Spitznamen sucht man sich in der Regel nicht selber aus, wie man hier sehen kann. Denn dann hätte ich wahrscheinlich so was wie „Big M.“, „M-Unit“, „M-Mashine“ oder „Cool Move M.“ gewählt, auch wenn ich in der Grundschule mangels Englischkenntnissen keine Ahnung gehabt hätte, was das bedeutete. Spitznamen erhält man meistens durch blöde Situationen.
Zum Beispiel durch Trinkspiele, die in irgendeiner Form aus dem Ruder laufen oder weil einem irgendwas Lustiges oder Peinliches passiert. Und das auch meistens erst im Alter von etwa 16 Jahren. Es hat aber mit ziemlicher Sicherheit irgendwas mit Alkohol und einer Party zu tun. Gehen Sie doch mal die Spitznamen Ihrer Freunde durch.
Einen Kumpel von mir nannten wir nur „Kotzi“. Das muss ich, glaube ich, nicht weiter erklären. Einen anderen nannten wir seit einer Party, bei der ein riesiger Topf Chili auf dem Herd vor sich hin köchelte, nur noch „den Furz“ Also eigentlich „Feuer-Furz“, aber das war zu lang. Darum nur „Furz“. Es wusste eh jeder, was gemeint war. Sie verstehen sicher den Zusammenhang zwischen Chili, Fürzen und Feuer und vor allem ihre chemische Reaktion miteinander.
In der ersten Klasse wurde uns an Hand der Vornamen der Zweck von Silben erklärt. Dazu teilte unsere Klassenlehrerin, Frau Beckert, die Klasse namentlich in Ein-, Zwei- und Dreisilber. Ich stellte fest, dass bei Namen wie Matthias mindestens noch drei andere „Hier“ riefen und wie langweilig außerdem die Namen der anderen waren und ab da war Schlemmi in Ordnung für mich. Es hatte etwas Unverwechselbares.
Da natürlich auch damals schon dem blödesten Erstklässler klar war, dass mehr immer besser als weniger war. Mit dieser Klassifizierung trieb Frau Beckert einen nahezu tödlichen Keil in die Klassengemeinschaft, der bis zum Ende des Schuljahres tief in unserem Fleisch stecken sollte. Drei war besser als zwei oder eine Silbe. Wie Klaus. Ein Ein-Silber. Arme Sau. Oder Jan. Gleiches Schicksal. Alle anderen waren Zwei-Silber. Thorsten, Peter oder Werner und wie sie alle hießen. Die Mädchen waren mindestens Zwei-Silber, meistens aber Drei bis Vier-Silber. Aber wen interessierten damals denn schon die Mädchen? Wir Jungs hatten sogar auch einen Vier-Silber. Cornelius. Der übernahm sozusagen freiwillig und mit Hilfe seiner Eltern, die ihm diesen Namen gaben, die Rolle des Quoten-Außenseiters und war damit zum Verarschen freigegeben. Conni wurde er genannt und wechselte folglich wegen des vermeintlichen Mädchennamens ins Lager der Mädchen über. Ich glaube, er hasste uns deswegen.
Viele Jahre später machte das Gerücht die Runde, er hätte eine Software für die Abrechnung in Büros oder so was in der Art geschrieben und sich mit 35 mit Porsche, Villa und Bomben-Frau in Italien zur Ruhe gesetzt. Wir hassen ihn noch heute dafür.
In der Klasse gab es noch zwei andere Markusse. Einen zweiten k-Markus und einen c-Marcus, der damals schon sehr viel Wert darauf legte, mit „c“ geschrieben zu werden. Drei Markusse. Wie die drei Musketiere. Oder wie die drei Fragezeichen, von Alfred Hitchcock, dessen Bücher wir damals verschlangen. Wobei nicht ganz klar war, wer von uns der etwas pummelige, dafür mit genialem Verstand ausgestattete Justus war, wer das Sportler-Ass Peter und wer Bob, zuständig für Recherche und Archiv. Zumindest schlossen wir aber mal vorsichtshalber wegen unserer Namensgleichheit Freundschaft. Eine Jugendfreundschaft, wie sie wahrscheinlich wirklich nur Jungs in unserem Alter schließen konnten. Und das, obwohl wir beiden k-Markusse Geha-Kinder und Marcus, der mit „c“, ein Pelikan-Kind war. Wer von uns wüsste nicht, dass sich früher ganze Klassengemeinschaften anhand der Füllerwahl entzweien konnten? Mal abgesehen von den blöden Montblanc-Kindern. Wer schrieb denn schon freiwillig mit nem Füller, der wie ein Berg hieß? Wir wussten ja noch nicht mal, wie man das richtig aussprach. Eigentlich waren wir ja eher eine Bande. Jungs in unserem Alter schlossen Banden. So mit Schwur auf die ewig währende Freundschaft, Bandenbuch und all dem. Ich weiß nicht, ob das Ritual, ein Bandenbuch zu führen, bundesweit üblich war, aber in unserer Schule, also, in unserer „Grundschul-Gang-Szene“ war es das jedenfalls. In diesem Bandenbuch, eigentlich nur ein billiges Vokabelheftchen für 50 Pfennig, standen üblicherweise nur die Namen der Bandenmitglieder drin. In unserem Fall der von Markus, Marcus, der mit „c“, und meiner. Bandenführer war der, dem das Bandenbuch gehörte und das war in aller Regel der, der auch an erster Stelle stand. Also Markus. Für den „Winnetou-und-Old-Shatterhand-Arm-aufritzen-und-Blutsbrüderschafts-Schwur“ waren wir zu feige.
