«Canim Baby, ich habe zu tun, ist wichtig - wird spät heute, ja? Was machst Du heute?», antwortet Faruk genervt, aber freundlich.
«Schatz, ich muss arbeiten, Schatz. Ich rauch’ jetzt noch eine Keule und dann mach ich mich fertig. Gar kein Bock heute auf Arbeit, aber was soll’s. Ich dachte, du kommst vielleicht noch vorbei, Schatz», antwortet Charleen. Währenddessen schleicht sie in ihrem Schlafhöschen und einem schwarzen T-Shirt von Faruk durch die Wohnung und sucht sich Tabak, Filter, Papers und ihren kleinen Beutel mit Marihuana zusammen, um sich einen Joint zu bauen. Hierbei hat sie ihr Handy auf Lautsprecher gestellt und hält es waagerecht vor ihr Gesicht, um direkt in das Mikrofon zu sprechen.
«Canim, was redest du so am Telefon», regt sich Faruk auf «Man, hör’ auf so zu sprechen, ja.».
«Entspann dich mal, Schatz», redet sie auf ihn ein, «hier ist niemand, der mithören könnte». Sie leckt an dem Paper entlang und verklebt den zwischenzeitlich wohl geformten Joint, um ihn direkt danach zu entzünden. Sie inhaliert den süßlichen Duft tief in ihre Lungen und versucht ihn besonders lange in ihnen zu halten, bevor sie den Rauch langsam ausatmet.
«Schatz, wann sehen wir uns endlich wieder? Ich will dich sehen. Denkst du bitte an mich, wenn du kommst. Mein Gras ist fast alle”, spricht sie nasal, als hätte sie sich soeben eine Erkältung eingefangen, durch die Leitung.
«Halt die Fresse, man. Hör auf so scheiße am Telefon zu sprechen du dummes Kind, sonst klatsch’ ich dich richtig, man», schreit Faruk in sein Telefon und legt direkt auf. Der Moment der Ruhe ist vergangen. An seinen Schläfen pulsiert das Blut, das versucht seine Wut zu zügeln, die er gerade wieder empfindet. Er fährt sich durch die Haare und streicht sich durch den Bart. Anschließend schnippt er wieder gegen den Boden seiner Schachtel, um eine Zigarette mit den Lippen aufzunehmen.
Nach zwei weiteren Zigaretten, die ihn langsam in seiner Impulsivität beruhigen, verschließt er per Fernbedienung seinen Wagen und geht den Merkurring entlang. Er steigt nicht wieder ein und fährt bis zur Firma. Er lässt ihn lieber zurück. Der Weg ist nicht weit und auf dem Gelände will er den Wagen nicht offensichtlich stehen haben, zumindest nicht, wenn er Besuch erwartet. Es wird ablaufen wie immer, nur so kann es gehen, ohne die eigenen Unternehmungen in irgendeiner Weise zu gefährden.
Nach zweihundert Metern ist er am Ziel. Über eine kleine Zufahrt gelangt er auf das Gelände, das mit einem Rotklinkerbau und einer kleinen Werkstatt für Kraftfahrzeuge bebaut ist. Die Werkstatt ist seit längerer Zeit nicht mehr in Betrieb. Ein guter Freund hat sie ihnen als Untermieter überlassen. Einen Mietvertrag bedurfte es hierfür nicht. Sie zahlen rechtzeitig und großzügig die Miete, dafür stellt er keine Fragen, die ihm Antworten bringen könnten, die er gar nicht hören will. Die Firma läuft noch immer unter seinem Namen und wird auch weiterhin von ihm geführt. Auch wenn er für den gleich gebliebenen monatlichen Verdienst nun nicht mehr die Hände mit Öl und Schmiermitteln beschmutzen muss, sondern den Alltag mit seiner Familie genießen kann. Gelegentlich ergänzt er seine Einkünfte durch Reparaturen in Selbsthilfewerkstätten für Freunde und Bekannte gegen eine kleine Aufwandsentschädigung. Mehr ist für ein gutes Leben seinerseits nicht mehr nötig.
Faruk dreht sich noch einmal um. Der Merkurring liegt ruhig vor ihm. Keine Fahrzeuge stehen in der Nähe abgestellt und andere Menschen sind ebenfalls nicht zu sehen.
Er zieht seinen Fahrzeugschlüssel empor und steckt einen Sicherheitsschlüssel in das Türschloss neben dem Rolltor. Bevor er die Tür öffnet, gibt er in das neben der Tür befindliche Nummernfeld eine vierstellige Zahlenkombination ein, um die Alarmanlage zu deaktivieren.
Faruk dreht den Schlüssel zweimal herum und betritt die Werkstatt, dessen Tür hinter ihm mit einem lauten Knall automatisch wieder ins Schloss fällt.
