»Nein. Das ist viel mehr«, röchelt sie entsetzt.
Ich bringe die herausstehenden Bücher hinter Jonas zu einem leichten andauernden Kippeln. Daraufhin zeigt sie auf das Regal und schreit: »Das da, ist der Beginn von Anomie.«
»Quatsch!«, entschlüpft es Jonas. »Das ist ein Bücherregal. Und sicherlich kein staatsfeindlicher Akt.« Er räuspert sich und man sieht ihm an, dass er sich Sorgen macht.
Plötzlich steht Frau Hempel auf und streckt sehnsüchtig ihre Finger nach dem Regal aus. »Lassen Sie mich die Bücher sortieren. Es geht auch ganz fix.«
Zielstrebig nimmt sie Kurs auf das Chaos, das sie unbedingt beseitigen muss. Jonas erhebt sich eilig und stellt sich ihr entgegen.
»Nein, auf gar keinen Fall werden Sie meine Bücher anfassen. Die bleiben genau da, wo sie sind.«
Erschrocken hält die Frau vor ihm inne. »Aber, ich muss …«
Grimmiger kann Jonas nicht mehr schauen. »Nein, das Einzige, was Sie müssen, ist gehen. Und zwar jetzt. Ich denke, Sie sollten über diesen Sortierzwang mit einem Arzt reden.«
»Aber …«, stammelt Frau Hempel zahm.
Jonas bugsiert sie vorsichtig zu seinem Büro hinaus in den Flur. »Nein, kein Aber, Frau Hempel. Wenn Ihnen die Lego-Kiste meines Sohnes in die Quere kommt, kollabieren Sie und glauben, das Ende der Welt stünde bevor.« Er öffnet die Tür und schiebt sie hinaus. »Es tut mir leid, aber Sie entsprechen nicht ganz meinen Erwartungen. Ich kann Ihnen die Stelle nicht geben. Es ist die beste Entscheidung, zum Wohle aller Beteiligten, denke ich.«
Frau Hempel steht noch überrumpelt auf der obersten Stufe, als Miss Marathonlauf am Fuß der Treppe eintrifft. Mit hochroten Wangen macht sie einen überhitzten Eindruck. Ein intensiver Blick auf Jonas lässt sie tief durchatmen, und sie stürmt die Treppe hinauf. Ohne Skrupel schubst sie die verdatterte Frau Hempel zur Seite und baute sich dicht vor Jonas‘ Nase auf. Zu dicht offenbar, denn dieser zieht seinen Kopf zurück, wie eine verschreckte Schildkröte.
»Hallo, Sie wollten mich treffen«, flötete die hagere Frau, und ihre Augen fließen gierig über Jonas‘ markante Züge.
Seinen Widerwillen über ihre Nähe nimmt sie gleich mal nicht zur Kenntnis, sondern beugt sich ihm weiter entgegen, sodass Jonas sich total verbiegen muss, um sie nicht zu berühren.
Völlig außer Atem säuselt die Bewerberin stoßweise: »Wir haben telefoniert, wegen der Stelle als Tagesmutter. Wissen Sie noch?«
Wow! Jonas, mein Lieber, schnall dich an, die Ziege geht aufs Ganze. Ich muss Bellamy unbedingt fragen, wo er das Aphrodisiakum herhat. Das Zeug wirkt ja höllisch gut.
EIN STUHL UND EINE TASCHE, DIE ES IN SICH HABEN
»Ich bin Jessica Schnabold«, flüstert die hagere Frau dicht vor Jonas‘ Gesicht und inhaliert verzückt seinen Duft. Ihr ganzer Körper scheint zu beben.
Oh je, oh je, was hab ich mit dem Aphrodisiakum bloß angerichtet.
Mit einem erschrockenen Grinsen geht Jonas einen Schritt zurück. »Frau Schnabold …?« Allein die Frage macht deutlich, dass Jonas eine andere Frau mit diesem Namen erwartet hat, was ich ihm nicht verdenken kann. Vermutlich war sie bei ihrem ersten Telefonat nicht so aufdringlich gewesen, sondern eher kühl und leidenschaftslos, was sie nun ganz und gar nicht ist. Jonas‘ Stirn legt sich in Falten, und man kann glasklar in seiner Miene lesen, dass er überrascht ist, die falschen Schlüsse gezogen zu haben. »Natürlich, Frau Schnabold. Kommen Sie doch bitte herein.« Er geht zur Seite und macht den Eingang frei, damit die Dame ungehindert eintreten kann.
Frau Schnabold braucht er dies nicht zweimal sagen, sie folgt nämlich jeder seiner Bewegungen. Es ist mir ein Rätsel, wie Jonas einer Berührung bisher entgehen konnte. Mit einem seltsam anmutenden Lächeln entblößt Frau Schnabold ihre langen Zähne, und ihre Ähnlichkeit mit einer Ziege wird frappierend.
