„Ich kännd ja dann als Bierosch gäih. Dou setzi a lusdichs Häidler auf und dann konni in aller Rouh a boar Veldnsteiner drinkn , dess basserd dann berfeggd zu deiner Vergleidung.“
Simon dachte immer zuerst an die praktischen Dinge des Lebens. Und die bestanden nun Mal in allererster Linie aus Essen und Trinken.
„Quadsch mid Soß“, konterte die Gisela, „Pirosch iss ungarisch und dess bedeuded rot, mit an Bier hodd dess überhaubds nix zum dou. Woss du immer denksd. Du konnsd doch nedd als Rauschkugl aufdreedn.“ Eigentlich wollte sie noch hinzufügen: „Nedd noch an Skandal, es langd scho, dassdi die Schmittn als Hundemörder hieschdelld“. Aus taktischen Gründen biss sie jedoch ihre Lippen zusammen und schluckte diesen Kommentar unausgesprochen hinunter. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht, vor allem in Zeiten einer Krise.
„Du könnsd als Biraad der Kariebigg gäih, dess iss etzerdler ganz agduell. Dou nimmsd dess Gwand woosd als Schbanier ghabd hosd und dann setz mer der noch an Dreischbitz auf und an deine Ohrn häng mer mit Klebeband a boar alde Vorhangringler. Dann bindsd der a Augnglabbe quer über dei Gsichd und in dein Gürddl schdeggsd den Gummisäbl, denn vorigs Jahr der Baddrigg kaffd hodd, wäi er als Dürke ganger iss.“
Damit war die Schlacht für heute geschlagen, zumindestens soweit es Simon betraf.
So einfach, wie sich Gisela die Sache vorgestellt hatte, war sie dann doch nicht. Auch nicht ohne die wie immer wenig hilfreichen Beiträge von Simon. Als dieser schon vernehmlich schnarchte, dabei ein laut knatterndes Geräusch verursachend wie eine, wegen eines pausenlosen Einsatzes im undurchdringlichen Urwald heiß gelaufene Kettensäge, da lag sie noch lange wach und überlegte angestrengt hin und her.
Der erste Gedanke, der Gisela in den Sinn kam, war, von morgen an jeder Kundschaft einzeln und ausführlich von der Niedertracht der Schmittn zu erzählen, wobei sie die Unschuld ihres Herrn Gemahls mit überzeugenden Worten heraus zu stellen beabsichtigte. Aber bald kamen ihr erste Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieser möglichen Maßnahme. Auf diese Weise würde sie sogar noch diejenigen Mitbürger auf den hanebüchenen Vorwurf aufmerksam machen, die bis dahin glücklicherweise noch nichts davon gehört hatten. Also verwarf sie diese Idee sofort wieder, was im Zustand des Halbschlafs eine gewissen Anstrengung bedeutete, denn so manches Details dieses Planes fand, kaum abgewiesen, automatisch immer wieder den Weg zurück in die aufgeregt arbeitenden Gehirnwindungen der Gisela. Eine Runde nach der anderen, wie auf einem aus der Kontrolle geratenen Kettenkarussell. Endlich kam es zum Stillstand und machte Platz für eine neue Überlegung.
Vielleicht könnte sie ihre Kunden erneut von der Güte und vor allem der Harmlosigkeit ihrer Wurst überzeugen, indem sie ab sofort zu jedem Einkauf ein Paar Gratiswiener dazupacken würde. Ein paar Minuten fand sie die Lösung wunderbar und sie war bereit für das Eintauchen in den dringend benötigten Schlaf. Doch dann fand sie auch hier ein unerwünschtes Haar in der Metzelsuppe. Auch nicht gut. Das würde unter dem Strich ja so aussehen, als ob man mit aller Gewalt die Kundschaft zurückgewinnen musste, weil vorher anscheinend mit der Qualität doch etwas nicht gestimmt hatte. Wo Rauch ist, da ist auch Feuer, sagt bekanntlich ein altes Sprichwort. In ihrem Fall würde man wohl vermuten, dass da, wo eine Gratiswurst ist, es auch einen Grund dafür gibt, um nicht gleich zu sagen: Wo eine Entschuldigung ist, da ist auch ein Verschulden, im vorliegenden Fall also die Bedrohung der Dorfgemeinschaft mit vergifteter Wurst.
Die nächste unausgegorene Idee, die sich in ihren geschundenen Gehirnzellen breit machte, fiel aufgrund der zunehmenden Gereiztheit schon etwas schärfer aus. Sie bestand hauptsächlich darin, der Verleumderin auf unmissverständliche Weise und mit allem Nachdruck klar zu machen, dass sie zu weit gegangen war. Aber auch das wäre wahrscheinlich keine Lösung, selbst dann nicht, wenn die dafür notwendige Drohung von einer solch imposanten Person kommen würde wie der Gisela. Unter diesen Umständen würde die Gruppe der so genannten Hundsweiber wohl noch mehr zusammenrücken und wer weiß, wer sich, einmal aufgeschreckt, noch alles solidarisieren würde. Gisela seufzte vernehmlich. Im Halbschlaf sah sie bereits eine aufgebrachte Horde ehemaliger Kundinnen vor der Tür stehen, johlend und mit den Händen überdimensionale Pappschilder hochhaltend, auf denen unübersehbar „Mörder raus aus Röthenbach“ stand.
