„Wer sagt denn überhaupt, dass der da übers Wasser gekommen ist?“
„Wasser in der Lunge.“
„Also ertrunken.“
„Ich würde eher sagen, er ist erschlagen worden. Von einem Gegenstand getroffen, hier, sehen Sie.“ Der Rechtsmediziner wies auf das Gesicht des Toten.
Kommissar Brandt zog seinen Mund breit, für den Obduzierenden ein bekanntes Merkmal seines Unmuts, da er es mit dem Beamten von der Kieler Kripo nicht zum ersten Mal zu tun hatte.
„Das heißt noch nicht, dass er sofort tot war“, fügte er gleich an.
Der Kommissar schickte sich an, aus dem Raum hinauszugehen, der ihm jedes Mal ein Gefühl eisiger Kälte bereitete. „Dann kann er genauso gut durch einen Unfall umgekommen sein, meinetwegen auf einem Segelboot, vom Baum getroffen und dann ab über Bord. Passiert diesen Freizeitkapitänen oft“, sagte er mit einem geringschätzigen Blick zur Leiche hin.
„Also war es richtig, dass sich die Wasserschutz-polizei eingeschaltet hat!“
Kommissar Brandt hörte den Ruf des Rechtsmediziners, da war er schon draußen auf dem Flur. „Von mir aus“, grantelte er.
Am nächsten Morgen durchsuchte er gleich als Erstes in seinem Büro den Computer nach der Aktendatei der Rechtsmedizin, und wider Erwarten sah er sich ab sofort mit dem Fall des am Strand von Friedrichsort aufgefundenen Toten befasst; der Bericht wies eindeutig auf eine Fremdeinwirkung hin, die zum Tod des jungen Mannes geführt habe.
Also doch Mord, dachte der Kommissar, oder zumindest Totschlag. Er musste es herausfinden, das war seine Arbeit hier im Kieler Polizeipräsidium, Abteilung Kapitaldelikte. Eigentlich war er Erster Kriminalhauptkommissar, reich an Dienstjahren und zur Zeit der einzige mit diesem Rang, nur der Dezernatsleiter stand über ihn. Er fand es nicht brüskierend, wenn man ihn, wahrscheinlich wegen der Kürze, nur mit Kommissar ansprach, auch von den rangniedrigeren Kollegen war es gewohnt, dass sie es so sagten. Nur von diesen
Kriminalmeistern und Ober- und Hauptmeistern konnte ihm in der nächsten Zeit keiner zur Seite gestellt werden, sie alle steckten selbst in Fällen fest; er würde sich also allein dieser Akte annehmen müssen.
Er entnahm ihr, dass dem Opfer mit einem stumpfen Gegenstand der Schädel eingeschlagen worden war, von vorn und mit großer Wucht, aller Wahrscheinlichkeit nach mit einem Baseballschläger. Dann suchte der Kommissar nach der Datei der Spurensicherung, die nach Angabe des Rechtsmediziners bereits vorliegen sollte, und er bemängelte wieder einmal die nicht zeitgleiche Zusammenarbeit der beiden Institutionen.
Warum gab es nicht eine einzige Akte, in der alles zusammengefasst war, warum musste er mit der Maus im Computerprogramm rauf und runter scrollen und umständlich danach suchen? Er schüttelte mit dem Kopf.
Doch dann merkte er auf, als die Datei der Spuren-sicherung endlich vor seine Augen kam, und er las interessiert, dass die Kollegen zu der Erkenntnis gekommen waren, dass die Wasserströmung das Opfer zum Zeitpunkt seines Todes von woanders her an die schmalste Stelle der Kieler Förde, den Fundort in Friedrichsort, getrieben haben musste; es seien einige Blätter unter seiner Kleidung gefunden worden, Laub von Bäumen und zwar von einer exotischen Art, die in Norddeutschland nicht heimisch sind.
Kommissar Brandt schaute von seinem Computer auf. Der Fundort der Leiche war nicht gleich Tatort, soviel war schon mal sicher, dachte er. Wer der Tote allerdings war, konnte ihm bisher niemand sagen. Also auf zum Staatsanwalt, die Genehmigung für die Veröffentlichung eines Fotos des Toten besorgen. Ein Foto in den einschlägigen Kieler Zeitungen und Nachrichtensendungen und die Öffentlichkeit bemühen, so etwas hatte bisher immer Erfolg gebracht.
