der er mich an der Schulter hielt. Mein Kopf lag auf seiner Brust. Der rechte Arm schien eingeschlafen zu sein, denn er kribbelte fürchterlich, als würden Ameisen darauf tanzen. Behutsam löste ich mich aus seiner Umarmung und setzte mich auf.
„Sollen wir noch einmal herumgehen?“
„Ich hätt lang darüber nachgedacht, was zu tun sey und ich sey zu dem Ergebnis gekommen, dass wir die Mauer aufkratzen müssten.“
Ich stöhnte unwillkürlich auf. Das war das Letzte, was ich mir wünschte.
„Ich kenne wie bereyts erwähnet diesen geheymen Gang nicht, meyn Vater hätt ihn mir noch nicht gezeyget, dennoch, dass hinter dem Loch in der Mauer eyn Gang sey, das wüsst ich mit Sicherheyt.“
„Tja, dann bleibt uns wohl nichts anderes übrig.“ Ich hörte den sauren Unterton in meiner Stimme selber; er konnte doch nichts dafür. „Tut mir Leid, was sein muss, muss eben sein!“ Ich erhob mich und spürte jeden meiner Knochen. Alles tat weh, besonders die Finger. Und wenn ich daran dachte, dass ich gleich wieder im rauen Mörtel herumkratzen sollte, dann schmerzten sie noch mehr, weil sie das nicht wollten. Ich überlegte laut:
„Wenn die Erbauer dieser Räume und der geheimen Tür nicht ganz blöde waren, dann müsste es doch einen geheimen Ausgang geben!?“
Er sagte nichts, doch ich spürte, wie es in seinem Kopf arbeitete.
„Es kann doch nicht sein, dass dies nur wie eine Gruft oder ein Verlies dazu da war Leute durch die Falltür hereinfallen zu lassen. Es muss doch einen Notausgang geben!“
„Ihr habet wohl Recht, Frouwelin“, sagte er mit einem erstaunten Unterton in der Stimme. „Ihr wollet, dass wir noch eynmal auf die Suche gehen?“
„Ich glaub schon.“
„Gut, so seys, untersuchten wir es.“ Er erhob sich ebenfalls und machte auch schon den ersten Schritt an der Wand entlang. „Könnet ihr euch erinnern, wo die Falltür sey, von wo ihr gestürzet seyd?“
Ich überlegte. Mein Ortssinn litt unter der ständigen Dunkelheit. Doch ich erinnerte mich, dass es der Raum, der jetzt zu unserer Rechten lag, sein musste. „Ich denke rechts.“
Er überlegte, „Üblicherweyse würde eyn Ausgang in entgegengesetzter Richtung seyn, damit genug Zeyt zu eyner Flucht bleybet.“
„Also müssen wir in den linken Raum.“
„So seys.“ Er wandte sich um und ging los. Viel zu schnell, denn ich war noch gar nicht so weit. Er lief geradewegs in mich hinein. Wir prallten aufeinander.
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