Nina wollte schon ihr Handy aus der Tasche nehmen, um den Moment festzuhalten, doch dann entschied sie sich doch dagegen. Stattdessen genoss sie den Anblick nur für sich. Und nur wenige Augenblicke später zog eine Wolke vor die Sonne und die kräftigen Farben verblassten schlagartig.
Nina seufzte.
Sie packte ihre Kleidung aus dem einen Koffer in den leeren Kleiderschrank. Irena hatte Josephines Sachen schon in Kisten auf dem Dachboden verstaut. Bei Gelegenheit würde Nina sie durchsehen und dann entscheiden, was damit geschehen sollte. Doch für den Moment war sie dankbar, dass sie sich nicht darum kümmern musste.
Die Bilder hatte Irena allerdings nicht von den Wänden genommen. Eins davon war ein altes Foto von Josephine. Obwohl es mit der Zeit verblasst war, konnte man immer noch erkennen, dass sie die gleichen rotblonden Haare und Sommersprossen gehabt hatte wie Nina.
Bei den restlichen Bildern handelte es sich um Werke, die Josephine selbst gemalt hatte. Vor wenigen Minuten noch hätte Nina gesagt, dass die Farben der Landschaftszeichnungen künstlerisch verfremdet waren, doch sie hatte gerade selbst gesehen, wie farbenprächtig ein Sonnenuntergang hier in Irland sein konnte.
Nina setzte sich aufs Bett, das nach frisch gewaschener Wäsche roch, und ließ die Bilder auf sich wirken.
Sie versuchte sich vorzustellen, wie ihre Oma am Fenster gesessen hatte, genau in diesem Zimmer, und mit schwungvollen Strichen die Farbe auf der Leinwand verteilt hatte. Sie hatte Irland und seine Landschaft immer geliebt. Eine Liebe, die ihr Sohn nicht geerbt hatte.
So war Nina in Deutschland aufgewachsen und auch nach dem Tod ihrer Eltern dort geblieben. Wo hatte sie sonst auch hin sollen? Als Anfang des Jahres – nur zwei Jahre nach ihren Eltern – auch ihre Oma gestorben war, hatte sie es als Wink des Schicksals verstanden.
Statt das geerbte Cottage zu verkaufen, hatte sie ihre Wohnung in Duisburg zurückgelassen und war ohne Netz und doppelten Boden nach Ardara gezogen.
Zusammen mit dem Cottage hatte sie außerdem etwas Geld geerbt. Nicht viel, doch genug, dass sie die nächsten paar Monate überstehen konnte. Und bis dahin würde sie sicher in der Stadt einen Job gefunden haben.
Vertieft in Gedanken und Erinnerungen, und erschöpft von der langen Reise, schlief Nina einfach ein. Und Irena weckte sie auch nicht fürs Abendessen.
Erst am nächsten Morgen wachte sie orientierungslos wieder auf. Sie war in einem fremden Zimmer und trug noch ihre Straßenkleidung. Doch mit jedem verschlafenen Blinzeln kehrten mehr Erinnerungen zurück.
Sie nahm sich frische Kleidung aus dem Schrank und ging dann in das Bad am Ende des Flurs. Frisch geduscht und mit nicht zerknitterter Kleidung traute sie sich dann nach unten ins Erdgeschoss, wo Irena, den Geräuschen und den Gerüchen nach zu urteilen, schon das Frühstück vorbereitete.
„Kann ich dir helfen?“, bot Nina an, als sie sah, wie die kleine alte Frau mit einer Hand das Rührei vorm Anbrennen bewahrte und mit der anderen losen Tee in eine Kanne gab.
„Nein, nein, ich brauche keine Hilfe, Schätzchen. Ich mach das seit vier Jahrzehnten so. Deine Oma konnte auch nie dabei zusehen. Aber entgegen ihrer Befürchtungen ist nie etwas kaputt gegangen und nie etwas angebrannt!“
Nina lachte und setzte sich an den Esstisch. Bei genauem Hinsehen hatten Irenas Vorbereitungen tatsächlich etwas von einer jahrelang einstudierten Choreografie. Jeder Handgriff saß, alles stand genau so bereit, dass Irena nicht einmal hinschauen musste.
Erst als sie den fertigen Tee – duftender Earl Grey – einschenkte, bemerkte Nina, dass drei Tassen auf dem Tisch standen. Und auch drei Teller sowie dreimal Besteck. Wahrscheinlich für Robin, doch von ihm fehlte noch jede Spur.
Ob er es Nina übel nahm, dass sie sich ihm nicht gleich am ersten Tag vorgestellt hatte?
Allerdings hatte er selbst auch keine Anstalten gemacht, sie kennenzulernen.
