Das klang logisch. Bisher hatte Nina angenommen, dass die Greifen so weit domestiziert waren, dass sie freiwillig an dem Ort blieben, der ihnen Futter und Schutz gewährte. Offenbar ein Irrtum.
„Da hast du aber Glück gehabt“, sagte sie, um von ihrer Fehleinschätzung abzulenken.
„Du kannst es Glück nennen. Oder gesunden Menschenverstand.“
Der letzte Rest Mitleid, den Nina für Robin empfunden hat, löste sich in Ärger auf, der ähnlich heiß war, wie der Tee. Dennoch trank Nina ihre Tasse in einem Zug leer und stand auf. Sie hatte heute nicht den Nerv für solche Diskussionen.
Sie wandte sich an Irena. „Ich muss zur Arbeit. Danke für das Frühstück.“
Und schon ließ sie die Küche hinter sich.
Es stimmte, sie hatte heute ihren ersten Probetag im Souvenirladen, doch es reichte, wenn sie erst in einer halben Stunde losfuhr. Diese dreißig Minuten wollte sie jedoch lieber in ihrem Zimmer verbringen als in Robins Gegenwart, die mal so freundlich sein konnte und dann wieder ätzend wie Farina aus ihrer alten Schulklasse.
Wenn Greifen genauso unberechenbar und launisch waren wie Robin, dann zweifelte Nina schon ein wenig, ob es eine gute Idee war, sich näher mit ihnen befassen zu wollen. Aber ihr Trotz war stärker als ihre Zweifel.
Im Endeffekt machte es keinen Unterschied, ob sie die verbleibende halbe Stunde in der Küche geblieben wäre oder nicht, denn die ganze Zeit, bis sie ins Auto stieg, kreisten ihre Gedanken um Robins unfreundliches Verhalten. Selbst auf der Fahrt ärgerte Nina sich immer noch und es wurde erst besser, als im Radio eines ihrer Lieblingslieder von der Band No Brine lief.
Deshalb war ihre Stimmung dann immerhin akzeptabel, als sie am Souvenirladen ankam und Bob sie in die Abläufe einwies. Das meiste war selbsterklärend, doch er erzählte ihr auch einige Anekdoten über Ardara und manche Produkte, mit denen sie Kunden erheitern konnte.
„Fröhliche Kunden geben mehr Geld aus“, sagte er.
Einen Verkäufer, der sein Leben lang in Ardara gelebt hat, würde Nina so schnell nicht ersetzen können, doch sie konnte dank Deutsch und Schul-Französisch mit zwei Fremdsprachen punkten, die für den Kontakt mit Touristen von Vorteil sein konnten.
Bob selbst konnte nur ein paar Brocken Deutsch, mit einem so starken Akzent, dass Nina gegen ihren Willen lachen musste. Dafür sprach er Irisch, was Nina umso beeindruckender fand.
Nachdem sie eine Stunde lang zusammen „gearbeitet“ hatten, ließ Bob Nina mit dem Laden allein. In der Zeit waren nur zwei Kunden da gewesen und in den nächsten Stunden würde es laut Bobs Einschätzung auch nicht viel mehr werden. Ein guter Einstieg für einen Anfänger.
Erst am frühen Nachmittag kam eine größere Gruppe in den Laden, zu Ninas Freude eine Reisegruppe aus Deutschland. Die Touristen freuten sich, sich nicht mit eingerostetem Englisch verständigen zu müssen und Nina machte mit ihrer freundlichen Art einiges an Umsatz. Etliche Postkarten und ein halbes Dutzend Regenschirme wanderten über die Ladentheke. Bei dem anhaltenden Regenwetter sicher nicht die schlechteste Investition.
Wenigstens hatte sich das Gewitter vom Morgen verzogen. Umso besser, denn sonst hätte Nina in den langen Phasen ohne Kunden bei jedem Donner an Shadow und Robin denken müssen. Also noch häufiger als ohnehin schon.
Am späten Nachmittag kehrte Bob zurück.
„Und, wie hast du dich geschlagen?“
„Ganz gut, glaube ich. Sind siebzehn Kunden zu dieser Zeit viel oder wenig?“
„Siebzehn Kunden? Das ist mehr als ich letzte Woche hatte!“ Bob lachte. Er zählte das Geld in der Kasse, verglich es mit den Zahlen auf der Abrechnung und nickte dann wohlwollend.
„Passt alles. Wenn du magst, kannst du morgen offiziell hier anfangen. Ich schließ dir den Laden in der Früh wieder auf und mach im Laufe des Tages einen Ersatzschlüssel für dich. Dann kannst du in Zukunft auch ohne meine Hilfe anfangen.“
Nina bedankte sich und packte ihre Tasche. Die gute Laune hielt an, bis sie vor dem Cottage parkte und daran denken musste, dass sie gleich beim Abendessen wieder Robin begegnete. Genervt lehnte sie den Kopf gegen das Lenkrad.
