„Na, dess gibbds doch nedd. Wer schbinnd sinn dou aso zamm. Und dess war an unsrer Ladndüür hiebabbd?
„Wenner ders saach. Horch amal, woss maansdn woss der will?“
Und auf Simons unverständiges Schulterzucken hing fügte sie erklärend hinzu: „Ich glaab, der Kerl maand dich, Simon. Der drohd uns. Ich fürchd mich ja nedd vor irgndanner Strafe Goddes, weecher woss denn aa, abber mer wass ja nedd woss dess für a närrischer Zeidgenosse iss. Aufd Letzt will der dir woss ohdou.“ Und sichtlich mitgenommen fügte sie hinzu: „Allmächd Simon, etz glaabi werds mer schlechd.“
Das wollte etwas heißen. Gisela machte so leicht nichts Angst. Aber im vorliegenden Fall ging es um ihren geliebten Simon, der ob seiner Naivität immer noch nicht recht begriffen hatte, dass er bedroht wurde, eventuell sogar mit Gewalt, ja vielleicht gar dem Tod. Natürlich würde seine Gisela sofort den gemeinsamen Freund und Hobbyermittler Peter anrufen und ihm den Sachverhalt schildern, dass er sich um die Angelegenheit kümmern könnte. Angesichts des Ernstes der Sache musste aber auf jeden Fall auch die Polizei verständigt werden. Mit einer Morddrohung ist keinesfalls zu spaßen.
Peter war sofort am Telefon, als es noch nicht einmal zweimal geläutet hatte. Ein sicheres Anzeichen, dass die Marga nicht zu Hause war, vermutlich befand sie sich auf ihrer morgendlichen Einkaufsrunde.
„Kleinlein“. „Meine Frau ist nicht da“, wollte er schon routinemäßig ergänzen, als er die außergewöhnlich aufgeregte Stimme Giselas am anderen Ende erkannte. Die sonst so souveräne Metzgermeistersgattin schien völlig aus dem Häuschen zu sein.
„Beruich di hald erschd amal, Gisela. Woss gibbdsn so Aufreechndes?“
Es dauerte eine ganze Weile bis die heftig schnaufende Freundin den Vorfall geschildert hatte. Peter versprach sofort vorbeizukommen und sich die neuerlichen Ergüsse des bislang unbekannten Propheten unverbindlich anzusehen.
Als Peter endlich eintraf hatte er seine Ehefrau Marga im Schlepptau. Sie war im selben Augenblick von ihren Einkäufen zurück gekommen, als er das Haus verlassen wollte und so war es selbstverständlich, dass sie mit wollte, sobald sie von dem neuerlichen Anschlag auf die Röthenbacher Sicherheitslage erfuhr. Da Peter seinerseits keinerlei unmittelbare Gefahr vermutete, hatte er auch nichts dagegen gleich in voller Mannschaftsstärke anzutreten. So ersparte er sich eine nervenaufreibende Diskussion, die er ohnehin nicht gewinnen würde und er musste bei seiner Rückkehr keinen ausführlichen Bericht abliefern.
Der Metzgerladen war abgesperrt und ein offenbar rasch angefertigtes handschriftliches Schild verständigte die werte Kundschaft, dass heute aus familiären Grunden erst um 10 Uhr geöffnet werden konnte. Die beiden Kleinleins klingelten zwei Mal kurz hintereinander, das übliche Zeichen, dass sie es waren, die Einlass begehrten.
Gleich darauf streckte die Gisela dem Peter mit einem stummen, aber viel sagendem Blick das reichlich blutverschmierte Machwerk entgegen.
„Sauber soochi, glei mid an halbn Lidder Bloud verzierd, dou maands anner abber ernsd“, war dessen erster, noch reichlich lockerer Kommentar.
„Naa“, berichtigte ihn Gisela sofort, „dess ganze Bloud schdammd vom Simon. Der hodd grad hindn in der Werkschdadd Fleisch zerleechd, wäi in grufn hobb. Und dann hodders hald mid seine babberdn Händ angfassd. Männer hald! Alles Dreegbärn. Drotzdem, mir iss dess ganze unheimlich genuch!“
„Ja“, gab ihr der herbeigerufene Freund Recht. „Dess klingd ganz aso, als ob jemand den Simon beschuldichd, irgndwoss angschdelld zu haben, woss auf jedn Fall gerächd wern muss. Hossd villeichd gor an umbrachd, Simon?“, lachte Peter etwas aufgesetzt, denn bei genauer Betrachtung kam auch ihm kam die ganze Sache nicht mehr recht geheuer vor.
