Unterdessen war der Minister in seinen Amtssitz zurückgekehrt. Dort saß er bei flackernden Kerzen über den Akten, bis der Abendstern aufging. Obwohl er alles bei sich hatte, was er für seine Amtsgeschäfte brauchte, konnte er sich des Gefühls nicht erwehren, am heutigen Tage einen Verlust erlitten zu haben. Doch ihm fehlte wirklich nichts, und so strich er diese lächerliche Anwandlung aus dem Protokoll.
Trotzdem drehte er sich in den folgenden Wochen immer mal wieder um. „Habe ich etwas verloren?“, fragte er seine Sekretäre. Die zuckten verständnislos die Achseln. Und weil er ohnehin keine Zeit hatte, darüber nachzudenken, tat er es auch nicht. Nur eine kurze Flötenmelodie ging ihm partout nicht aus dem Kopf.
Als er wieder einmal in einer Sitzung saß, in der seine Widersacher monotone, gänzlich unwitzige Reden schwangen, spürte er, wie seine Gesichtszüge nach unten sackten und er in einem Meer aus Mattigkeit versank. Um wach zu bleiben, kritzelte er mit seiner Feder auf das Pergamentpapier mit den Widersprüchen verschiedener Landesfürsten: „Ich bin ein stolzer Diener dieses Reiches.“ Und ohne, dass er es beabsichtigt hatte, entstand daneben das Bild eines Vogels mit Regenbogen-Gefieder und darunter ein paar musikalische Noten. Da erkannte er, dass sein anhaltendes Verlustgefühl etwas mit diesem Paradiesvogel zu tun haben musste. Ich müsste ihn aufsuchen, sagte er sich. Vielleicht kann er mir zurückgeben, was ich verloren habe, und dann bin ich wieder der Alte.
Wie er den Vogel finden sollte, wusste er allerdings nicht, und konnte auch niemanden fragen, denn dies vertrug sich nicht mit seiner Ministerwürde. Auch wollte er seinen Kollegen keinen Anlass geben, sich über ihn zu wundern. Allzu schnell wären solche Irritationen dem König zugetragen worden. Nach stundenlanger Sitzung erhob er sich schwer. Er hatte über die Jahre Gewicht zugelegt und Spannkraft verloren, denn er war zwar stets in Eile, bewegte sich selbst jedoch kaum noch, weil er mit der Kutsche schneller war.
Dem Paradiesvogel waren noch ein paar Federn ausgefallen. Man hatte ihn gebeten, auf einem Jahrmarkt aufzutreten, und er tat es, obwohl die Zuschauer betrunken grölten. Er trug ihnen seine Flötenmelodie vor, doch die kam nicht gut an.
„Lauter!“, brüllte das Publikum. „Schneller! Die Federn sind ja schön bunt, aber wo bleibt das Amüsement?“ Ein kleines Mädchen, das entzückt gelauscht hatte, wurde von seiner Tante fortgezogen.
Als der Paradiesvogel abends wieder in seinem Nest landete, dachte er, dass er schon deswegen keiner mehr sein konnte, weil es mindestens eine Person auf der Welt geben musste, die ihn als solchen erkannte. Es wurde höchste Zeit, sich in einen Spatzen zu verwandeln. Von denen gab es viele, sie wurden geduldet und im Winter von barmherzigen alten Mütterchen mit Sonnenblumenkernen durchgefüttert.
Der Minister hastete weiter durch seine Regierungsgeschäfte, unterschrieb Gesetze und dachte sich neue aus.
„Man hat das Gefühl, immer denselben Tag zu durchlaufen, denselben Berg abzutragen, aber irgendwie vergeht dabei doch alle Zeit“, sagte er einmal zu einem Sekretär, dem er eine Botschaft übergab, die dieser mit einer der ministrablen Brieftauben in den Königspalast senden sollte. Der Sekretär sah ihn verständnislos an, während er der Brieftaube die Botschaft in den Schnabel steckte und weil noch mehr Post zu erledigen war, vergaß der Minister sofort wieder, was er gesagt hatte. Stattdessen starrte er auf die Brieftaube und das Verlustgefühl kam wieder hoch. „Bringen Sie mir eine davon“, befahl er, „dann können Sie nach Hause gehen.“
Lange saß er vor dem gurrenden Tier, das der Sekretär in einem kleinen Käfig hereingetragen hatte, viel zu lange, dann griff er nach Pergamentpapier und schrieb: „Sehr verehrter Paradiesvogel, ist es möglich, dass Sie etwas haben, das mir verloren gegangen ist?“
Eigenhändig öffnete er das Fenster und ließ den Vogel frei. Danach schalt er sich für seine dumme Idee. Der Vogel wusste ja gar nicht, wohin er fliegen sollte, und er selbst nicht, wonach er überhaupt fragte.
