Sie werden mit Recht wissen wollen, wer die Dame ist und auch ich bin. Selbstverständlich ist es nicht nur ihr Recht, Fragen einzufordern, sondern darauf Antworten zu erhalten, die eminent für den Fortgang dieser Geschichte insgesamt sind.
So fange ich mit der alten Dame an. Ihr Name ist Lubow Antonowna Riechmann. Die Riechmanns waren unter Peter dem Großen nach Russland gezogen, wie viele andere Deutsche auch. Zar Peter, der einst selbst ins Ausland gegangen war, benötigte Spezialisten mit verschiedenen Qualifikationen. Baumeister, Künstler, Handwerker, vor allem Wissenschaftler wie auch Offiziere. Sankt Petersburg wurde die neue Hauptstadt des Riesenreiches sowie gleichermaßen zu einem Sammelpunkt der vielen Fremden und entwickelte eine ganz spezielle Ausprägung: International, europäisch wie weltoffen zugleich ausgerichtet.
Doch zuerst zurück zu meiner Freundin Luba. Mittlerweile ist sie 91 Jahre alt und trotz des hohen Alters geistig und physisch voll auf der Höhe. Sie kann es locker mit viel Jüngeren aufnehmen. Sollten sie einmal die Gelegenheit haben, mit ihr eine Partie Schach spielen zu können, werden sie mir sofort beipflichten. Ich tue es nahezu täglich, zumindest immer, wenn ich Zeit und Lust verspüre, und kann deshalb sehr wohl eine zutreffende Einschätzung dazu abgeben. Eine sehr variantenreiche Spielerin ist die alte Dame und vor allem im Endspiel hartnäckig bis zum letzten Bauern. Nun ja, wenn man weiß, wie beliebt dieses Spiel in Russland ist und von jung bis alt gepflegt wird, vermittelt es einen Vorgeschmack, was jeden Gegner wie auch mich erwartet. Aber nicht nur diese Eigenschaft kennzeichnet Luba, was auf Deutsch „Liebe“ bedeutet, sondern etliche weitere dazu, von denen hier im Folgenden noch genug zu hören sein wird.
Nahezu jede Woche überrascht sie mich mit irgendwelchen selbst erklärten Nebensächlichkeiten, die sich sogleich als Gewichtigkeit herausstellen. Es ist ihre vielfältige Bildung, die sie mit einer Leichtigkeit in sich trägt, und die eben nicht wie auswendig gelernt drückt und dementsprechend nicht, wie ein Rucksack an ihr hängt. Manchmal habe ich den Eindruck, als hätte sie zeit ihres Lebens nichts anderes getan, als auf einer Universität verbracht und gelernt zu haben: Geschichte, Religionsphilosophie, Literatur, eigentümlicherweise ist sie auch in den von ihr selbst erklärten verhassten Naturwissenschaften fit. Ballett, Theater und Musik sind grundsätzliche Fähigkeiten der Erziehung, die in ihrer ehemaligen Heimat einen besonderen Status genießen und eben deshalb nicht erwähnenswert sind. Dazu spricht sie mehrere Sprachen fließend: Russisch, Deutsch, Französisch, Italienisch und eingeschränkt auch Spanisch. Englisch schenkt sie keine Beachtung.
»Schau auf die russische Geschichte, dann erklärt sich vieles von selber«, so spricht sie und fügt sogleich an:
»Welche Verbindung besitzt oder besaß Russland zu England: keine Erwähnenswerte! England wurde nicht beachtet. Hingegen zu Deutschland, Frankreich und auch Italien gaben und geben es enge Bindungen. Speziell die Romanows waren mehr Deutsche als Russen. Immer wieder verheirateten sich die russischen Fürsten mit deutschen Prinzessinnen. Das ist, als würdest du Rotwein immer wieder mit Weißwein auffüllen, dann bleibt von der ersten originalen roten Farbe nicht mehr viel übrig. Eine einfache Beobachtung!«, und schon lacht sie auf wie ein junges Mädchen und verjüngt sich zum Verlieben um Jahrzehnte.
Und ich muss eingestehen, das tue ich auch in solchen Momenten. Sie besitzt dann augenblicklich den Zauber der Jugend verbunden mit der Weisheit des Alters. Was für eine unglaubliche Paarung von Eigenschaften! Was für eine Bandbreite des menschlichen Seins fächert sich in ihr und vor mir auf? Symbolisch verneige ich mich vor ihr und in realiter ergreife ich zumeist ihre Hand und deute einen Handkuss an, was sie in der Regel wiederum noch jugendlicher erscheinen lässt. Manchmal errötet sie sogar davon. Häufig gerät darüber das Spiel in Vergessenheit und sie erzählt mir dann immer neue Geschichten aus ihrem reichen Erlebnisschatz, bis wir dann spät abends todmüde auseinandergehen.
