Mit einem Handtuch wischte sie sich den Schweiß von der Haut.
„Ich werde mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Ich hab keinen Bock, noch mal siebzehn Jahre zu warten. Schließlich werde ich nicht jünger.“
„Dani“, nutzte er jetzt ihren üblichen Tonfall der Belehrung, „willst du dir seinetwegen die Nächte um die Ohren schlagen? Was ist dann mit deinem Job? Und mit mir? Willst du mich einfach zurücklassen?“
„Du würdest es verstehen, wenn du Ähnliches erlebt hättest“, sagte sie entschlossen. „Zur Not mach ich halt im Job Kasse. Und du wusstest, wie ich mich entscheiden würde, schon als wir uns begegnet sind. Das ist mein Ziel, Jules. Rache für meine Familie und dafür, dass er mir eine normale Jugend verwehrt hat! Ich habe die Schnauze gestrichen voll von diesem Dämon! Ich will Vergeltung!
Danach kann ich endlich abschließen.“
Ja, weil du dann tot bist , traute er sich nicht, die Worte laut auszusprechen.
Nächtlicher Jäger
Dani traf ihre Vorbereitungen.
Ihre frisch cyanblau gefärbten Haare band sie zu einem praktischen Pferdeschwanz zusammen, die silbernen Piercings nahm sie aus Ohren und Augenbraue, um nicht daran hängen zu bleiben, und die Fingernägel wurden verschnitten. Zwar konnte sie damit niemandem mehr die Augen auskratzen, doch ihr Gegner hatte ohnehin schärfere Krallen. Beim Nahkampf waren zu lange Spaten sowieso hinderlich.
Bei der Kleidung setzte sie auf unscheinbare Farben, robusten Stoff und gute Bewegungsfreiheit als auf Stil. Die Wahl fiel daher bescheiden aus, auf schwarze Hosen, Schuhe, Winterjacke, Wollmütze und Handschuhe. Inständig hoffte sie, dass keine Polizei sie anhalten würde, weil sie ausschaute wie für einen Bankraub bereit.
Schweigsam sah Jules ihr beim Anziehen zu.
Ihr Streit stand nicht mehr zur Debatte. Die junge Frau hatte sich einmal entschieden und er wusste, dass er sie nicht aufhalten konnte. Somit ließ er sie gewähren.
Die kleine Taschenlampe mit der UV-Birne steckte Dani wie eine Schusswaffe in ein am Gürtel befestigtes Holster. Wer gegen Ungeheuer ins Feld zog, brauchte keine Messer oder Stahlkugeln. Diese Geschöpfe kämpften mit anderen Bandagen und Jules gab ihr zur Unterstützung ein Säckchen getrockneter Kräuter mit. Dill, Mohn und Johanniskraut sollten laut seinen Büchern nützlich sein gegen die meisten hundeartigen Dämonen. Dill würde ihren Geruchssinn betäuben, der Mohn ihren Blick trüben und Johanniskraut ihre Haut reizen – es klang immerhin sehr nach einer Hilfe. Selbst ein Mensch wäre von der Mischung nicht sehr angetan, wenn er sie in die Nase bekäme.
Mit einer liebevollen Umarmung entließ er sie in die Dunkelheit.
Es war schon nach Mitternacht, da Dani meinte, über leere Fußwege, verwinkelte Gassen und stillgelegte Werkhöfe wie auch Gleisanlagen zu marschieren. Der Wind trieb kleine Eiskristalle frostig vor sich her. Wenn man die Geräusche aus den Häusern ausblendete, konnte man vermuten, die äußeren Viertel der Stadt seien ausgestorben. Ratten und Katzen jagten kreischend durch die Finsternis. Von irgendeinem der kahlen Bäume rief ein Käuzchen daher.
Zuerst lief Dani durch die Straßen ihres Gebiets. Und nichts passierte.
Hier und dort standen ein paar Menschen herum, rauchten vor einem Klub oder warteten auf die Straßenbahn oder einen Zug. Aber sehen konnte sie nichts Verdächtiges. Sie hörte auch keine seltsamen Geräusche oder irgendwoher einen Schrei.
Also ging sie weiter.
In Nachbarviertel war vor zwei Wochen ein Mädchen verschwunden, dreizehn Jahre alt. Am Abend hatte sie sich mit Freunden bei einem Spielplatz getroffen, ganz in der Nähe ihres Elternhauses. Trotzdem kehrte sie von dort nicht mehr zurück. Ihr Anorak wurde gefunden, zerrissen wie von einem wilden Tier. Mehr jedoch nicht.