Man soll Vögel nicht für dumm halten und Brieftauben schon gar nicht. Diese schwang sich in den Himmel und ließ sich von den Luftströmungen tragen, die sie geradewegs zum Baum führten, in dem der Paradiesvogel wohnte. Weil sie eine Hochleistungsbrieftaube war, ließ sie ihre Botschaft zielgenau in das Nest fallen, oder besser: dem Paradiesvogel auf den Kopf. Dann flog sie eine Kurve, landete auf dem Nachbarbaum, wo eine hübsche Ringeltaube gurrte, mit der sie die Nacht verbrachte.
Der Paradiesvogel las die kurzen Zeilen der Botschaft wieder und wieder und konnte es nicht fassen. Nein, natürlich besaß er gar nichts, aber was der Minister verloren hatte, war offensichtlich. „Er müsste auch gerettet werden“, flüsterte er, wobei sein Schnabel klapperte. Die ganze Nacht lang überlegte er, ob er ihm das schreiben sollte, doch dann kam er davon ab. Zu oft hatte er die Erfahrung gemacht, dass Leute Fragen stellten, ohne die Antwort wissen zu wollen. Die kannten sie häufig ohnehin selbst, wollten aber die Konsequenzen nicht ziehen, die sich daraus ergaben, die durchaus umstürzlerisch sein konnten. Und wenn ihm die Antwort auch im Schnabel brannte, es nützte nichts. Der Minister musste selbst darauf kommen, er konnte ihm bestenfalls einen Anstoß geben.
So drehte er das Pergamentpapier um und feilte an der Antwort, die er hinten drauf schrieb, und zwar nicht mit Tinte, weil er so etwas Wertvolles nicht besaß, sondern mit drei Tropfen seines eigenen Blutes. „Sehr verehrter Herr Minister, was Sie verloren haben, ist nicht bei mir, aber falls Sie mir nicht glauben, sind Sie herzlich eingeladen, sich davon zu überzeugen.“ Darunter setzte er seine Adresse.
Als der Morgen anbrach und die Tauben auf dem Nachbarbaum nicht mehr miteinander schnäbelten, gurrte er lockend, denn er beherrschte viele Sprachen. Die Brieftaube flog sofort auf, pickte nach der Botschaft und trug sie durch die Lüfte zurück zum Sitz des Ministers, über die Köpfe der Wächter und Sekretäre, direkt in das Amtszimmer, wo der Empfänger sich schon über die ersten Depeschen beugte und Einsparpläne ausbrütete.
Als die Botschaft auf seinen schweren Eichenschreibtisch fiel, durchfuhr den Minister derselbe kurze, schöne Schrecken, den er schon einmal empfunden hatte. Selbstverständlich kam es überhaupt nicht in Frage, dass er dem Paradiesvogel einen Besuch abstattete, trotzdem steckte er den Brief unter sein Hemd, als wenn er etwas Verbotenes enthielt. Dort behielt er ihn drei Monate, während eine Regierungskrise die andere jagte. Dass es ihm immer schwerer fiel, gut gelaunte Reden zu halten, konnte er vor sich selbst verbergen, denn ihm fehlte sogar für Unlust-Gefühle die Zeit. Außerdem hatte er dem König einen Eid geschworen und war ein ehrenwerter Mann. „So einer gibt nicht auf. Da müsst Ihr mich schon aus dem Amt jagen“, knurrte er, als die Ministerkollegen im Kabinett wieder darauf pochten, dass er keine Perücke trug. Einen Anlass würde er ihnen nicht liefern.
Als ihm seine Termine für die nächste Zeit vorgelegt wurden, war einer dabei, der ihn in der Stadt führte, in der er das Theater eröffnet hatte. Und schon spielte wieder diese Melodie in seinem Kopf, und er spürte dieses Loch im Herzen. „Das muss ein Ende haben!“, sprach halblaut und beschloss, sich einmal, nur ein einziges Mal, eine Handvoll Zeit zu stehlen, um den Paradiesvogel aufzusuchen, von dem er nur hoffen konnte, dass es ihn überhaupt noch gab.
Als er in der Stadt angekommen war und seinen Termin absolviert hatte, sagte er beiläufig zu seinem Sekretär: „Sie sehen dermaßen müde aus, dass ich es nicht verantworten kann, gleich wieder loszuhetzen. Gehen Sie doch in das Wirtshaus dort drüben und machen Sie eine halbe Stunde Pause. Ich werde mir inzwischen die Beine vertreten, das schadet ja nicht.“ Der erschöpfte Sekretär ließ sich das nicht zweimal sagen und verzichtete ausnahmsweise darauf, mahnend nach der Kirchturmuhr zu schauen.
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