Als Geschäftsinhaber hat man es schon wirklich nicht leicht. Die Kundschaft ist eine zarte Blume, eine höchst empfindliche Mimose, die umhegt und gepflegt werden will und jegliche, auch die kleinste Falschbehandlung sofort übel nimmt. Ein kalter Windzug, eine unbedachte frostige Bemerkung konnten das Ende aller langjährigen Züchtungsbemühungen bedeuten. Verfluchte Botanik!
Vielleicht könnte man den Arco, den außergewöhnlich gemütlichen Rottweiler der Bräunleins am Gartenzaun vor dem Laden anbinden und ihn, was ihm zweifellos das größte Vergnügen bereiten würde, ein Wienerle nach dem anderen verspeisen lassen. Kommentarlos natürlich. Eine stumme, eindrucksvolle Demonstration. Jeder würde auch ohne große Erklärungen wissen, was damit ausgedrückt werden sollte. Bräunleins Wurst ist Spitzenqualität und absolut ungefährlich! Doch als schließlich sogar die gestrengen Sittenwächter des Tierschutzvereins vor Giselas geistigen Auge erschienen, angesichts einer solch unverzeihlichen Aktion zweifellos von besorgten Tierfreunden auf die Bildfläche gerufen, verwarf sie diese Schnapsidee mit einem lauten Seufzer. Es gibt nicht viele Verbrechen hierzulande, die noch verwerflicher sind als zum Beispiel Kinderarbeit in ausbeuterischen Billigkleiderfabriken im hintersten Pakistan bei sechzig Grad Hitze und gelegentlichen Peitschenhieben. Hundearbeit, kapitalistische Ausbeutung von schutzlosen Haustieren, bildet eine dieser wenigen Ausnahmen. „Das gibt eine saftige Anzeige, Frau Bräunlein!“, konnte sie den Vorwurf einer zutiefst verbitterten Stimme hören, die aus der betroffen dreinblickenden Lichterkette heraus deutlich zu vernehmen war und die sich verdammt nach Hannelore Schmitt anhörte, während die aufmarschierte Meute der Hundsweiber sich fremdschämend und frenetisch jubelnd Beifall spendete.
Die Gedanken schienen sich mittlerweile so weit verselbständigt zu haben, dass sie unaufhaltsam in ferne, finstere Gegenden vordrangen, die Giselas Geist unter normalen Umständen niemals betreten hätte. Wie sonst hätte es geschehen können, dass die stets überlegte und selbstsichere Gisela mit derartigen Selbstzweifeln zu kämpfen hatte. Sie war offenbar nicht mehr so ganz Herrin ihrer Sinne.
Inzwischen hatte Simon bereits mehrere Quadratkilometer eines imaginären Urwalds abgeholzt. Hartholz, so wie es sich anhörte. Die mächtigen Baumstämme stapelten sich bereits meterhoch und Gisela hatte immer noch keine wirklich zündende Idee. Wie denn auch, bei dem ohrenbetäubenden Lärm. Sie machte eine kurze Pause, um ein wenig zur Ruhe zu kommen. Krampfhaftes Bemühen brachte sie schließlich auch keinen Zentimeter weiter. Das wusste sie aus Erfahrung. Die besten Einfälle kamen bekanntlich immer spontan, ohne eiges Zutun. Es wurde ein, zwei, drei Uhr und immer noch hatte sie keine Eingebung erhalten, von woher auch immer. Soweit zu spontanen Einfällen. Darum versuchte sie es zur Abwechslung wieder mit konzentrierter Herangehensweise. Die wichtigste Frage lautete: Was will ich tatsächlich erreichen? Zunächst musste unter allen Umständen ein Umsatzrückgang vermieden werden. Dazu mussten die Hundsweiber wieder in den Laden gelockt werden. Und gleichzeitig musste die Schmittn Hanne für ihre verleumderischen Anschuldigungen angemessen gestraft werden. Angemessen bedeutete in diesem Fall, dass auch strengste Maßnahmen nicht ausgeschlossen werden durften. Was sich jedoch nach drei Stunden Schlaflosigkeit in Giselas Hirn unter angemessen herausgebildet hatte, war im Rahmen der in Deutschland geltenden Gesetzes so ohne weiteres nicht zu machen, allenfalls nur bei Inkaufnahme einer Strafandrohung von nicht unter fünf Jahren Zuchthaus. Am besten wäre es halt, diese unmögliche Person würde ihre Behauptungen öffentlich zurück nehmen und sich entschuldigen. Genau! Das wäre die Lösung, aber wie könnte man sie bewerkstelligen? Auch um halb sechs, als die Gisela vor Übermüdung einschlief, war noch keine einigermaßen tragbare Lösung gefunden.
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