Er geht direkt aus dem großzügigen Flur, dessen Nische zugleich auch als Esszimmer genutzt wird, in das Wohnzimmer und schließt dort die Tür.
In dem Wohnzimmer steht eine blaue Stoffcouch, deren Sitzflächen mit Wolldecken abgedeckt sind. Neben einem voll behangenen Wäscheständer steht der Wohnzimmerschrank mit zwei Glasvitrinen, in denen in goldenen Rahmen mit Porträtfotos der Kinder aus vergangenen Tagen aufgestellt sind.
Zwischen den Vitrinen steht ein großer Fernseher in dem ein türkischer Sender läuft. Die Lautstärke ist so aufgedreht, dass die Mutter sogar bei verschlossener Tür die Nachrichten in der Küche verstehen dürfte.
Cemal zieht aus seiner Hosentasche einen kleinen silbernen Schlüssel von der Größe eines Briefkastenschlüssels und steckt diesen in das Griffschloss der Balkontür.
Er öffnet das Schloss und ergreift den Griff, um die Tür aufzuziehen und auf den Balkon hinauszutreten. Der Wind drückt sich in die Wohnung und weht vereinzelte Regentropfen in das Gesicht von Cemal. Von dem Balkon aus kann man direkt zur Raststätte Stillhorn blicken. Wenn man die Augen schließt, lässt sich das Getöse der Autobahn als Meeresrauschen empfinden, aber hierfür nimmt sich Cemal keine Zeit.
Er schreitet über den Balkon zu einem an der Wand befindlichen ehemaligen Küchenschrank, den er dort verschraubt hat. Der Schrank ist mit einem Zahlenschloss versehen, dass er schnell öffnet. Es dient lediglich zum Schutz vor neugierigen Einblicken seiner Familie und nicht zur Sicherung seines Inhalts. Niemand würde auf seinen Balkon klettern und hier suchen. Denn diesen Bereich hat er keiner Person, auch nicht seinen engsten Vertrauten, gezeigt. Es ist sein heimlicher Rückzugsort an schönen Tagen, aber auch sein Tresor, geschützt durch 12 Stockwerke von der Straße und seinen Neidern.
Cemal zieht seine Lederjacke aus und entnimmt dem Schrank eine flache Umhängetasche, die er sich Diagonal über den Oberkörper streift. Der Gurt ist eng angezogen und die Tasche bleibt auf seinem Rücken anliegend an den unteren Rippenbögen.
Er streift die Lederjacke wieder über seinen Körper und schließt den Reißverschluss, so dass sein Oberkörper im Weiteren von Wind und Regen geschützt wird.
Er dreht sich um, und verlässt den Balkon, schließt die Tür und verschließt den Griff. Den Schlüssel steckt er wieder in seine Hosentasche und verlässt das Wohnzimmer. Wortlos geht er an seiner Mutter im Flur vorbei, die ihm mit Sorgen in den Augen nachsieht. Sie spürt Unheil über ihrem Sohn aufkommen, aber sie traut sich nicht ihm nachzurufen. Sie weiß, dass er seinen Weg geht und nicht auf sie und ihren Glauben hören würde. Nachdem sich die Wohnungstür hinter ihrem Sohn geschlossen hat, blickt sie flehentlich gen Himmel und bittet ihren Mann, den sie dort wähnt, um Hilfe und Beistand. Nach seinem Tod ist in ihrer Familie alles anders geworden. Der fleißige Schüler Cemal hat sich verändert, hatte kein Interesse mehr an dem Weg des Fleißes, der ihm von seinem Vater vorgelebt wurde. Er öffnete sich der Straße und fand dort mit Intellekt seinen Platz, um ausreichende Einkünfte für sich und seine Familie zu generieren, um so seiner traditionellen Pflicht als erster Sohn nachkommen zu können.
Die Tür des Fahrstuhls öffnet sich scheppernd und Cemal verlässt den Aufzug und das Treppenhaus, um sich über den Gehweg zurück zu seinem wartenden Fahrer zu begeben. Sie müssen sich beeilen, denn die Zeit drängt bereits.
14
Breite Gummireifen fahren über die feuchten Abfahrtstreifen in Stapelfeld. Sie fahren an der Abfahrt der A1 hinab und halten zunächst vor der Ampel, die auf die Landstraße führt. Langsam ordnen sie sich im linken Abbiegestreifen ein. Die gelbe Lampe ergänzt das rote Licht und die Reifen beginnen, sich quietschend zu drehen. Ihr Fahrer schlägt hart rechts ein und überholt den ebenfalls anfahrenden Wagen auf dem Rechtsabbiegestreifen, um sich vor diesen auf die Landstraße zu setzen und den Weg in Richtung Hamburg zu suchen.
