»Ich bringe den Koffer noch rein.« Der Fahrer hatte das Gepäckstück bereits in der Hand.
»Danke«, erwiderte Hans geistesabwesend. Er sah nach oben auf die große Uhr. Sein Magen machte eine erneute Drehung und er hatte das Gefühl, dass diesmal die Zeit gegen ihn arbeite.
Der Kofferraum wurde mit einem lauten Knall zugeschlagen und holte Hans aus seinen Gedanken zurück. Er schaute sich nach Dieter um. Hier draußen vor dem Eingang war er nicht. Dann legte er den Arm um seine Frau und sie gingen die Treppe hinauf. Der SS-Mann hielt ihnen die Flügeltür auf, dann stellte er den Koffer in der Halle ab und verabschiedete sich von Hans mit einem »Heil Hitler«. Zu Elisabeth sagte er noch: »Ich warte am Wagen auf Sie«, dann war er verschwunden.
Wieder spürte Hans ein Ziehen im Magen. Dabei sorgte er sich mehr um sich als um seine Familie. Dresden war bisher ein sicherer Ort gewesen. Aber jetzt ging es um ihn. Sein Ziel war ein von den Deutschen seit Jahren besetztes Land. Eine Gegend, die zurzeit massiv von den alliierten Bombern angegriffen wurde. Was, wenn er nicht zurückkommen würde?
»Entschuldigt bitte«, keuchte Dieter und riss Hans damit aus seinen Gedanken. Mit einem Koffer unter dem Arm kam er auf die beiden zu gerannt. »Unsere Kleine hat gestern starkes Fieber bekommen und uns fast die ganze Nacht auf Trapp gehalten.« Dann atmete er tief ein und aus. »Guten Morgen, Elisabeth.« Er gab ihr die Hand. Sie nickte und lächelte kurz.
Dieter streckte Hans ebenfalls die Hand entgegen. »Jetzt geht‘s los, alter Freund. Ich hoffe, du hast alles dabei.« Er war noch außer Atem, was seine Freude und Begeisterung aber nicht schmälerte. Er hatte kein schlechtes Gewissen wegen des bevorstehenden Einsatzes. »Wir sind im Krieg und da muss jede Möglichkeit wahrgenommen werden, diesen auch zu gewinnen«, hatte er schon mehrfach wiederholt, wenn er darauf angesprochen wurde. Dieter schaute auf seine Armbanduhr. »Es wird Zeit. Ich gehe schon mal vor, dann könnt ihr Euch noch in Ruhe verabschieden.« Als er sich Elisabeth zuwandte, sah er in ihren Augen die Sorge um Hans. »Uns passiert schon nichts. Ich passe auf ihn auf.«
Sie sah ihn sorgenvoll an.
»Versprochen«, fügte er einen Moment später hinzu. Er bestätigte das Versprechen mit einem Nicken. Dann nahm er seinen Koffer, lächelte Elisabeth noch einmal zu und ging durch die Abfertigungshalle auf die Ausgänge zum Rollfeld zu.
Hans küsste und umarmte seine Frau. »Gib acht auf dich und die Kinder.« Mit dem Handrücken fuhr er ihr über die Wange. »Wenn es möglich ist, melde ich mich, sobald wir da sind.«
Er nahm seine Frau in die Arme. Elisabeth liefen die Tränen übers Gesicht. Sie hatte Angst um ihn. Ihre Hand klammerte sich an seiner fest und er spürte, wie sich ihre Fingernägel in seine Handflächen bohrten. Dann löste er sich von ihr und schaute sich nach Dieter um. Der stand bereits in der offenen Tür zum Rollfeld. Hans nahm seinen Koffer und gab Elisabeth noch einen Kuss auf die tränennassen Lippen. Ein letzter Blick in ihre Augen und mit einem aufmunternden Lächeln drehte er sich um und durchquerte mit schnellen Schritten die Halle. Er quetschte sich an Dieter vorbei und gemeinsam gingen sie auf die Junkers 52 zu, die nicht weit von der Halle entfernt auf dem Rollfeld stand.
Mit einem ohrenbetäubenden Lärm flog eine gerade gestartete Maschine über sie hinweg und stieg langsam der in einem dunklen Grau schimmernden Wolkendecke entgegen.
Berlin, Mittwoch, 31. Mai 1944, 08:30 Uhr
Carl Richert saß auf dem Rücksitz und war auf dem Weg zum Flughafen Tempelhof. Ihr schwarzer Mercedes hielt hinter einem Pferdekarren, der mit Kartoffeln und Äpfeln beladen war. Neben dem Pferd stand ein alter Mann. Seine Hosen waren völlig verschmiert und die Füße steckten in ausgelatschten, löchrigen Halbschuhen. Schlurfend zog er das Tier an den Zügeln vorwärts, als die Soldaten einen Militärlastwagen durch die Sperre winkten und die Schlange sich wieder in Bewegung setzte.
