Der Lärm nahm nicht ab. Fahrzeug um Fahrzeug mühte sich über die Straße.
»Was ist denn das für einer?« Daniel sah zu seinem Vater auf, als sich ein großes Ungetüm in ihr Blickfeld schob.
Schwarze Rauchschwaden türmten sich hinter ihm auf und hüllten die Wagen neben der Straße ein.
Bertrand und Daniel saßen regungslos am Fenster und beobachteten das Geschehen.
Eine riesige Zugmaschine rollte heran. Sie zog einen ungewöhnlichen Anhänger, auf dem ein langes Teil befestigt war. Dieses verengte sich nach vorne zu einer Spitze und wies am anderen Ende gleichmäßig abstehende Stellen auf, die wie kleine Flügel aussahen. Die Ladung war mit einer dunklen Plane abgedeckt, doch war die Form durchaus zu erkennen. Dahinter fuhren weitere Lastwagen, denen wiederum Mannschaftstransporter folgten.
»Die haben was Großes vor.« Bertrand stand auf. Er ging zur Tür.
»Wo gehst du hin, Papa?«
»Du bleibst hier und beobachtest die Deutschen. Sobald sich jemand dem Haus nähert, gibst du sofort Bescheid. Hast du verstanden?«
Daniel nickte. Er wusste, dass sein Vater wieder in dem kleinen Raum gegenüber dem Bad verschwinden würde. Nur zu gerne wäre er ihm dorthin gefolgt. Seine Neugier war riesig. Doch er folgte den Anweisungen, setzte sich in die Mitte des Stuhls und beobachtete weiter die Straße. Monique lag mit Marie im Bett. Die Angst in ihrem Gesicht war nicht zu übersehen.
Daniel beobachtete die Kolonne, die jetzt in der heller werdenden Umgebung gut auszumachen war. Neben dem Baum standen noch immer die drei Fahrzeuge. Die stehen doch schon die ganze Zeit hier, warum fahren die denn nicht weiter? Plötzlich erkannte er auf dem Kastenwagen mehrere Antennen. Die waren bisher in der Dunkelheit nicht zu sehen gewesen, weil der Wagen direkt vor einem Baum stand. Ein solches Fahrzeug hatte er noch nie gesehen.
Auf einmal wurde die Tür auf der Rückseite des Lieferwagens aufgeschlagen und ein Mann sprang heraus. Er fuchtelte wild mit den Armen und zeigte auf das Bauernhaus. Die umstehenden Soldaten warfen die Zigaretten auf den Boden und eilten zu den Fahrzeugen. Die Motoren wurden angeworfen.
Daniel hatte das Gefühl, dass er dies trotz des Lärms hören konnte.
Die beiden Wagen fuhren um den Lieferwagen herum zurück auf die Straße. Ohne Rücksicht quetschten sie sich zwischen die anderen und hatten Glück, dass sie dabei nicht von einem der schweren Lastwagen gerammt wurden. Wenig später scherten sie wieder aus der Kolonne aus und rasten auf das Bauernhaus zu.
Daniel blieb der Mund offen stehen. Er beobachtete die beiden Wagen, die sich dem Haus näherten. Unfähig, sich zu rühren sah er, wie die Fahrer auf dem Hof in die Bremsen traten, sodass die Räder blockierten und die Fahrzeuge auf der braunen Erde entlangrutschten. Die Türen wurden aufgerissen und mehrere Soldaten sprangen heraus.
Mit offenem Mund saß Daniel am Fenster und starrte hinaus. Er versuchte, etwas zu sagen, doch seine Kehle war wie zugeschnürt.
Die Soldaten rannten auf die Eingangstüre zu.
»Papa!« Daniel brachte endlich einen gurgelnden Laut hervor, dann drehte er sich zu seiner Mutter um. Das blanke Entsetzen stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Es dauerte nicht lange, da war Bertrand wieder im Zimmer. Er sah Daniel an und wusste, was passiert war.
Aus dem Erdgeschoss drangen laute Schläge gegen die Eingangstür nach oben. »Ouvrez la porte!«
Daniel rannte zu seinem Vater, umarmte ihn und drückte ihm den Kopf an den Bauch.
Mit lautem Krachen gab die Eingangstüre nach und das Geräusch von Stiefeln drang aus dem Erdgeschoss herauf.
Bertrand ging zum Bett. Den Arm hatte er um Daniel gelegt. Er setzte sich neben Monique auf die Bettkante und fuhr Marie über die Haare. Er spürte, wie sie am ganzen Körper zitterte. Dann sah er seiner Frau in die Augen und nahm sie in den Arm.
