„Gut zu wissen.“ Nina hätte gerne noch mehr gefragt, aber sie wollte weder ungebildet noch übermäßig neugierig wirken. Also biss sie sich auf die Lippe.
Doch Robin erzählte auch von sich aus mehr. Als sie mit den Streicheleinheiten bei Shadows Flügeln ankam, erklärte sie Nina deren Anatomie. Wie Vögel hatten auch Greifen Röhrenknochen und unterschiedliche Arten von Federn.
Shadow schien zu begreifen, dass er gerade als Anschauungsmaterial benutzt wurde, denn er spreizte seinen Flügel und plusterte stolz das Brustgefieder auf.
Dabei fiel Nina auf, dass er nur einen Flügel frei bewegen konnte. Der andere war mit einem breiten Ledergurt an seinen Körper gebunden. Das sah nicht sonderlich bequem aus, aber zu dem Thema erklärte Robin leider nichts. Und Nina ahnte, dass eine Nachfrage ihr wahrscheinlich wieder einen genervten Blick einhandeln würde, also schwieg sie.
Zum Abschluss streichelte Robin Shadow behutsam über den Schnabel. Das eigentümliche Schnurren wurde lauter.
Zu gerne hätte Nina ihn auch gestreichelt, vor allem das Gefieder am Hals, das so schön weich aussah. Aber wenn Robin das nicht von sich aus anbot, würde sie auch nicht danach fragen. Denn so viel wusste sie inzwischen sowohl über Greifen als auch über Robin: Man musste erst mit ihnen warm werden.
Auch wenn Shadow Robins Streicheln genossen hatte, wollten die Greifen ihre Zeit im Freigehege offenbar lieber mit ihren Artgenossen verbringen. Deshalb entfernten sie sich langsam, aber sicher von den beiden Frauen am Tor und diese nahmen es als Anlass, die Tiere in Ruhe zu lassen.
Außerdem hatte Robin auch noch Arbeit vor sich.
„Kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte Nina als sie wieder im Stall waren. Jetzt bestand die Möglichkeit, dass Nina sich tatsächlich nützlich machen und Pluspunkte bei Robin sammeln konnte. Doch Robin schüttelte den Kopf.
„Die meiste Arbeit ist schon erledigt. Erst heute Abend, wenn ich die Greifen in den Stall bringe, gibt es wieder was zu tun. Außer du hast so viel Langeweile, dass du mir beim Ausmisten der Boxen helfen willst.“ Robins Blick war herausfordernd und Nina wusste, dass sie gerade geprüft wurde.
„Natürlich. Ich brauche nur eine zweite Mistgabel.“
Wieder grinste Robin. „Erstaunlich mutig für ein Stadtkind“, neckte sie. „Aber du musst mir wirklich nicht helfen. Mach dich lieber bei Irena nützlich. Sie sagt immer, dass sie noch alles kann, aber ihre Knie sind nicht mehr die besten. Wenn sie also was vom Dachboden holen will, übernimm du das bitte.“
„Mach ich.“
Das mit dem Dachboden war ein guter Hinweis, schließlich lagen Josephines Sachen noch dort oben. Doch vorher wollte Nina noch in die Stadt.
Sobald sie das Bailangryph Cottage wieder betrat, war Irena allerdings schon zur Stelle, um ihr eine Tasse Tee hinzuhalten. „Hier, wärm dich erst mal wieder auf.“
Zuerst wollte Nina protestieren, doch mit der heißen Tasse in den Händen wurde ihr bewusst, wie kalt und taub ihre Finger waren. Im Stall war es zwar wärmer als draußen, weil die Körper der Tiere die Luft aufgeheizt hatten, aber die Kälte war ihr trotzdem unbemerkt in die Knochen gekrochen.
Ardara war ein kleiner, beschaulicher Ort, der im nördlichsten Teil Südirlands lag. Es gab nur eine große Straße, die grob der nordwestlichen Küste folgte und Ardara war eine von vielen kleinen Perlen, die sich lose entlang dieser Kette aufreihten. Rings um den Stadtkern herrschte nach wie vor die Natur.
Nina hatte ihr Auto bei einem kleinen Supermarkt geparkt und beschlossen, von dort aus den Ort zu Fuß zu erkunden.
Es gab mehrere Hotels, B'n'Bs, Restaurants, Bäcker, Pubs und die üblichen Geschäfte. Alles sprach für ein ruhiges Leben mit moderatem Tourismus, der mehr der wunderschönen Landschaft im Umland geschuldet war als der Stadt selbst.
