Ansonsten bin ich Anfang fünfzig, pensionierter Lehrer und zurzeit freiberuflich bei einer Versicherung beschäftigt. Meiner Beschäftigung gehe ich von Zuhause aus nach. Auf Neudeutsch heißt es heutzutage: Homeoffice. Meine Pensionierung ergab sich nach einem schweren Verkehrsunfall, bei dem eigentlich kein Knochen im Leib unversehrt geblieben ist. Mehr als zwei Jahre konnte ich meinem Schuldienst nicht nachkommen und war dann körperlich nur eingeschränkt belastbar. Als Sport- und Mathematiklehrer fällt zumindest die erste Betätigung weg. Auch das Stehen und Sitzen im Unterricht war extrem schwierig worden, sodass man mich nach Rücksprache mit dem Amtsarzt früh pensionierte.
Diese schwierige Zeit habe ich noch nicht komplett verarbeitet, kann mittlerweile aber ganz gut damit mental umgehen. Wetterwechsel, Temperatursprünge meldet mein Körper bereits ein bis zwei Tage zuvor an, sodass ich einen Stock zum Gehen bereitlege und auch benutze. Häufig überfallen mich Schwindelanfälle und auch psychologische Verwirrungen sind mein bleibender Begleiter, der sich wie ein Schatten an meinen maroden Körper festgesetzt hat. Selbst in der Nacht, wenn er sich gut verstecken kann, klebt er spürbar an mir. Mein »Habitus Phlegmaticus«, wie ich meinen Körper mittlerweile scherzhaft nenne, hat die ehemalige Drahtigkeit ersetzt, die wohl für jeden Sportlehrer als Qualifikation Voraussetzung sein muss. Und wie man sich vorstellen kann, sind etliche Kilos an Gewicht dazugekommen, sodass euphemistisch ausgedrückt bei mir von einer Rubensfigur gesprochen werden kann, jedenfalls dann, wenn man meinen zweiten Vornamen dazu in Bezug stellt.
Dass sich meine Frau vor Jahren von mir getrennt hat, bildet nur noch das sogenannte i-Tüpfelchen aus meiner Leidenszeit. Aber welche Rede hat dazu unser Pastor bereit? Ja, wir Menschen sind zum Leiden hier auf der Welt. Die Erlösung erfolge erst mit dem Tod. Ich habe diese Predigt nie verstanden! Vermutlich nicht, weil ich glücklicherweise noch lebe. Und insofern können sie sich augenblicklich vorstellen, bilden die alte Dame Luba und ich ein nahezu ideales wie platonisches Paar. Etwas salopp ausgedrückt: Die Alte und der Krüppel ( so bezeichne ich mich selber )! Doch darauf sind wir beide, Luba und ich, wie selbstverständlich mittlerweile stolz. Jeder von uns hat seinen Seelenfrieden in dieser Verbindung erlangt und wird nicht durch dieses und jenes belastet, bislang jedenfalls nicht, oder anders ausgedrückt, bis ich diesen Fehler begangen und beharrlich nach dieser Djukoffbrücke nachgefragt habe.
Denn plötzlich verläuft, grundsätzlich von diesem Augenblick an, das weitere zeitliche Geschehen anders und unvorhersehbar. Es ist, als wäre etwas angestoßen worden, etwas Übersinnliches und nicht Einschätzbares etwas. Es ist, als wäre ein Schalter betätigt worden, der diesen Kreis mit Ereignissen in Gang gesetzt hat. Was genau geschehen ist, war zu diesem Zeitpunkt nicht absehbar, weil es eigentlich nichts zu erfassen gab, sondern sich schleichend erst entwickeln sollte, unbemerkt und losgelöst von uns Beteiligten, und vor allem sinnlich augenblicklich nicht erfassbar und noch vorhersagbar. Dieses Etwas verhält sich wie mit einer Maschine, in der ein winziges Zahnrädchen einen Mechanismus in Gang setzt und sich hundertfach drehen muss, bis sich ein weiteres großes Rad einen Zacken weiterdreht, und ehe dieses auf ein nächstgrößeres einwirkt. Und so greifen die Zahnräder des Geschehens ineinander und fangen an, unser Schicksal spielen zu wollen. Die Zeit scheint dabei außer Kraft gesetzt zu sein, obgleich im Hintergrund sich dieses Rädchen, dieses Mosaiksteinchen aus einer vergangenen Zeit aus einem alten Buch einer Familiengeschichte aus dem alten Russland wie verrückt bewegt.