Die Polizei ging von den üblichen Gewaltverbrechen aus. Diebe, Mörder, Vergewaltiger – Menschen. Die Herrn Beamten würden Dani oder Jules niemals glauben, wenn sie ihnen gesagt hätten, dass riesige Wölfe die Täter waren.
Bei besagtem Spielplatz sah die junge Frau sich noch mal um. Natürlich gab es keine Indizien mehr für das Geschehene, dennoch hätte sie vermutet, dass die Dämonen vielleicht alte Jagdrouten verfolgen könnten. Allerdings Fehlanzeige. Beim Tischtennisspiel trafen sich weiterhin Jugendliche, um Alkohol zu trinken und Gras zu rauchen. Eine Freiheit fern ihrer Familien, die sie ja bloß bremsten und bemutterten.
Ich Glückspilz , dachte Dani ironisch, weil ihre Eltern definitiv von keiner ihrer Eskapaden je erfahren hatten. Diese idiotischen Kinder hatten keine Ahnung, wie schwer das Leben sein konnte, wenn man keinen sicheren Hafen wie bei Mutter und Vater besaß.
Weiter.
In einer schmuddeligen Bahnunterführung kam es ebenfalls zu einem tragischen Zwischenfall. Er hatte sich direkt in der Silvesternacht ereignet. Zwei erwachsene Männer, Familienväter von durchaus wehrhafter Gestalt, verschwanden spurlos. Auf dem verschwommenen Film der Sicherheitskameras hatte sie etwas Großes gepackt und weggezerrt – wohin auch immer. Wie bei vielen Opfern würde ihr Tod ungelöst bleiben. In welcher Gruft wohl ihre Knochen verrotteten?
Seufzend lief Dani durch den weiß gestrichenen, doch mit Graffiti beschmierten Gang, um auf der anderen Seite sicher nach oben zu gelangen.
Nicht jedem ist dieser Erfolg vergönnt …
Die Zeit schritt voran und die Nacht blieb ereignislos.
Obwohl es bereits fünf Uhr morgens war, tönte aus manchem Fenster noch immer der Fernseher. Oder die lauten Stimmen von Menschen, die stritten, lachten, weinten, sich liebten.
Die Lampe schwang ungenutzt in Danis Hand mit.
Sie gähnte vor Langeweile.
Vielleicht war das Rudel diesmal nicht in der Gegend. Wenn in der Zeitung bald eine neue Vermisstenanzeige stünde, wüsste sie möglicherweise besser Bescheid über deren Gepflogenheiten bei der Menschenjagd. Sie sollte die ihr bekannten Fälle noch mal gründlich studieren.
Schnaufend trat sie eine leere Dose vor sich her.
Ein Marder schreckte auf und verschwand unter einem Auto.
Umsonst , dachte sie resigniert und peilte den Rückzug an. Alles umsonst.
Müde schlenderte sie den Heimweg entlang.
Ein alter Flaschensammler, ein zitterndes Muttchen und eine Gruppe betrunkener Halbstarker kamen ihr entgegen. Ohne Probleme zogen sie vorüber.
Ein ruhiger, kalter Tag kündigte sich langsam an. Krähen krächzten in verschiedenen Oktaven.
Bei einem Bäcker brannte bereits Licht und Dani überlegte ernsthaft, ob sie sich frische Brötchen leisten sollte. Quasi auch als Wiedergutmachung für Jules. In ihren Jackentaschen suchte sie nach ein paar Euros, als ihre Ohren unverhofft doch etwas vernahmen.
Ein kurzes, schnell erstickendes … Weinen? Ein Kind hatte geschrien, ein sehr kleines noch, und jemand hatte ihm rasch den Mund verboten, ehe es lauter werden konnte.
In einer Großstadt war diese verstohlene Geräuschkombination nie gut. Ein Täter wollte Aufmerksamkeit vermeiden. Egal ob von Mensch oder Dämon, ein Leben wurde bedroht. Es hoffte auf Hilfe.
Wie angewurzelt blieb Dani stehen.
Sie stand vor einem hohen Torbogen, dem Zugang zum unbeleuchteten Hinterhof eines Wohnhauses, welches bestimmt bessere Tage gesehen hatte, und dennoch in Benutzung schien. Die raue Fassade bröckelte und die hölzernen Fensterrahmen benötigten eine umfassende Renovierung. Hinter keiner Scheibe glimmte ein Licht, folglich mussten die etwaigen Bewohner schlafen.
Entschlossen, im Falle einer möglichen Gewalttat dem Opfer zu helfen, nahm Dani die Spur auf. Mit wachsamer Vorsicht trat sie unter den Bogen in den Schatten der Straßenlaternen ein.
Die seitlich angebrachte Haustür war verriegelt.
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