Die zwei Männer kommen auf uns zu, und ich verschränke grinsend die Arme vor der Brust, während ich mich an Daphnes Wagen lehne.
Chris strahlt über alle vier Backen und reibt sich die Hände. »Hi. Na, kann ich helfen?«
Absichtlich schaue ich nur Chris an und erwidere sogar dessen Begrüßung mit einem Lächeln. Obwohl mich auch dieser im Moment nicht sehen und hören kann – wie jeder Mensch.
»Hey. Das wäre super«, säusle ich.
Durch diesen Kniff glaubt der Erist vor mir, ich sei ein Mensch. Zu seiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich nicht gerade der typischen Erwartung entspreche, die man im Allgemeinen von einer Cupida hat. Ich bin weder eine engelhafte Blondine in einem Hängerkleidchen noch habe ich himmelblaue Augen, unter denen ein Knutschmund schmollt. Vergesst es! Ich bin brünett und trage eine gewöhnliche Jeans. Meine Augen sind froschgrün, und mein Mund ist völlig unsexy. Ach, und Flügel habe ich auch keine, geschweige denn Pfeil und Bogen.
In einer verlegenen Geste streicht sich Daphne eine Haarsträhne hinter das Ohr und sagt errötend: »Oh, ich hoffe es, weil ich habe nämlich keinen Plan, was auf einmal los ist. Der Motor rauchte sogar schon.«
Der Erist wendet den Kopf, um Daphne besser zu verstehen, und ich habe das Gefühl, ihm kommt allmählich ein Verdacht.
Chris kratzt sich an der Stirn. »Mach dir nichts draus. Bei mir muss die Elektronik auch einen Schuss haben. Der Tempomat schaltete sich aus heiterem Himmel ein, und ich bekam ihn nicht mehr aus. Deswegen musste ich mit achtzig über die Autobahn kriechen.«
Haha, der kleine Erist dachte wohl, wenn er rumtrödeln würde, wäre Daphne schon längst bei ihrer Cousine. Falsch gedacht, Dummerchen! Selbst wenn er Chris‘ Golf total lahmgelegt hätte, würde ich jetzt mit Daphne bei ihnen stehen, denn den Erstkontakt gewinne ich immer.
Indessen beugt sich Chris tatkräftig über den Motorblock. »Wollen mal schauen, wo das Problem liegt. Ansonsten rufen wir die Pannenhilfe.«
Der Erist schwenkt seinen Stab, und aus den Tiefen des Motorraums spritzt eine schwarze Fontäne empor, die Chris von Kopf bis zur Hüfte einsaut.
»Wow, wo kommt denn das her?«, schreit der junge Mann und macht einen Satz zur Seite.
Daphne schlägt sich die Hände vor den Mund. »Oh mein Gott, das ist ja … Nein, das tut mir echt leid. Dein T-Shirt ist total voll.«
Christ stöhnt sichtlich genervt auf, als er an sich herunterschaut und das Desaster begutachtet. »Scheiße, das ist Öl! Das geht nie wieder raus. Oh Mann, ey!«
Aha, für einen Anfänger hat er ganz gut reagiert, der junge Erist. Er wollte Chris sauer machen, aber der Schuss könnte auch nach hinten losgehen.
Zerknirscht fängt Daphne an, zu stammeln: »Ich komm natürlich für deine ruinierte Kleidung auf. Warte, ich hol Taschentücher, damit du dein Gesicht abwischen kannst.«
Sie tippelt in ihren hohen Schuhen um den Wagen, mitten durch den Erist hindurch, und Chris folgt ihr. Ich stehe nicht im Weg, was mich zu meinem Vergnügen bei meinem Gegner noch nicht auffliegen lässt.
Als Daphne sich ins Auto zu ihrer Tasche beugt, nutze ich Chris‘ gute Aussichtsposition und lasse nochmal ein laues Lüftchen wehen, das erneut ihren Rock hebt.
Oh, holla ein String! Prompt verbessert sich Chris‘ Laune, was an seinem Schmunzeln abzulesen ist. Sogar der Erist bewundert Daphnes Kehrseite verträumt.
»Schrecklich windig heute, nicht wahr?«, murmle ich, und nun inspiziert mich der Erist genauer. Ich ignoriere ihn natürlich immer noch, allerdings entgeht ihm mein Armband kein zweites Mal.
»Du bist eine Cupida! Ich dachte …«, schnauft er empört.
Ich lache ihm direkt ins Gesicht. »Was, dass ich ein Mensch bin? Tja, nein, mein Lieber. Ich bin Evodie, hinten mit ‚ie‹. Nur, damit du im Bericht für deine Chefin meinen Namen richtig schreibst. Die will bestimmt wissen, wer dir die Tour vermasselt hat.«
Der Kopf des Eristen läuft langsam rot an, und mit zornigem Blick schwingt er seinen Wirkungsstab. Er deutet auf Chris‘ Hose.
