Zuerst musste er etwas zum Verbinden und Blutstauen finden. Sean suchte in der Kombüse nach etwas Brauchbarem. Er durchstöberte die Schränke und fand zum Glück ein sauberes Tuch zum Geschirrtrocknen. Das Schiff schaukelte immer noch stark. Sean taumelte zurück zu Piet und kniete sich wieder hin. Er stöhnte auf. Meine Rippen!
Sean konnte im Dämmerlicht erkennen, wie bleich Piets Gesicht war. Er musste starke Schmerzen haben. Aufgrund des Lärms konnte Sean dem Koch nicht sagen, was er als Nächstes vorhatte. Also deutete er zuerst auf das Messer und machte mit der Hand eine Bewegung nach oben, dann zeigte er auf das Tuch. Sean wusste nicht, ob Piet ihn verstand. Trotzdem setzte er seinen Plan um. Schaudernd nahm er das Messer in beide Hände, schaute Piet ins Gesicht und als dieser nickte, nahm Sean allen Mut zusammen und zog an dem Messer. Begleitet von Piets Schrei glitt es aus dem Fleisch und setzte eine tiefe Wunde frei. Ein Schwall Blut quoll heraus. Schnell legte Sean das Messer zu Boden und kniete sich darauf, damit es nicht noch mehr Schaden anrichten konnte. Dann presste er das Tuch auf die klaffende Wunde. Sofort war es blutdurchtränkt. Mist! Sean machte einen straffen Knoten und holte rasch noch mehr Tücher. Habe ich das Richtige getan? Das Messer verstaute er im verschließbaren Schrank.
Wieder bei Piet sah er, dass dieser viel Blut verloren hatte. Sean wickelte ein Tuch zu einer Art Seil zusammen und Band das Bein straff oberhalb der Wunde ab. Erst jetzt schaute er zu Piet. Zu allem Unglück hatte dieser das Bewusstsein verloren. Sean musste schleunigst Hilfe holen. Er band ein weiteres Tuch über die Wunde und bewegte sich zur Tür.
An Deck bemerkte er, dass der Sturm anscheinend etwas nachgelassen hatte. Er konnte mehrere Männer erkennen, die auf dem Boden saßen und sich ausruhten. Sean ging hin und suchte unter ihnen nach Aderito. Seine Augen leuchteten kurz auf, als er Arthur erkannte. Ihm ging es also gut. Gott sei Dank!
„Hast du Aderito gesehen?“, rief Sean.
„Ich bin hier!“, hörte er da die Stimme des Arztes. Sean fiel ein Stein vom Herzen.
„Du musst sofort mitkommen! Piet ist verletzt! Schnell in die Kombüse!“ Damit zog er den älteren Mann mit sich. Arthur und noch ein Matrose gingen mit.
Als sie Piet erreichten, war das ganze Bein voller Blut und der Koch immer noch bewusstlos. Aderito bedeutete den Seeleuten, den Verletzten in seine Kammer zu bringen. Zum Glück wurde der Sturm immer schwächer und sie erreichten ihr Ziel ohne größere Probleme.
In der Kammer des Arztes legten sie Piet auf die Pritsche. Mit Hilfe der anderen entkleidete ihn Aderito und wickelte ihn in warme Decken. Dann säuberte er die Wunde und nähte sie zusammen. Piets Zustand war kritisch.
Sean hingegen saß vor der Kammer auf den Planken und machte sich große Vorwürfe. Hätte ich das Messer im Bein lassen sollen? Diese Frage quälte ihn schrecklich. Grausam klopfte sie immer wieder an seine Hirnrinde. Klopf, klopf… Sean war verzweifelt. Er wusste nicht, ob er Piet geholfen oder alles noch schlimmer gemacht hatte.
Da setzte sich Arthur erschöpft zu ihm. Zaghaft fragte Sean: „Wie geht es Piet?“
„Das Bein ist genäht, aber er hat viel Blut verloren. Piet ist noch nicht aufgewacht.“
Sean sackte in sich zusammen. Er war völlig fertig. Hoffentlich würde er für die spätere Schicht zum Auspumpen des Wassers eingeteilt, das sich im Schiff angesammelt hatte.
Da riss der Himmel etwas auf und zögerlich ertasteten helle Sonnenstrahlen das gepeinigte Schiff. Sean drehte sein Gesicht zur Sonne und spürte seit einer Ewigkeit wieder ein wenig Wärme. Das tat gut. Ein winziger Hoffnungskeim entfaltete sich in seiner Brust. Die Dauerspannung viel von ihm ab und er war nur noch müde. Sean rappelte sich auf, drückte seinen Freund kurz am Arm, stieg die Luke hinunter und ging langsam zu seiner Kammer. Das Treppensteigen bereitete ihm große Schmerzen. Alles fühlte sich wie in Zeitlupe an. Ohne sich zu entkleiden plumpste er in seine Hängematte und fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Fünfzehn
- 1697 -
Aderito war erschöpft. Nach diesem schrecklichen Sturm hatte er sich nicht ausruhen können, wie es sein gequälter Körper verlangte, sondern musste sich sofort um den armen Piet kümmern. Schwerfällig ließ er sich auf die Pritsche fallen und fing an, sich der schweren, klatschnassen Stiefel zu entledigen. Endlich hatte er Zeit zum Nachdenken.
