„Oh, mein Beileid.“
„Danke.“
Der Verkäufer rieb sich den Bart. Dann drehte er sich zu einem Regal um.
„Hier, vielleicht als kleines Andenken an sie.“ Er nahm einen geschnitzten Holzgreifen und hielt ihn Nina hin.
„Vielen Dank! Aber eigentlich habe ich schon ein Andenken …“
„Nimm es ruhig. Und falls ich sonst noch was für dich tun kann, frag nur.“
„Nun, da wäre tatsächlich eine Sache … Ich bin gestern im Bailangryph Cottage eingezogen und bräuchte jetzt hier in Ardara einen Job.“
Dieses Mal verpasste Nina das Abendessen nicht. Irenas Kochkünste waren sogar noch bemerkenswerter als beim Frühstück. Wenn Nina nicht aufpasste, dann würde sie in den nächsten Wochen einige Kilos zunehmen.
Was sich im Vergleich zum Frühstück aber nicht geändert hatte, was Robins Verhalten ihr gegenüber. Die freundlichen Worte im Stall schienen vergessen und sie kommunizierte hauptsächlich durch kühles Schweigen.
Dementsprechend war Nina auch nicht traurig, dass Robin früher als die anderen beiden vom Tisch aufstand und wieder verschwand.
Nina wusste inzwischen, dass Robin sich bewusst das Zimmer im Erdgeschoss ausgesucht hatte, das direkt neben der Hintertür lag. Dadurch konnte sie schneller zum Stall gelangen und bei Bedarf die Begegnungen mit anderen Menschen auf ein Minimum reduzieren.
Doch damit wollte Nina sich im Moment gar nicht beschäftigen.
„Ich würde mir heute gerne Josephines Sachen ansehen“, sagte sie.
„Kein Problem, sobald ich hier aufgeräumt habe, hole ich dir die Kisten nach unten“, entgegnete Irena sofort hilfsbereit.
„Nein, kein Problem, ich kann sie auch selbst holen. Du musst mir nur sagen, wie ich die Luke zum Dachboden auf kriege.“
Während die beiden Frauen das Geschirr in die Spülmaschine räumten, erklärte Irena Nina, wo sie den Haken fand, mit dem sie die Dachluke nach unten ziehen konnte.
„Du musst dich seitlich von der Luke hinstellen. Die Leiter klappt sich manchmal von alleine auf und dann ist dein hübsches Köpfchen wenigstens in Sicherheit. Und der Fußboden hat sowieso schon Macken.“
Die Leiter knallte tatsächlich unsanft auf den Boden, doch dank Irenas Warnung passierte Nina nichts. Sie wartete kurz, ob noch irgendetwas anderes durch die Dachluke fiel – zum Beispiel Insekten oder Spinnen –, doch als die Luft rein blieb, erklomm sie vorsichtig die glatten Holzsprossen.
Die Sonne war noch nicht ganz untergegangen und so wurde die Luft auf dem Dachboden von goldenen Lichtstrahlen durchbohrt, in denen der Staub tanzte.
Abgesehen davon war es aber erstaunlich sauber hier oben. Da hatten unter Ninas Bett in ihrer Duisburger Wohnung deutlich mehr Wollmäuse gelebt.
Die Kartons, die sie suchte, standen links von der Dachluke unter einer der Dachschrägen. Sechs Stück waren es, alle fein säuberlich beschriftet. Die Kleidung würde sich Nina bei einer anderen Gelegenheit vornehmen. Heute hatte sie es auf die Kisten mit den persönlichen Gegenständen abgesehen. Sie trug beide in ihr Zimmer, zu ihrer eigenen Überraschung sogar unfallfrei.
Die erste Kiste stellte sich gleich als die heraus, auf die Nina gehofft hatte. Eingeschlagen in Luftpolsterfolie lagen drei Trophäen, eine davon aus Metall, die anderen beiden aus kunstvoll geschliffenem Glas. Es waren erste Preise von Greifenaustellungen.
Nina wischte über die Gravur einer der Trophäen.
1. Platz
für SHADOW
in der Kategorie Male Intact
London, 26.04.1985
Sie stutzte. Wie alt konnten Greifen werden? Nina war sich nicht sicher und Greifen sah man ihr Alter auch nicht unbedingt an. Aber 10 Jahre älter als sie selbst? Das erschien ihr unwahrscheinlich.
Vielleicht war das ein Thema, das sie bei nächster Gelegenheit mit Robin besprechen könnte. Falls sie denn mit ihr redete. Doch bisher hatte sich das Thema Greifen als sehr positiv erwiesen.
Nina legte die Trophäen beiseite und holte die nächsten Gegenstände aus der Kiste hervor. Ein dicker Ordner, offenbar mit Zuchtunterlagen.