15
In einem seitlichen Parkstreifen der Tankstelle Grundbergsee steht ein blauer Kombi. Die Scheiben des Fahrzeugfonds sind abgedunkelt. Auf dem Fahrer und Beifahrersitz sitzt niemand. Das Fahrzeug ist verlassen. Vermutlich ist der Fahrer mit möglicher Begleitung in die Raststätte gegangen, um dort ein Frühstücksmenü zu sich zu nehmen, könnte man denken.
Im Kofferraum des Fahrzeugs hat es sich Lemming gemütlich gemacht. Schon aus Erfahrung hat er dort immer zwei große Sofakissen liegen, die er als Sitz- und Rückenkissen nutzen kann. Dort sitzt er nun im Schneidersitz mit einer dunklen Trainingshose und einem blauen Kapuzenpullover. Die hellen Bänder hat er wie immer in den Ausschnitt gesteckt. Er mag es nicht, wenn sie vor der Brust herumschwingen. Seinen grauen Schlaufenschal hat er bis zur Nase hochgezogen. Auch, wenn man ihn hier nicht sehen kann, er fühlt sich einfach sicherer, wenn er so in der vordersten Position sitzt. Zwischen seinen Beinen hält er in den Händen eine hochwertige Spiegelreflexkamera mit starkem Objektiv. Er will Fotos von dem die Tankstelle verlassenden Fahrer machen und per Bluetooth in den gemeinsamen Chat stellen.
Der silberne Transporter steht noch immer an der Zapfsäule. Von dem dunkel gekleideten Fahrer hat er noch nichts gesehen, aber die Abfahrt wird er feststellen können.
Der Regen hat mit der Zeit immer mehr nachgelassen. Inzwischen fallen kaum noch Regentropfen auf die Scheiben des Kombis. Lemming hat perfekte Sicht und wird alles gut dokumentieren können.
«Bislang keine Bewegung am Zielfahrzeug», meldet er über Funk, einfach nur, um die eingekehrte Stille ein wenig zu brechen. Er muss konzentriert bleiben, auf den einen Moment warten und sofort reagieren.
Gelegentlich blickt er zum Geschäft der Tankstelle hinüber, aber die Scheiben in denen sich die dunklen Wolken spiegeln, lassen keinen richtigen Blick in die Räumlichkeiten zu.
Es bleibt ihm nur zu warten. Das Warten ist eigentlich immer seine Hauptaufgabe. Selten fährt er mit seinen Zielpersonen den ganzen Tag umher. Meistens wartet er nur, bis sie überhaupt mal etwas tun, nachdem sie bis in den Nachmittag hinein ihren Rausch ausgeschlafen haben. Je länger der Tag, desto interessanter wird es dann meistens. Und umso länger wird der Arbeitstag für Lemming und seine Kollegen. Heute ist es endlich mal anders. Das Gegenüber hat das Drehbuch geschrieben und sie geweckt. Sie brauchten nicht warten, sie mussten suchen und haben ihre Aufgabe mit Bravour erledigt. Jetzt kommt es darauf an, dass sie als Team funktionieren und den Wagen nicht mehr verlieren. Zum Glück ist es ein großer auffälliger Wagen, der nicht imstande ist, einen ihrer Wagen abzuhängen. Es gibt keinen Stau, keine Ampeln, kein Verkehr, der sie nun überraschen kann. Jeder von ihnen hatte den Gegenverkehr auf der Anfahrt in Blick genommen. Sie wissen, dass dort aktuell kein Unfall oder Stau festzustellen ist. Ebenso war klar, dass der Fahrer mit ungefähr einhundertdreißig Stundenkilometern weiterfahren würde. Er hatte keinen vorsichtigen oder umsichtigen Eindruck auf Patsche gemacht, ansonsten hätte Patsche das gemeldet, um die Kollegen auf neugierige Blicke vorzubereiten.
Im Schatten der Tür ist eine dunkle Gestalt zu erkennen. Lemming setzt sich ein wenig aufrechter hin, verengt seine Augen. Er versucht die Silhouette der Person zu erkennen. Die automatischen Türen schieben sich langsam auseinander und ein Mann mit dunkler Jacke und einer dunklen Mütze verlässt den Raum. Er entspricht der vorhin kommunizierten Beschreibung und geht mit normalem Tempo in Richtung des silbernen Lieferwagens.
«Unser Mann hat das Geschäft verlassen und geht in Richtung des Transporters. Er hat nun eine weiße Tüte in der Hand mit einem eckigen Gegenstand», meldet Lemming per Funk. Im Hintergrund klickt seine Kamera, die ihm gestochen scharfe Bilder von der Person und ihrer Kleidung liefert. Die Beschreibung lässt sich nicht weiter konkretisieren. Die Jacke ist noch immer über das Kinn gezogen und die Mütze wirkt noch tiefer sitzend, als von Patsche beschrieben.
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