»Jetzt käme es doch wie gerufen, wenn seine Ex ihn zurückhaben wollte. Meinst du nicht, Evodie?« Gehässig verzieht sich sein Mund.
Zeitgleich, als Daphne Chris das Taschentuch mit einem charmanten Lächeln reicht, fängt Chris‘ Handy an, zu bimmeln. Ein Rufton erklingt, der jedem Anwesenden klarmacht, dass da seine Freundin anruft. Chris, der Trottel, hat den Klingelton noch nicht verändert.
Ich schüttele den Kopf, denn abermals outet sich der Erist als waschechter Anfänger: Niemals erzählt man dem Gegner, was man zu tun gedenkt.
Hektisch wischt sich Chris mit dem Tuch über den Mund und zerrt, mit kugelrunden Augen, das Smartphone aus seiner Gesäßtasche. Mit einem leisen »Oh, Moment, ich komm gleich wieder«, dreht er Daphne den Rücken zu. Er entfernt sich einige Schritte von ihr. Verdattert blinzelnd, bleibt Daphne stehen.
Beim besten Willen kann ich mir das Lachen nicht verkneifen, als ich den männlichen Erist in hoher Frauenstimme in seinen Wirkungsstab reinplappern höre.
»Hallo, Chris. Ich bin‘s Lena, du ich … Also ich dachte, wir sollten doch nochmal über alles reden. Hast du nicht Lust, mich zu treffen? Vielleicht heute?«
Eins muss man dem Kerl lassen, er hat seinen Bericht aufmerksam gelesen, denn der Name der Ex stimmt.
Während Chris stammelt, dass das schon möglich wäre, kappe ich kurzerhand die Unterhaltung, indem ich den Lautsprecher des Handys stumm schalte. Verwirrt schaut Chris auf sein Handy, und ich … lasse einen Platzregen runter, der sich gewaschen hat.
Chris zeigt schreiend auf sein Auto, und die beiden Menschen flüchten vor dem Mini-Gewitter, um in seinem Wagen Schutz zu suchen. Mein Gegner scheint überfordert zu sein und muss sich einen Regenschirm heraufbeschwören. Mir allerdings können die prasselnden Tropfen nichts anhaben, weil ich, lapidar gesagt, trocken bleiben will.
Panisch stochert der Erist mit seinem Wirkungsstab in der Luft herum, in Richtung Daphne. Daraufhin wird ihr die Autotür von einer Windböe aus der Hand gerissen und fällt wieder zu. In der Zwischenzeit sitzt Chris bereits im Trockenen, wohingegen Daphne erneut versucht, die Tür zu öffnen. Vergeblich reißt die durchnässte Frau am Griff.
Mit einem herablassenden Schmunzeln fege ich das Bemühen des Zwietracht-Engels zur Seite. Daraufhin stolpert Daphne ein paar Schritte rückwärts, da die Wagentür plötzlich unverschlossen ist. Den Willen meines Gegners zu überwinden, war lächerlich einfach.
Zufrieden lasse ich mich auf der Rückbank in Chris‘ Golf nieder. Ein altbekannter, leichter Druck auf meinen Körper macht mir bewusst, dass der Erist sich entschieden hat, mir Gesellschaft zu leisten. Ich fühle mich wie ein Magnet, der von einem gleichen Pol abgestoßen wird. Mein Gegenspieler grummelt verärgert vor sich hin, und wir gucken Chris dabei zu, wie diesem schier die Augen aus dem Kopf fallen. Denn Daphnes weißes Sommerkleid ist nun patschnass.
Tja, was passiert, wenn weiße Baumwolle nass wird …?
Ab da weiß sowohl der Erist als auch ich, dass Chris Daphne heimfahren wird und vorerst die Dinge ihren Lauf nehmen, ohne unser Zutun. Zu einem späteren Zeitpunkt werde ich den beiden nochmal einen Besuch abstatten, denn dann sind die Chancen meines Gegners auf Erfolg leider höher.
Der Stein auf dem Ring des Eristen leuchtet rot, wie auch mein Armband. Für uns beide ist dies der Aufruf, in die Zentrale zurückzukehren. Neuer Auftrag, neues Glück.
DAS BÜRO IN DEN WOLKEN
Kaum habe ich den Gedanken an meine Rückkehr in die Cupida-Zentrale zu Ende gedacht, bin ich auch schon in dem unaufhörlichen Wahnsinn gelandet, der mein Arbeitsplatz ist.
Ein Großraumbüro, dessen Wände aus weißen Federwolken bestehen. Im Grunde ist hier alles weiß: der Boden, die Decke, die Stühle, die Schreibtische, sogar die Monitore. Selbst die Operatoren, welche die Cupidas von hier aus bei ihren Aufträgen unterstützen, sind in strahlend weiße Anzüge oder Kostüme gekleidet. Unzählige Pulte stehen akkurat in Reih und Glied, neben- und hintereinander. Mittig strebt zwischen ihnen ein breiter Gang auf eine Tür zu.
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