Und doch, obwohl wir uns mittlerweile zehn Jahre kennen, gibt sie mir immer wieder neue Rätsel auf. Es betrifft die nahezu Unerschöpflichkeit ihres Lebensinhalts, die stetig Raum für Spekulation bietet. Jedenfalls, wenn ich abends nach solchen Treffen bei mir in der Wohnung sitze, verfalle ich häufig ins Grübeln. Doch eines habe ich mir geschworen, sie nicht weiter ausfragen zu wollen. Es muss aus ihr ungezwungen hervorsprudeln, ansonsten verschließt sie sich sofort und verliert die nächste Zeit kein persönliches Wort mehr aus ihrem Leben. Ich verstehe diese Verhaltungsweise als nachvollziehbar. Schließlich mutet es an, psychisch in jemanden eindringen oder sich zum Durchscheinen vorbringen zu wollen.
Optisch bietet sie eine Vielfalt an Persönlichkeiten an, die ihrer zierlichen Gestalt sehr zupasskommen. Sie ist wandlungsfähig wie ein Model, indem sie dem Reichtum ihrer Garderobe nachkommt. Der Fächer der Charaktere öffnet sich von Zurückhaltung bei sehr schlichter Kleidung bis hin zu auffallender Extravertiertheit bei Theaterkleidung, was sicherlich stets mit einer sogenannten Selbstinszenierung zu tun hat. Fortwährend gibt sie sich sehr diszipliniert, denn es könnte sie ja jemand beobachten, hat sie mir einmal gestanden, selbst wenn es ihr physisch schlecht geht. Ist sie krank, duldet sie keinen Besuch. Nachlässigkeit duldet sie nicht, nicht bei sich wie auch anderen Menschen nicht.
»Doch leider muss der Mensch mit geöffneten Augen auf die Straße gehen. Ich schütze mich durch eine dunkle Sonnenbrille und ansonsten versuche ich die Umgebung nicht wahrzunehmen!«, so spricht sie glaubhaft. Ihr Gang ist straff und aufrecht, was durch hohe Absatzschuhe zusätzlich unterstützt wird.
»Leider nicht mehr so hoch wie früher«, spricht sie damenhaft.
»Bedauerlicherweise spielen meine alten Knochen nicht mehr mit. Ich muss die Absätze mittlerweile auf eine Höhe von etwa sechs Zentimetern reduzieren.« Und man sieht es ihrem leicht wehmütigen Gesichtsausdruck sofort an.
»Guck dir doch die jungen Mädchen an. Die schlurfen nur mit diesen hässlichen Turnschuhen herum. Keine Körperhaltung. Ein krummer Rücken ist die Folge. Naja, ich würde es bei meiner Tochter nicht durchgehen lassen. Disziplin und Körperhaltung zahlen es dir als Erfolg im Leben wie im Beruf zurück. Glaube mir, mein Freund!«, so fährt sie selbstsicher fort.
In der Regel bremse ich sie dann in ihrer Rede aus, weil das nächste von ihr angesprochene Thema mir sehr geläufig ist: Die Schule und zugleich auch ihr Hauptreizthema Bildung. Dann fallen sofort Ausdrücke wie keine Anforderungen nach „Allem und Jedem“, nur Rechte einfordern und keine Pflichten haben et cetera. Auch ich bringe für ihre Ansicht Verständnis auf, obgleich ich der deutlich Jüngere bin. Dennoch meldet sich bei ihr in diesen Situationen ihr echtes Alter. Ich kenne dann den weiteren Verlauf der Diskussion: Früher war alles besser! Was es natürlich nicht war und ich ihr mit Beispielen sofort belegen kann. Sogleich baut sich bildhaft vor mir sofort der Leierkastenmann auf, der sehr schwungvoll an seiner Kurbel dreht und irgendwie immer dieselbe Platte aufgelegt hat. Naja, aber genauso wie ihr Anflug an Erregung bei diesen eminenten Themen hochkommt, findet die Landung in Form von Beruhigung wieder sanft wie bei einem Segelflug statt. Sie ist eben sehr diszipliniert, die alte Dame!
Mittlerweile haben sie meine jung gebliebene, alte Freundin ein wenig besser kennengelernt. Nur ein wenig zwar, denn es wird im Folgenden über sie wie vieles andere zu berichten geben. Doch davon später.
Damit sie auch über mich etwas erfahren, stelle ich mich ihnen vor. Mein Name ist Torben-Maria Jung. Das „Maria“ machte es mir in den ersten zwei Lebensjahrzehnten nicht immer einfach. Einfach ist es, von Aufgeklärtheit zu sprechen, es zu leben, ist viel schwieriger. Und so musste ich mich stets gegen dumme Witze, gegen Intoleranz oder Ignoranz wehren, sowohl in der Schule wie auch an der Universität. Nun verhält es sich so, dass das Leben ein Gottesgeschenk bedeuten soll, jedenfalls hat es der Pastor während des Gottesdienstes immer so formuliert, dennoch ist Diskriminierung das gefühlte Leben. Und dass es hart ist obendrein, vor allem dann, wenn man als sehr junger Mensch sich eben nicht geschickt artikulieren kann, um den Dummen einen Maulkorb zu verpassen, leuchtet vermutlich ein. Mit der Zeit allerdings habe ich mir ein dickes Fell zugelegt und verfahre nach dem Motto meiner Freundin: Verzeihe den Dummen. Sie wissen nicht, was sie reden! Bitte, das soll keine Überheblichkeit, nur Selbstschutz ausdrücken. So viel zu der »Maria« an und in mir.
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