„Nedd dassi wüssd, außer anner Zwaazendnersau gesdern im Schlachdhof“, antwortete dieser in seiner gewohnt trockenen Art und ohne eine Miene zu verziehen. Das Lachen war allerdings selbst ihm gründlich vergangen. Mit entsprechend ernster Stimme fügte er deshalb hinzu: „Wen sollerdn ich na umbringer? Mir hodd doch kanner woss dou.“
„Naja, ner freilich nedd“, beeilte sich Peter ihn zu beruhigen. „Abber ich denk scho, dass äs Gscheidesde iss, wemmer bei der Bollizei a Anzeige geecher Unbekannd macherd. Stelld eich no bloß amal vor, woss dess für eier Gschäfd bedeuded, wenn des bubbligg wird. Den dreggerdn Schmierfinkn muss mer unbedingd ausfindich machen und derfür sorgn, dass a End damid iss.“
Da es sich aber nicht um einen Mordfall handelte, sondern erstmal lediglich um eine üble Nachrede, musste Gottseidank nicht der allseits bekannte Kriminalhauptkommissar Schindler eingeschaltet werden, von dessen Fähigkeiten nicht nur Peter keine allzu hohe Meinung hatte. Eine Anzeige auf der Erlenbacher Polizeistation tat es vorerst auch. Simon und Gisela wollten auch gleich losfahren und die leidige Sache hinter sich bringen. Um den Beamten das ganze Ausmaß des Skandals vermitteln zu können, nahmen sie auf dem Weg dorthin gleich auch noch die erste anonyme Drohung des bibelfesten Rächers mit, die Marga am Sonntag gefunden und immer noch zusammengefaltet im heimischen Wohnzimmerschrank liegen hatte.
Die Beamten auf dem Erlenbacher Polizeirevier hatten viel zu lachen, nachdem der offenbar verwirrte Metzger und seine Frau endlich die Amtsräume wieder verlassen hatten.
„Diese dauernde Berichderschdaddung über Endführunger und Erbressunger im Fernsehng, dess machd die Leit nu ganz meschugge, wenner mich fraachd. Siggsd ja nix anderschds mehr als wäi Mord und Doodschlaach, wennsd den Kasdn einschaldsd. Ka Wunder, wenn sogar sonsd ganz normale Leut weecher jedn hirnrissichn Zeddl, den jemand wo hiebabbd hodd, glei a derrorisdische Bedrohung vermuudn. Konnsd inner ja scho fasd nedd verdenkn. Naja, etz sinns amal widder ford und mir homm die Sach aufgnommer. Mehr kömmer ja aa garnedd machen“, meinte einer der beiden Beamten, vermutlich der Ältere der beiden, der wenigstens ein bisschen Verständnis für das aufgeregte Ehepaar aufbrachte. Gerade einmal bevor fünf Minuten hatten die zwei offenbar leicht verwirrten Alten einigermaßen beruhigt die Wache verlassen, um umgehend wieder nach Hause in ihre kleinbürgerliche Welt zurückzukehren.
„Und was machen wir jetzt wirklich mit der Anzeige?“, wollte der jüngere Kollege wissen.
„Nix, mir wardn ab, ob sich draus woss Kongreedes ergibd. Dann könner mer immer noch handln. Vorleifich iss dess doch bloß alles a saudumms Gekritzl von irgnd ann Schbinner. Mir sollerdn uns läiber aweng schiggn, dass mer die Geschwindichkeidsüberwachungsanlaach vorner am Ordseingang hindern Milchhäusler aufschdelln, sonsd steichd uns der Chef gscheid aufs Dach. Es gibbd schließlich nu andere Bollizeiaufgabn und dess hodd etz amal Brioridäd eins.“
Simon und Gisela, die ihr Anliegen in guten Händen wussten, begannen sich langsam wieder zu beruhigen. Die Beamten hatten wohl Recht. Was war denn schon tatsächlich geschehen, außer dass ein spinnerter Uhu wirre Androhungen von göttlicher Rache und flammenden Schwertern unter die Leute brachte. Von dem heutigen Fund würden sie niemand erzählen, schon allein aus Rücksicht auf die sensiblen Antennen der Kundschaft. Wer weiß, was sich in deren Köpfen zusammenbrauen würde, wenn sie erst einmal von der Beschuldigung erführen. Da hatte ihr Freund Peter schon Recht, wenn er meinte, dass sich so etwas für das Geschäft als sehr abträglich erweisen könnte. Einen schlechten Ruf hat man schließlich schneller als man bis drei zählen kann. Doch all diese Überlegungen waren müßig, wie sich bald herausstellen sollte.
In völliger Unkenntnis dessen, was bald auf sie zukommen würde, schloss Gisela pünktlich um 10 Uhr zum zweiten Mal an diesem Tag die gläserne Ladentüre auf. Es dauerte auch nicht lange bis die ersten Kundinnen eintrafen. Schnitzel, Schaschlik, Wurst, unter anderem Bräunleins 1A preisgekrönte Bratwurst, waren unter der Woche gewöhnlich eher gefragt als die üppigen Braten und Schäuferle, die am Wochenende über den Ladentisch gingen. So weit war alles normal. Auffällig war nur, dass schon seit Freitag keines der sogenannten Hundsweiber mehr hier war, um die, unter normalen Umständen unverzichtbaren Wiener Würstchen für ihre Lieblinge einzukaufen. Deshalb fragte Gisela ihre aktuelle Kundin, von der sie wusste, dass sie mit der Frau Zängerlein, einer der Röthenbacher Hundeliebhaberinnen befreundet war, ob sie denn etwas wisse. Ob die Dame denn vielleicht krank wäre.
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