Fasziniert blätterte sie willkürlich durch die Seiten, doch viel konnte Nina damit nicht anfangen. Klar war aber, dass viele der Tiere ihrer Großmutter Stammbäume hatten, die über viele Generationen belegt waren. Es waren hochoffiziell aussehende Urkunden dabei, mit Stempeln, Siegeln und schwungvollen, unleserlichen Unterschriften. Und immer wieder Belege über den Erfolg ihrer Zucht.
Denn die Urkunden über die Siege in Ausstellungen und Turnieren hatten ihren eigenen Ordner. Die drei Trophäen waren nur symbolisch gewesen für wesentlich mehr Erfolge.
Der Verkäufer im Souvenirladen hatte also recht gehabt. Die Zucht von Bailangryph war einst beeindruckend gewesen. Doch vor etwa siebzehn Jahren hatte das alles schlagartig aufgehört. Auf diesen Zeitpunkt war der letzte Sieg dokumentiert, danach wurden auch die Aufzeichnungen über die Zucht sehr spärlich. Der letzte Eintrag war acht Jahre alt und galt der Geburt von Shadow, dem schwarzen Greifen.
Also bezog sich die Trophäe auf einen anderen Shadow. Natürlich, Robin hatte ihr ja sogar gesagt, dass sie den Namen ausgesucht hatte. Jetzt fühlte Nina sich dumm. Zum Glück hatte sie das Thema nicht angesprochen.
Blieb aber noch die Frage, warum diese offensichtlich so erfolgreiche Zucht seit acht Jahren keine neuen Greifen mehr hervorgebracht hatte. Über die Gründe fanden sich keine Aufzeichnungen. Und so sehr Nina auch in ihrem Gedächtnis kramte, sie konnte sich nicht erinnern, mit ihrer Oma je über dieses Thema gesprochen zu haben. Schlicht und einfach, weil es sie nicht interessiert hatte.
Wäre das anders gewesen, wenn Nina damals schon gewusst hätte, dass sie all das erben würde? Vermutlich nicht, wie sie sich eingestehen musste.
Die ersten Anzeichen für Interesse erwachten erst jetzt, wo sie die Greifen zum ersten Mal aus der Nähe gesehen hatte. Robins Begeisterung für diese Tiere hatte auch einen Teil dazu beigetragen, auch wenn sie sich scheinbar Mühe gab, Ninas Interesse gleich wieder zu dämpfen.
Vielleicht war also auch eine gute Portion Trotz mit dabei, als Nina sich jetzt schwor, mehr zu diesem Thema herauszufinden. Sie wollte wissen, warum die weltberühmte Greifenzucht nicht mehr weltberühmt war. Und ob es vielleicht sogar einen Weg gab, das wieder zu ändern.
Auf Robins Hilfe wollte sie dabei aber vorerst verzichten. Doch Irena konnte ihr bestimmt mehr erzählen. Immerhin war sie nicht nur Josephines Haushälterin gewesen, sondern auch eine langjährige Freundin.
Beim Frühstück bot sich allerdings noch nicht die Gelegenheit für dieses Gespräch. Denn ausnahmsweise war Robin pünktlich – und völlig durchnässt.
„Was ist passiert?“, fragte Irena, bevor Nina es tun musste. Sie hörten alle den Regen, der leise gegen das Fenster trommelte, aber der Weg vom Cottage bis zum Stall war nicht weit genug, um so nass zu werden.
„Gewitter“, brummte Robin missmutig in ihre Teetasse.
Irena nickte verständnisvoll, doch Nina hatte keine Ahnung, was sie mit dieser Antwort anfangen sollte. Zum Glück bemerkte Irena das noch vor Robin.
„Shadow, einer der Greifen, hat Angst bei Gewitter“, erklärte sie.
„Ja, und es hat natürlich genau dann gedonnert, als ich seine Box offen hatte. Zum Glück hatte ich ihn schon gegurtet, sonst wäre er jetzt wahrscheinlich auf halbem Weg nach Dublin.“
Die Erklärung warf genauso viele Fragen auf, wie sie beantwortete. Und da Irena dieses Mal nicht zur Hilfe kam, musste Nina wohl oder übel selbst nachfragen.
„Was heißt gegurtet?“
Robins genervtes Schnauben hätte fast als Schniefen durchgehen können. Aber nur fast.
„Greifen haben Flügel“, erklärte sie, als wäre Nina ein kleines Kind. „Damit sie nicht wegfliegen, wenn wir sie nach draußen ins Freigehege lassen, binden wir einen Gurt um einen oder beide Flügel. Und nur deshalb konnte ich Shadow wieder einfangen, nachdem er panisch nach draußen auf den Hof gelaufen ist.“
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