Nina erinnerte sich vage an einen Besuch vor vielen, vielen Jahren. Damals war sie noch nicht mal in die Schule gegangen. Sie war mit ihren Eltern und Josephine an die nahegelegene Küste gefahren, wo Nina die meiste Zeit am Strand gespielt hatte. Aber auch an steile Hügel und an einen Wasserfall konnte sie sich noch dunkel erinnern.
Das war definitiv ein Ziel, das sie in den nächsten Tagen oder Wochen nochmal besuchen würde. Doch erst einmal wollte sie sich in der Stadt orientieren.
Nachdem sie einmal die Hauptstraße rauf und wieder runter spaziert war, hatte Nina schon einen guten Überblick, der ihren ersten Eindruck bestätigte.
Zeit für eine Pause. Sie kaufte sich eine Tageszeitung und setzte sich damit in ein kleines Café. Bei Croissant und Heißer Schokolade blätterte sie durch die Stellenanzeigen und versuchte, auf dem winzigen Tisch nichts umzuwerfen.
Die meisten Anzeigen sprachen sie nicht an. Sie wollte nicht in einer Metzgerei arbeiten und auch nicht in der Zahnarztpraxis. Dafür reichte ihre Ausbildung als Einzelhandelskauffrau definitiv nicht. Der Souvenirladen, der eine Aushilfe suchte, kam aber in die engere Auswahl. Ebenso wie das Geschäft für Gartenbedarf, auch wenn Ninas Erfahrungen mit Pflanzen sich hauptsächlich auf anspruchslose Zimmerpflanzen mit drastisch reduzierter Lebenserwartung beschränkten. Aber versuchen konnte sie es ja trotzdem.
Und wenn sie ohnehin schon mal im Ort war, konnte sie auch gleich in den jeweiligen Geschäften vorbeischauen. Schnell hatte sie die Adressen im Handy eingegeben. Der Souvenirladen lag näher, nur wenige Minuten zu Fuß von dem Café entfernt.
Das war einer der entscheidenden Vorteile an einem so kleinen Ort. Wenn man hier wohnte, brauchte man nur dann ein Auto, wenn man etwas in der nächstgrößeren Stadt besorgen musste. Oder eben wenn man ein paar Kilometer außerhalb lebte, wie die Bewohner des Bailangryph Cottage. Alle anderen waren mit Fahrrädern und gesunden Füßen gut bedient, was sich auch an Ardaras Straßenbild zeigte: vor den Häusern parkten mindestens ebenso viele Fahrräder wie Autos.
Der Souvenirladen lag direkt an der Hauptstraße, flankiert von zwei Gasthäusern. Die perfekte Lage also. Im Schaufenster klebte ein handgeschriebener Zettel mit der Aufschrift „Aushilfe gesucht“, dahinter lagen Kleidungsstücke und Regenschirme aus, manche mit dem Stadtwappen von Ardara, andere mit irischen Flaggen und Kleeblättern.
Im Inneren setzte sich ein ähnliches Angebot fort. Schlüsselanhänger, Postkarten, Bierdeckel … Zu ihrer Freude entdeckte Nina auch ein paar Figuren und Plüschtiere, die Greifen darstellten. Keines davon reichte aber auch nur ansatzweise an die Schönheit der Tiere heran.
Der Verkäufer bemerkte ihr Interesse für diese Produkte und kam näher. Er hatte einen imposanten Schnurrbart.
„Ardara war mal berühmt für seine Greifenzucht.“ Er verschluckte beim Sprechen das zweite A von Ardara .
„Tatsächlich?“
„Ja, es gibt ein Landgut in der Nähe. Bailangryph. Früher waren die Tiere auf Ausstellungen und Turnieren weltberühmt.“
„Und jetzt nicht mehr?“
„Leider nicht. Mrs. Harper ist vor Kurzem gestorben. Aber sie hat die Zucht schon vor vielen Jahren eingestellt. Das hat sich leider auch auf den Tourismus ausgewirkt. Jetzt will jeder nur Kleeblätter und Leprechauns. Greifen sind nicht mehr im Trend.“ Der Verkäufer schüttelte betrübt den Kopf.
„Kannten Sie Mrs. Harper gut?“, fragte Nina.
Er zuckte mit den Schultern. „In einem Ort wie Ardara kennt jeder jeden. Und Mrs. Harper war wegen ihren Greifen schon fast eine Berühmtheit. Ich habe nicht viel mit ihr zu tun gehabt, aber sie kam manchmal in meinen Laden und hat mir die Zeit vertrieben, wenn gerade keine Kunden da waren. Sie war eine stolze Frau, aber mit einem großem Herzen.“
Nina lächelte.
„Das freut mich zu hören. Sie war meine Oma.“
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