Wieso war ihr Robin nicht einfach egal? Wieso regte sie sich so über sie auf? Sie war doch sonst ein umgänglicher Mensch, der sich selten provozieren ließ. Aber so, wie Robin genau wusste, wie sie mit Greifen umzugehen hatte, fand sie offenbar auch bei Nina all die wunden Punkte.
Es half nichts. Sie hatte sich dafür entschieden, in das Bailangryph Cottage zu ziehen und ihr war bewusst gewesen, dass es nicht immer einfach werden würde. Das würde sie schon noch überstehen.
Sie löste ihre Stirn vom Lenkrad, straffte die Schultern und huschte die paar Meter vom Parkplatz zur Haustür, ohne allzu nass zu werden.
Im Haus roch es schon wieder lecker nach Essen. Dieses Mal hatte Irena ein Kartoffelgratin vorbereitet und nicht mit dem Käse gespart, wenn Nina das durch die Scheibe des Ofens richtig erkennen konnte.
„Wo ist Robin?“, fragte Nina; nicht zu laut, falls sie unerwartet in der Nähe war.
„Wahrscheinlich im Stall, wo sonst? Ich habe ihr nicht nur einmal vorgeschlagen, ihr Bett dort aufzustellen, so viel Zeit wie sie da verbringt.“ Irena warf dem Gratin einen kurzen Blick zu, doch die geschlossene Käsedecke hatte wohl noch nicht den gewünschten Farbton. „Als sie noch jünger war, hat sie im Sommer oft bei den Greifen geschlafen.“
„Wie kommt es eigentlich, dass Josephine jemanden hier angestellt hat, der so jung ist?“ Das war zwar nicht das Thema, das Nina am meisten unter den Nägeln brannte, doch die Gelegenheit bot sich gerade an.
„Hat sie dir das nicht erzählt?“, fragte Irena erstaunt. Nina wusste nicht, ob mit „sie“ Josephine oder Robin gemeint war, aber die Antwort war in beiden Fällen die gleiche. Sie schüttelte den Kopf. „Robins Mutter hat lange für deine Oma gearbeitet. Und vor ihr deren Mutter. Robin ist mit unseren Greifen quasi aufgewachsen. Da war es nur logisch, dass sie schließlich in die Fußstapfen ihrer Mutter getreten ist.“
„Und Robins Mutter ist …?“ Da kam wieder das Mitleid vom Morgen auf, nur noch viel stärker. Die eigene Mutter zu verlieren war furchtbar. Das wusste Nina nur zu gut.
„Nein, sie ist nicht tot. Jedenfalls nicht soweit ich weiß. Sie ist verschwunden. Hat ihren Mann und ihre Tochter von einem Tag auf den anderen verlassen und sich nicht mehr gemeldet. Sie war eine wundervolle Frau, konnte mit den Greifen umgehen, als würde sie deren Sprache sprechen. Doch das hat Josephine ihr nie verziehen. Und ich glaube, Robin auch nicht.“
„Und du?“
Irena ließ sich mit der Antwort Zeit. Sie holte das Gratin behutsam aus dem Ofen und stellte es auf dem Tisch ab, bevor sie Nina in die Augen sah.
„Ich habe deiner Großmutter nie widersprochen, wenn sie sich mal wieder über Robins Mutter aufgeregt hat. Aber ganz ehrlich? Bei einem Ehemann wie dem ihren hätte ich wahrscheinlich irgendwann das Gleiche getan. Nur hätte ich mein Kind mitgenommen, statt es bei diesem Nichtsnutz zu lassen. Das ist das Einzige, was ich ihr vorwerfe.“
„Hat sie denn mit ihrem Vater noch Kontakt?“
„Sporadisch. Marlon heißt er. Schreibt ihr zu Weihnachten Karten, manchmal auch zu ihren Geburtstagen, wenn er rechtzeitig dran denkt. Umgekehrt ist es wohl ähnlich. Als sie alt genug war, eigene Entscheidungen zu treffen, hat Robin Josephine gefragt, ob sie hier wohnen kann. Sie hat angeboten, sich dafür im Stall nützlich zu machen, weil sie kein Geld hat, um die Miete zu zahlen.“ Irena lächelte. „Ich glaube, Josephine hat dieses Angebot nur angenommen, weil sie wusste, dass Robin davon noch mehr profitiert als sie selbst. Sie hat die Greifen schon immer geliebt.
Jedenfalls, nachdem er von Frau und Tochter verlassen wurde, hat Marlon nichts mehr in Ardara gehalten. Er ist bald darauf nach Cork gezogen. Von dort stammen jedenfalls seine Karten.“
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