Hoffentlich war Robin nicht die Art von Mann, der eine Frau als Chefin – was Nina ja nun mal war – nicht respektierte. Oder zumindest keine Frau respektierte, die jünger war als er selbst.
Fotos von den Bewohnern des Bailangryph Cottage hatten bei den Unterlagen nicht beigelegen, doch in Ninas Kopf entstand auf einmal ein klares Bild von Robin: ein bäuerlicher Typ Mitte vierzig, mit Holzfällerhemd, schwieligen Händen und beginnenden Geheimratsecken.
Und mit jeder Sekunde hatte Nina weniger Lust, diesen Robin kennenzulernen.
Nein, das war unfair ihm gegenüber. Sie sollte bei der ersten Begegnung unvoreingenommen sein. So früh morgens war sie wohl noch etwas misanthropisch veranlagt. Zeit für etwas Koffein.
Nina zog ihre Tasse zu sich, nippte vorsichtig an dem heißen Tee und verbrannte sich trotzdem die Lippe.
„Wann kommt Robin normalerweise zum Frühstück?“, fragte Nina so höflich wie möglich.
„Sobald die Greifen fertig sind. Mal früher, mal später. Wir müssen aber nicht warten“, erklärte Irena und lud Nina eine ordentliche Portion Rührei auf den Teller. „Hier. Du hast sicher Hunger, wenn du kein Abendessen hattest.“
„Danke.“ Sie nutzte die Gelegenheit, als Irena sich selbst Rührei nahm, um sich am Bacon zu bedienen. So konnte sie immerhin sichergehen, dass die Portion nicht zu riesig wurde.
Normalerweise frühstückte Nina nur am Wochenende, aber dieser Dienstag hier fühlte sich ziemlich nach Wochenende an. Zudem wäre es unhöflich – und töricht – ein so leckeres Frühstück auszuschlagen. Und Ninas Magen knurrte schon verräterisch.
Sie war gerade dabei, sich die dritte Scheibe Toast mit Rührei in den Mund zu schieben, als sie die Hintertür hörte. Kurz darauf betrat Robin mit einem fröhlichen „Guten Morgen!“ die Küche und Nina verschluckte sich an ihrem Frühstück.
Immerhin mit dem Holzfällerhemd hatte sie Recht gehabt. Alle anderen Vermutungen lagen meilenweit daneben.
Robin war in ihrem Alter, vielleicht sogar ein oder zwei Jahre jünger, schlank, mit kurzen schwarzen Haaren und leuchtend grünen Augen, und hatte absolut nichts Bäuerliches an sich, abgesehen von einem leichten Stallgeruch.
Und Robin war weiblich.
Sie betrachtete die immer noch hustende Nina mit einem schiefen Grinsen. Um etwas dagegen zu tun, schnappte Nina sich ihre Teetasse und nahm einen großen Schluck. Der Tee war allerdings immer noch unangenehm heiß und zusammen mit dem Hustenanfall tränten Ninas Augen jetzt noch mehr. Ein wundervoller erster Eindruck.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kam wohl auch Robin, denn sie setzte sich Nina gegenüber und lud ihren Teller voller, als Irena es getan hätte, bevor sie etwas sagte.
„Sieh an, das ist also unsere neue … Chefin.“ Das letzte Wort betonte sie so abschätzig, dass das Rührei in Ninas Magen sich in Stein zu verwandeln schien.
„Na, na, ein bisschen höflicher bitte“, mischte sich Irena ein. „Ja, sie hat das Cottage geerbt, aber sie ist immer noch Josephines Enkeltochter und ich bin mir sicher, sie wird eine ähnlich entspannte Chefin sein und wir werden gut miteinander auskommen.“
Nina schenkte Irena ein dankbares Lächeln – sie traute ihrer Stimme gerade noch nicht – doch insgeheim hatte sie das Gefühl, dass es doch nicht so einfach werden würde, wie sie sich das vorgestellt hatte. Robins Blick war immer noch misstrauisch.
Das Schlimmste war, dass Robin ihr sympathisch gewesen war. Sie hatte etwas an sich, das Nina auf den ersten Blick faszinierte. Aber die fehlende Gegenseitigkeit dämpfte dieses Gefühl.
Sie nahm noch einen Schluck Tee, räusperte sich und versuchte dann die Stimmung zu lockern. Vielleicht taute Robin etwas auf, wenn Nina Interesse für ihre Arbeit zeigte.
„Du kümmerst dich um die Greifen, nicht wahr? Darf ich mir den Stall nach dem Frühstück ansehen? Gestern bin ich leider nicht mehr dazu gekommen.“ Nina legte so viel Freundlichkeit in ihre Stimme, wie sie sich traute, ohne es geheuchelt klingen zu lassen. Es brachte nicht viel.
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