Der Überholte hupt den Reifen und ihrem Fahrzeug lautstark hinterher und fängt an wild gestikulierend hinterher zu fahren, aber gegen die 525 Pferdestärken des V8- Motors kann er nicht ankommen. Während der Verfolger die Beschleunigung bei vorgeschriebenen einhundert Stundenkilometern abbricht, lassen sich die Gummireifen auf einhundertvierzig Kilometer pro Stunde hochtreiben. Am Industriegebiet an der Sieker Landstraße bremsen sie ab, um vor den luxuriösen Schönheiten des dortigen Sportwagenhauses abzubiegen, von denen sie gerne mal gefahren werden würden. Doch einem Ferrari oder Aston Martin reichen sie halt doch nicht aus und so werden sie an ihrem Fahrzeug verbleiben müssen, dessen Fahrer sie so häufig mit gewagten Fahrmanövern quälend an ihre eigenen Grenzen führt.
Sie fahren durch den Merkur Ring und drehen dort mehrere Runden, mal etwas schneller, dann wieder sehr langsam. Manchmal dürfen sie halten und kurzzeitig verschnaufen, um dann wieder anzufahren und um die nächste Kurve herum erneut anzuhalten.
Faruk Simsek stellt den Motor ab und steigt aus seinem Fahrzeug aus. Er streicht sich mit beiden Händen durch die Haare, kratzt seinen Bart nach vorne hin zusammen, wo er dessen Spitze mit der rechten Hand verzwirbelt. Mit der linken Hand zieht er aus der Hosentasche eine Schachtel mit Zigaretten.
Er klopft mit dem Finger von unten gegen die Schachtel und zieht mit seinen Lippen eine Zigarette heraus, die er sich anschließend entzündet.
Faruk weiß, dass er noch viel Zeit hat und nutzt diese, um einfach hier zu stehen, die Gegend zu beobachten und seine Zigarette zu rauchen. Der leichte, verbliebene Sprühregen stört ihn hierbei nicht. Er lebt schon immer hier in Hamburg und kennt das Wetter, das hier üblich ist. Die milden Temperaturen lassen ihn eher die feuchtwarmen Tropfen genießen. Er nimmt die Hektik aus der Situation, denn er fühlt sich sicher an diesem Ort, den niemand außer ihm und Cemal in Hamburg kennt. Hier ist ihre Firma, ihre Zentrale für die Geschäfte, die sie betreiben. Er hat auf der Anfahrt wieder alles dafür getan, dass niemand diesen Ort mitbekommen würde. Kein Fahrzeug konnte ihm bis hierher folgen. Auch in Stapelfeld gab es kein Fahrzeug, dass mit ihm abfuhr und dann den Merkurring entlangkam.
Faruk zieht aus seiner Hosentasche sein Telefon und schaut auf die Uhrzeit. Es ist fast sieben Uhr. Zumindest eine Stunde muss er noch warten, bis der erwartete Besuch eintreffen wird. Er will noch ein wenig abwarten, weiter beobachten, noch eine Zigarette rauchen und dann in die Firma fahren. Dort sind noch einige Dinge zu erledigen.
Die grauen Wolken am Himmel ziehen weiter. Sie werden mit der Zeit immer heller, dennoch bewegen sie sich schnell und geben der Umgebung ständig ein wechselndes Licht. Die angrenzenden Wiesen lässt es in hellen oder auch dunklen Grüntönen erscheinen.
Die Geräusche der Sieker Landstraße werden gedämmt wie Wellen am Meer zu Faruk hinübergetragen.
Er würde es nie zugeben, doch er mag diesen Moment der Ruhe und Stille, wenn er sich die Zeit mal nimmt oder sie ihm wie heute aufgezwungen wird. Lange aushalten kann er die Situation jedoch nicht. Immer wieder nimmt er sein Smartphone in die Hand, schaut, ob er neue Nachrichten erhalten hat oder wie die Zeit verrinnt, während er hier steht und wartet.
Er klickt seine Kontakte durch, bis er bei “Canim” ankommt und drückt auf den grünen Hörer, um sie anzurufen. Das Telefon klingelt nur einmal, da meldet sich Charleen bereits mit einem langgezogenen “Schatz!”.
«Hey Baby, was geht ab, was machst du?», fragt er sie.
«Nichts. Und du?», erwidert sie liebevoll.
«Was fragst du mich das immer, Baby, ich hab’ zu tun, dies das, weißt du?», antwortet er genervt.
«Ach so, Schatz. Kommst du noch? Ich hab' Sehnsucht nach dir», wispert sie ihm entgegen.
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