Schwere Schritte dröhnten die Treppe hinauf. Befehle hallten durch das Haus. Die Tür zum Kinderzimmer wurde aufgestoßen. Durch die Ritzen im Türrahmen konnte Bertrand wiederholt das Aufblitzen starker Taschenlampen erkennen. Mit einem Schlag wurde die Schlafzimmertür aufgetreten und Monique schrie auf. Sie drückte Marie an sich. Bertrand saß neben ihr und hielt Daniel fest im Arm.
Zwei Soldaten stürmten herein, die Gewehre im Anschlag. Mit einem schnellen Blick prüften sie, ob sich weitere Personen im Raum befanden. »Ist hier sonst noch jemand?« Der Soldat sprach gut Französisch, wenn auch mit einem starken Akzent.
»Nein«, antwortete Bertrand. Seine Stimme zitterte. Er hatte Angst. Angst um seine Familie.
»Venez tous!«
Bertrand nickte Monique zu. Zögernd stand sie auf und warf sich die Strickjacke über ihr Nachthemd. Marie drückte sich an ihre Mutter.
Sie wurden die Treppe nach unten geführt und mussten sich im Wohnzimmer vor der Wand aufstellen. Die Soldaten postierten sich gegenüber und richteten die Gewehre auf sie. Neben ihnen stand ein Offizier im Rang eines Majors.
Aus dem Haus waren noch immer Stimmen zu hören. Die Deutschen durchsuchten jeden Winkel. Wenn sie einen Raum oder Schrank nicht öffnen konnten, wurde die Tür einfach eingeschlagen. Kurze Zeit später kamen zwei Soldaten die Treppe hinunter und brachten einen kleinen Kasten mit einer langen Antenne und verschiedenen Kabeln mit. Bertrand erkannte sofort, dass sie sein Funkgerät aus dem verschlossenen Raum entdeckt hatten. Sie legten das Gerät auf den Tisch.
Der Major sah Bertrand an.
»Cela vous appartient-Il?« Der Offizier sprach ein hervorragendes Französisch.
Bertrand wusste, dass es keinen Zweck hatte, zu lügen. Man würde ihm sowieso nicht glauben. Er nickte.
»Wo sind die dazugehörenden Codebücher?«
Bertrand zögerte. Die Bücher waren unter den Holzdielen im Raum versteckt. Auf die präparierten Dielen hatte er einen alten Schrank gestellt, der sich aber gut verschieben ließ.
»Wo sind die Codebücher?«, fragte der Major erneut. Seine Stimme war jetzt etwas lauter, aber noch nicht unfreundlich.
Bertrand zögerte. Er dachte an Monique, seinen Sohn Daniel und die kleine Marie. Was würde man wohl mit ihnen machen, wenn er nicht verriet, wo die Bücher waren?
Von draußen drangen Geräusche eines ankommenden Fahrzeugs herein.
Bertrand wurde aus seinen Gedanken gerissen.
Vor der Eingangstür wurden Hacken zusammengeschlagen. Ein SS-Offizier betrat das Haus. Auf seiner Uniformmütze war unter dem Reichsadler mit dem Hakenkreuz der Totenkopf zu erkennen, darunter zierten zwei silberne Kordeln die Mütze. Auf dem dunklen Stoff blitzten verschiedene Abzeichen und Orden. In dem Gesicht des Mannes zeigte sich keine Regung, die Lippen waren zusammengepresst. Mit stahlblauen Augen nahm er die Situation auf und ging dann langsam weiter in den Wohnraum. Die Soldaten nahmen Haltung an.
»Was geht hier vor?« Die befehlsgewohnte und kalte Stimme des SS-Offiziers ließ keinen Zweifel daran, dass er eine harte Linie bevorzugte und erwartete, dass seine Entscheidungen sofort umgesetzt wurden.
»Wir haben bei der Durchsuchung des Hauses ein Funkgerät gefunden«, fasste der Major die aktuelle Situation zusammen. »Die Codebücher suchen wir noch. Unser Peilwagen hat festgestellt, dass von hier Funksprüche abgesetzt wurden. Es ist uns jedoch gelungen, den Funkverkehr zu stören, sodass bei den Empfängern nichts Brauchbares angekommen sein dürfte.«
Bertrand schluckte.
»Mitglieder der Résistance sind augenblicklich zu erschießen«, sagte der SS-Mann. Er griff an sein Pistolenhalfter, zog die Waffe und richtete sie auf Bertrand und seine Familie.
Monique starrte den SS-Offizier entsetzt an und schob Marie zitternd hinter sich. Bertrand stellte sich schützend vor seinen Sohn.
»Einen Moment«, versuchte der Major den SS-Mann zu stoppen. »Ich bin mit den Gefangenen noch nicht fertig.«
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