Obwohl sie außerordentlich schlank und die Türöffnung breit genug ist, drückt sie sich an Jonas vorbei, als wäre der Hauseingang ein schmaler Felsspalt. Diesmal gibt es für den Armen kein Entkommen, und er muss den aufgezwungenen Körperkontakt über sich ergehen lassen, den Frau Schnabold mit einem zittrigen Seufzen kommentiert.
»Liebend gern.« Abermals versucht sie, ihren Körper an seinen zu bringen.
»Hier entlang, bitte, zu meinem Büro«, meint Jonas, zeigt die Diele hinunter und schließt unglücklich dreinblickend die Haustür hinter sich.
Er traut der anhänglichen Frau wohl nicht über den Weg, denn keine Sekunde dreht er ihr den Rücken zu.
Weise Entscheidung, Zuckerschnittchen, zumal sich die Ziege bereits die Lippen bleckt. Oder solltest du ihr aufgrund dessen doch lieber die Kehrseite zu wenden?
Offensichtlich kommt er zum gleichen Entschluss und flüchtet, Frau Schnabold immer zwei Schritte voraus, den Flur lang. Sobald Jonas sein Büro betreten hat, verbarrikadiert er sich geschickt hinter der Tür. Er denkt wohl, der Dame damit keine weitere Chance zu bieten, ihm auf die Pelle zu rücken. Falsch gedacht! Die Ziege stellt sich an seine Seite und tippelt ihm schmachtend nach, als er rückwärts laufend die Tür ins Schloss drückt. An die Bürotür gepresst, findet sich Jonas der schrecklichen Wahrheit ausgeliefert: Unternimmt er nichts dagegen, würde die Gute jeden Moment genau das tun, was auch immer in ihrer Absicht liegt.
Jonas schnauft laut und sichtlich entnervt von dem penetranten Benehmen der Bewerberin. »Frau Schnabold, ich sehe mich gezwungen, Sie zu bitten, mir ein wenig Freiraum zu lassen. Nehmen Sie doch bitte dort drüben Platz.«
Ja, am besten in einem anderen Zimmer …
»Oh, entschuldigen Sie.« Frau Schnabold schluckt und entfernt sich zögernd von ihm. Ihre Wangen glühen, und ein nasser Film liegt auf ihrer Stirn.
Amüsiert beobachte ich, wie sie sich auf der Vorderkante des Stuhls niederlässt und ihre Knie eng zusammenzwingt.
In schnellem Gang, um sich so kurz wie möglich in Reichweite der aufdringlichen Dame aufzuhalten, bezieht Jonas hinter seinem Schreibtisch Deckung. Ernste Zweifel, über die Eignung von Frau Schnabold als Tagesmutter, stehen Jonas bereits ins Gesicht geschrieben.
»Wie ich am Telefon erwähnte, würden Sie sich um meinen Sohn Max kümmern.«
Ich muss der Dame leider etwas mehr Feuer unter dem Hintern machen, damit sie Jonas noch stürmischer bedrängt. Im übertragenen Sinn, selbstverständlich. Obwohl – das mit dem Feuer ist gar keine schlechte Idee ist. Lächelnd erwärme ich die Polsterung ihres Stuhls um ein paar Grad.
Augenblicklich entlockt ihr das ein leises Stöhnen, das sie mit einem »Jaaa« überspielen will. Allerdings gelingt es ihr nicht, und Jonas‘ panischer Blick bringt mich zum Lachen.
»Er ist acht Jahre alt und …« Jonas verstummt, denn Frau Schnabold beginnt, auf ihrem Stuhl hin und her zu rutschen.
Das könnte durchaus eine Reaktion auf das Vibrieren sein, welches ich an der Naht im Schrittbereich ihrer Jeans auslöse. Ihr lautes Hecheln lässt Jonas‘ Wangen erröten und meine beinahe gleich mit.
»Geht es Ihnen gut?«, fragt mein Klient misstrauisch.
»Ja. Gut!«, piepst sie und tastet mit zittrigen Fingern aufgeregt in ihrer Kurzhaarfrisur herum.
Anscheinend eine Angewohnheit, mit der sie sich selbst beruhigen will, die ihr aber nicht helfen wird, argwöhne ich. Mit einem Keuchen lässt sie von ihren Haaren ab, und ihre Augen glänzen euphorisch, als sie sich an den geröteten Hals greift und eine ihrer Hände im vibrierenden Schoß vergräbt.
Bloß gut? Na dann – eine Stufe stärker, damit es ihr richtig prächtig gehen wird.
Fest presst Frau Schnabold ihre Lippen aufeinander, um es zu verhindern, doch es gelingt ihr nicht. Ein weiblicher Lustschrei hallt prompt durch das Büro, und zugleich klammert sich die Dame leidenschaftlich an den Armlehnen ihres Stuhles fest.
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