Aderito konnte dem jungen Sean keine Vorwürfe machen. Er war in Panik gewesen und hatte nur helfen wollen. Aber aus medizinischer Sicht war es unverantwortlich, das Messer ohne die Beteiligung eines Fachkundigen herauszuziehen. Sean und besonders natürlich Piet hatten großes Glück, dass kein Gefäß getroffen war, sonst wäre der Verletzte innerhalb von Minuten verblutet. Piet war ein Kämpfer und Aderito überzeugt, dass er sich wieder erholen würde. Er hoffte es zumindest stark.
Dies war sein erster größerer Einsatz als Schiffsarzt auf dieser Reise gewesen. Vorher musste er nur zwei Quetschungen, die beim Seileinholen entstanden waren, und einen verstauchten Knöchel behandeln. Doch die Verletzung des Schiffskochs war weitaus schlimmer, sogar lebensbedrohlich durch den starken Blutverlust.
Nach seinem Medizinstudium in seiner Heimatstadt Coimbra, der einzigen Universitätsstadt Portugals, hatte Aderito viele Kranke behandelt und leider auch einige Tote zu verzeichnen gehabt. Es fiel ihm jedes Mal genauso schwer wie bei dem ersten Toten, sich einzugestehen, dass er nichts mehr tun konnte. Aderito erinnerte sich, dass so ein trauriger Todesfall das erste Mal auf seiner ersten Schiffsreise als Bordarzt passierte. Sie waren damals Richtung Genua unterwegs gewesen, als ein Matrose vom Großmast stürzte und sich einen komplizierten offenen Beinbruch zuzog. Aderito konnte den Bruch erfolgreich richten, die Knochenfragmente der Unterschenkelfraktur wieder an ihren Platz bringen und die Wunde sauber nähen.
Alle dachten, der Patient werde wieder gesund und würde vielleicht nur ein Hinken von dem Unfall zurückbehalten. Es ging ihm von Tag zu Tag besser. Doch dann klagte der Matrose darüber, dass das betreffende Bein schmerzte, anschwoll und warm wurde. Es färbte sich mit der Zeit rot und dann blau. Aderito wusste nicht, wie er helfen konnte. Später kamen starke Schmerzen im Brustbereich und Atemnot hinzu. Es ging dem Patienten sehr schnell immer schlechter. Er fing an zu husten und bald befand sich Blut im Auswurf. Aderito war verzweifelt und ratlos, zumal die Wunde recht gut heilte. Der bemitleidenswerte Patient verstarb kurz darauf mit schmerzverzerrtem, aschfahlem Gesicht und mit seinen verkrampften Händen am Hals. (Aderito wusste damals nicht, dass es sich dabei um eine Lungenembolie nach einem gelösten Blutgerinnsel – Thrombos - handelte.)
Nach diesem verstörenden Vorfall bekam Aderitos euphorisches Gefühl, die Arbeit mit seiner Leidenschaft - dem Segeln - verbinden zu können, einen ersten Dämpfer. Natürlich überlegte er danach, die Medizin aufzugeben. Aber dann dachte er an das lange Studium und das damit verbundene Wissen und die mühsam erlernten medizinischen Fertigkeiten. Er wollte sich als Arzt doch noch eine Chance geben. Und außerdem war es für die Matrosen auf einem Schiff wirklich sehr gefährlich und überall konnte etwas passieren, was einen Arzt benötigte.
Die Fahrt mit der Zeeland war Aderitos erste Atlantiküberquerung und er hatte sehr großen Respekt davor. In seinen mittlerweile bereits 27 Jahren auf See war er schon auf einigen Briggs unterwegs gewesen. Er mochte diesen wendigen Schiffstyp. Aber der Bau der Zeeland gefiel ihm ganz besonders gut. Sie hatte nur zwei Masten und sah sehr schlank für ein Schiff dieser Größe aus. Extra für die Überquerung größerer Gewässer, wie in diesem Fall den Atlantik, hatte sie mehr Tiefgang. Das Schiff war besonders schnell und hatte wohlgeformte, eher kleine Rahsegel, die man schneller einholen konnte, sowie das zusätzliche Gaffelsegel wie die meisten Briggs. Aderito war vom ersten Augenblick in dieses Schiff verliebt gewesen.
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