Es hatte ungefähr eine Woche gebraucht, bis das
Foto des toten Mannes vom Friedrichsorter Strand in die Zeitungen gelangt war, die Mühlen der Justiz mahlten mitunter langsam. Obwohl der Aufruf „Wer kennt diesen Mann?“ in verschiedenen, auch überregionalen Presseerzeugnissen zu lesen war, wurden daraufhin nur zwei Anrufe zu Kommissar Brandt durchgestellt. Der erste war der einer Frau. Sie sei die Nachbarin des Mannes, den sie da in der Zeitung abgebildet gesehen hatte. Furchtbar, ließ sie sich am Telefon vernehmen, und ob das Foto von ihrem Nachbarn gemacht wurde, als er schon tot war?, wollte sie wissen.
Der Kommissar ging darauf nicht ein, stattdessen bat er um ihre Adresse und ersuchte sie zu Hause zu bleiben, er würde bald bei ihr sein und ein paar Auskünfte haben wollen.
Der zweite und damit verbliebene Anruf kam ebenfalls von einer Frau. Ihr Name sei Franzi Harms, und ihre Stimme am anderen Ende der Leitung klang die einer jungen Frau. Der Kommissar folgerte daraus, dass sie im selben Alter wie das Mordopfer sein konnte, und auf seine weiteren Nachfragen hin erwies sie sich als eine Bekannte des Toten. Auch ihre Adresse gab sie bereitwillig an, nur den daraufhin von ihm angekündigten Besuch bei ihr lehnte sie ab. Im Präsidium wolle sie auch nicht erscheinen, bat sie mit zarter Stimme, und sie nannte ihm stattdessen ein Café in der Kieler Innenstadt, dort würde sie sich gern mit ihm treffen wollen.
Darauf ging Kommissar Brandt ein, obwohl er an seinen Feierabend dachte, verlegte aber seinen Dienstschluss in Gedanken einfach auf später, tröstete sich damit, dass die Anrufe – auch wenn es nur zwei waren – vielleicht Aussicht auf Ermittlungserfolge versprachen und fuhr sogleich zur Adresse dieser Nachbarin des Toten.
„Ich nehme an, dass er dort wohnte?“, fragte er sie wenige Zeit später, er wies zur Tür der Wohnung
gegenüber.
Die Nachbarin nickte und ließ ihn in ihre Wohnung eintreten.
„Lebte Ihr Nachbar allein?“
„So genau kann ich das nicht sagen, auf jeden Fall war er nicht verheiratet“, antwortete die Frau.
„Das wissen Sie sicher?“ Die Stimme des Kommissars klang etwas bitter, aber dann nahm er sich vor, der Frau höflich zu begegnen, schließlich sollte sie ihm ja etwas sagen können. „Aber es kam schon jemand manchmal zu Besuch, oder nicht?“
„Schon“, sagte die Nachbarin, „Damen.“
„Damen?“ Der Kommissar zog seinen Mund breit.
„Sie wissen ja, wie es bei diesen alleinstehenden Männern zugeht.“
„So? Wie geht es denn da zu?“ Der Kommissar unterdrückte ein aufkommendes Grinsen.
„Na ja, Sie wissen schon“, sagte sie.
„Es waren also immer wieder andere Frauen. Können Sie mir sagen, wer sie waren? Vielleicht ein paar Namen?“
Die Nachbarin schüttelte mit dem Kopf. „Da fällt mir gerade ein“, sagte sie dann doch, „eine war häufiger bei ihm.“
„Wer diese Frau ist, wissen Sie aber bestimmt.“
„Nein, nicht“, sagte sie. „Aber sie fiel mir auf, weil sie entschieden älter war als er.“
„Entschieden älter? Was meinen Sie damit?“, hakte der Kommissar nach.
„Dass sie eben gar nicht zu ihm passte. Die war mindestens zwanzig Jahre älter als er. Und teure Kleidung hatte sie an.“
„So, so“, brummelte Kommissar Brandt. „Hatte er sonst noch Besuch, von Verwandten vielleicht?“
„Ich weiß gar nicht, ob er Verwandte hat.“
„Aber vielleicht wissen Sie, wo er gearbeitet hat.“
Die Frau schüttelte wieder mit dem Kopf. „Nein, da kann ich Ihnen auch nichts zu sagen.“
Als Kommissar Brandt sich draußen vor der Wohnungstür von der Nachbarin des Mordopfers verabschiedete, sah er noch einmal kurz zur Tür gegenüber. Für einen Augenblick dachte er daran, sie zu fragen, ob sie vielleicht Zugang zu dieser Wohnung hätte, die Möglichkeit dazu traute er ihr zu. Es schien ihm überhaupt nicht skrupellos, ohne richterlichen Durchsuchungsbeschluss die Wohnung zu betreten. Er nahm sich vor wiederzukommen.
Spät am Nachmittag suchte er dieses Café auf, wollte dort schon Platz genommen haben, bevor die Bekannte des Mordopfers eintraf. Er wollte sie vorher in Augenschein nehmen, so etwas konnte Aufschlüsse bringen.
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