Carl arbeitete bereits seit sieben Jahren in der deutschen Hauptstadt. Er liebte das Land und die Leute. Immerhin hatte er einen großen Teil seiner Jugend hier verbracht.
Sein Vater Arvid kam in den zwanziger Jahren als Mitarbeiter der schwedischen Gesandtschaft nach Deutschland. Die Familie kaufte ein Haus in Berlin und er ging dort zur Schule. Seine Mutter, eine gebürtige Deutsche, hatte ihn von Anfang an zweisprachig aufgezogen, sodass ihm der Wechsel von der schwedischen auf eine deutsche Schule zumindest keine sprachlichen Probleme bereitete. Er genoss hier eine unbeschwerte Jugend und verbrachte viel Zeit in der Natur und am Wasser. Viele seiner Spielgefährten waren ebenfalls Söhne von Gesandtschaftsangehörigen. Der Kontakt zu einheimischen Jungen gestaltete sich etwas schwierig, auch wenn er nie ganz nachvollziehen konnte, warum. Die Bekanntschaften blieben meist oberflächlich und nur selten sah es so aus, als ob sich daraus eine tiefere Freundschaft entwickeln könnte. Nur zu einem Jungen aus dem Nachbarhaus gelang es zeitweise, ein intensiveres Verhältnis aufzubauen, das darin gipfelte, dass sie in einem Sommer besonders viel miteinander unternommen hatten. Doch schon im folgenden Herbst verflachte das wieder.
Carl wuchs sehr behütet auf, da seine Mutter und die Haushälterin Brita versuchten, Probleme von ihm fernzuhalten. Wann immer es ging, kamen sie ihm zu Hilfe und das führte dazu, dass er manche Erfahrung erst in fortgeschrittenem Alter machen musste. Was in solchen Momenten nicht gerade das Ansehen bei seinen Freunden förderte.
Nach der Schule zog er zurück nach Schweden, um dort zu studieren. Sein Vater war mittlerweile schwedischer Gesandter in Deutschland geworden und besorgte ihm nach dem erfolgreichen Studium eine Stelle an der Gesandtschaft in Berlin.
Carl trug einen dunklen Anzug. Das Jackett war offen und unter seinem weißen Hemd zeigte sich ein leichter Bauchansatz. Neben ihm auf dem Sitz lagen zwei schwarze Aktenkoffer. Beide hatten einen Ledergriff, mit jeweils einem Schloss auf jeder Seite. Die Koffer waren verschlossen, die Schlüssel trug er in der Innentasche des Jacketts.
Er blickte aus dem Fenster, während der Wagen langsam vorwärts rollte. Die Häuser entlang der Straße wiesen unterschiedlich starke Schäden durch Luftangriffe auf. Manche hatten nur zersprungene Fensterscheiben, die provisorisch mit Karton abgedeckt waren. Andere teilweise massive Beschädigungen an den Dachböden oder an mehreren der oberen Stockwerke. Dazwischen riesige Haufen aus Steinen und verkohlten Brettern. Von Häusern, die völlig dem Erdboden gleichgemacht waren. Carl dachte an die Menschen, die einmal darin gewohnt hatten. Familien, deren Existenz zerstört war, von denen viele wahrscheinlich nicht mehr am Leben waren. Er dachte an die Kinder, die ihre Eltern oder Geschwister verloren hatten, an die Frauen und Mütter, die sehnsüchtig auf eine Nachricht ihrer Männer und Söhne von der Front warteten. Und an die Großeltern, die jetzt zum zweiten Mal in diesem Jahrhundert einen Weltkrieg miterleben mussten. Er dachte an das Leid, das dieser Konflikt über alle Menschen gebracht hatte, unabhängig davon, auf welcher Seite sie lebten und kämpften. Er hatte sich vorgenommen, seinen Beitrag zu leisten, damit der Krieg so schnell wie möglich beendet wurde und diejenigen, die für all das verantwortlich waren, zur Rechenschaft gezogen werden konnten.
Sein Blick fiel auf die SS-Soldaten, die die Fahrzeuge durchsuchten und die Papiere der Insassen kontrollierten. Er wurde langsam unruhig. Auf seiner Haut bildeten sich Schweißperlen. Er dachte an den Inhalt eines der Koffer. Wenn sie dies entdecken, würde man ihn sofort verhaften und als Spion erschießen. Schweiß lief ihm über die Stirn direkt ins Auge. Er kniff es zusammen. Es brannte höllisch.
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