Und an allem trage ich durch meine Uneinsichtigkeit und auch Verständnislosigkeit Schuld, die ich bereits zuvor mit persönlicher Neugierde bezeichnet habe. Das alte Album mit der Zeichnung einer mir unbekannten und ominösen Brücke, die von uns in Hamburg circa 2000 Kilometer in der Nähe einer langweiligen Kleinstadt Luga in Russland oder Oblast Sankt Petersburg entfernt steht, und von deren Existenz ich bis zu diesem Augenblick nicht einmal etwas ahnen konnte, und auf der ein grausamer Mord verübt worden war. Egal! Etwas ist geschehen, was offensichtlich in Gang gesetzt und nicht mehr aufgehalten werden kann.
Kapitel 2 - Die Familie Riechmann
Ich sah, wie Throne aufgestellt wurden, und einer, der
uralt war, setzte sich. Sein Kleid war weiß wie Schnee und
das Haar auf seinem Haupt rein wie Wolle;
Feuerflammen waren sein Thron und dessen Räder
loderndes Feuer. Und von ihm ging aus ein langer feuriger
Strahl. Tausendmal Tausende dienten ihm, und
zehntausendmal Zehntausende standen vor ihm. Das
Gericht wurde gehalten, und die Bücher wurden
aufgetan. (Daniel 7,9.10)
Woher ihre Familie stammt, konnte mir Luba bei unseren langen häuslichen Sitzungen nicht final beantworten. Auch weil die Riechmanns nicht urkundlich erfasst sind. Sie meint sich schwach zu erinnern, dass ihre Urahnen im ausgehenden Mittelalter aus dem Raum Nürnberg herstammen. Nürnberg bildete die damalige Hochburg des Handwerks, zu denen das Textilgewerbe, Holz- und Metallverarbeitung und insbesondere das Waffenhandwerk gehörten. Später jedoch, das ist belegt, ist ein Zweig der Riechmanns nach Sachsen verzogen und hat sich dort zuerst im Erzgebirge und alsbald dann in Leipzig angesiedelt. Der Name Leipzig bedeutet so viel wie „weiches, schwankendes, wasserhaltiges Gelände“, welches offensichtlich auf das Gebiet der Auenlandschaft bezugnimmt. Hier galt es als sehr ambitioniert, Bauwerke oder Häuser zu errichten. Jedenfalls dabei hat sich ein Familienmitglied Peter Tilmann Riechmann besonders hervorgetan und seine Lorbeeren verdient, die über die Landesgrenzen hinaus ausstrahlten und die wohl letztlich den Ausschlag gaben, diesen Spezialisten nach Sankt Petersburg zu locken, wo ähnliche Bodenverhältnisse vorherrschen. Aber, ob es sich tatsächlich so zugetragen habe, dass wisse Luba auch nicht exakt.
Allein dieser Peter Tilmann Riechmann sei in ihrer Familienchronik vermerkt und bilde den Ausgangspunkt des so genannten russischen Stammbaums der Familie. Dass viele weitere Riechmanns folgen sollten und auch Verbindungen mit russischen Geschlechtern eingegangen sind, macht Luba mir immer mit einer sehr feierlichen Stimmlage verständlich.
Auch betont sie gleichzeitig immer, wie wertvoll ihr das Vaterland sei und dass dieses stets im Vordergrund zu stehen habe, was auch immer durch Irrungen oder Verwirrungen der großen Politik ausgelöst und umgestaltet wird. Letztlich, so betont sie weiter, habe der Mensch jedes System überdauert, egal wie schwierig es auch für den Einzelnen sich vollzogen hat. Vaterland und nochmals Vaterland, das stehe im Vordergrund, und nicht der Einzelne. Dieser sei nur ein Sandkorn im Boden des Vaterlandes, und doch individuell genug, um erkennbar oder auffindbar zu sein. Und immer wieder fällt bei ihr das Wort » Von der Liebe zum Vaterland und auch zum Herrscher oder auch von unserem allerliebsten Vaterland Russland «, so ist es in ihrer Familie von Generation zu Generation weitergereicht worden und letztlich ins Blut übergegangen.
Und danach kommt sie sofort auf Deutschland zu sprechen, wo sie solche Worte in den letzten siebzig Jahren nicht gehört habe. Naja, entgegne ich ihr, Deutschland habe auch eine ganz spezielle Nachkriegsgeschichte. Sie nickt mir zustimmend zu, es sei ihr wohlbekannt, dennoch meint sie, dass ich viel zu kurz mit meinen Gedanken greife, und rückt in mir das Geschichtsbewusstsein für Deutschland zurecht. Vielleicht hat sie recht? Meine Freundin ist einundneunzig Jahre alt und ich eben vierzig Jahre jünger, vermutlich macht das den Unterschied in der Denkweise und Lebenserfahrung aus. Als Lösung dieses mentalen Disputs bringe ich das Thema auf Tee. Und zumeist wechseln wir zu den Annehmlichkeiten des Lebens und trinken eine, durchweg mehrere Tassen, Tee als sogenannte Friedenspfeife. Doch ihre Ermahnung schwebt im Hintergrund des Raumes weiter.
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