Marcus, der mit „c“, vermeintliches Großmaul unserer Bande, schaffte es zwar tatsächlich, sich mit einem unglaublich stumpfen Küchenmesser den Unterarm ein wenig aufzuritzen. Unter unermesslichen Schmerzen presste er sich, ein bis zwei Blutstropfen hervor. Das zumindest glaubten wir aus seinem Mienenspiel herauslesen zu können. Allerdings gab Markus, vermeintlicher Klugscheißer unserer Bande, zu bedenken, dass er sich jetzt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Blutvergiftung zugezogen hätte und nun binnen Wochenfrist sterben würde. Markus und ich nahmen dankend Abstand von dieser Zeremonie.
Natürlich waren wir bewaffnet. Das gehörte sich für eine gute Bande so. Zu unserer Standardbewaffnung gehörte eine Erbsenpistole aus blauem Plastik, mit schwarzem leicht gekrümmten Zusatzmagazin. Die legendäre SEKIDEN Automatik SAP 50, die wahrscheinlich in Thailand von zierlichen Frauenhänden zusammen geklebt wurde. Beim Kauf bekam man eine Ladung Bleikugeln dazu, die heute von vermummten Arbeitern mit schweren Atemschutzgeräten im Sondermüll, mit der Aufschrift „giftig“, entsorgt werden würden. Hatte man sie das erste Mal verschossen, fand man sie in der Regel nicht mehr wieder, weshalb man auf die traditionellen Erbsen umsattelte. Die Trefferquote lag irgendwo zwischen weit daneben und sauweit daneben. Waren die Erbsen etwas unrund und „eckig“, verkanteten sie sich im Lauf, in der Feder des Abschussmechanismus oder schon gleich im Magazin. Im Ernstfall hätte man uns einfach nur mit einer Kastanie bewerfen müssen, um uns zu überrumpeln. Der Treffpunkt unserer Bande war das „Lager“. Einfach nur das „Lager“. Grund dafür, ein Lager zu haben, war die Geschichte „Die Vorstadtkrokodile“. Kennen Sie sicher auch oder? Das Bandenlager der Vorstadtkrokodile war ein hochmodernes Reiheneckhaus, hoch in den Bäumen, in einem Wäldchen, irgendwo am Dortmunder Stadtrand. Aus Mangel an finanziellen Mitteln und sicher auch handwerklichen Fähigkeiten und im Gegensatz zu den Vorstadtkrokodilen, war unser Bandenlager allerdings einfach nur ein Gebüsch am Rande der Bahnlinie Frankfurt – Würzburg.
Unsere kleine Welt, die wir ja mittels großangelegter Bandenkriege beherrschen und an uns reißen wollten, schloss auch den Wald, der direkt hinter unserer Siedlung begann, ein. Ich bin nach der Schule, vollkommen unbeaufsichtigt und stundenlang, mit Freunden im Wald gewesen. Wir haben mit mitgebrachten Äxten und Sägen, aus gefundenen Brettern und Ästen, Baumhäuser und Hütten gebaut. Nur einmal wollten auch wir so eine Hütte für unsere Bande besitzen, wie die Vorstadtkrokodile.
In unserem Wald, so erzählten es sich zumindest die älteren Herrschaften im Ort, gab es früher mal eine kleine Burg, die Kugelburg, von der aus ein Gang existieren sollte, der bis ins weiter unten gelegene Dorf führte. Und der Sage nach sollten sich in diesem geheimen Gang unglaubliche Schätze und Reichtümer verstecken, nach denen wir selbstverständlich gruben. Im Nachhinein glaube ich, dass wir hier im ganzen großen Stil verarscht wurden. Dieser Gang, so wie man ihn uns beschrieben hat, hätte etwa 100 Meter steil, ja fast senkrecht nach unten, unter einer Siedlung, der Autobahn, der Eisenbahn, einem Flüsschen, einem Sportplatz, dem Recycling-Hof, einem Sägewerk und einem Penny-Markt, hindurch führen müssen. Alles in allem wahrscheinlich fünf Kilometer lang. Dass man diesen sagenhaften Gang, beim Bau der Eisenbahn, der Autobahn, des Recycling-Hofes, der Renaturierung des Flüsschens, des Penny-Marktes und des Sportplatzes, wahrscheinlich gefunden hätte, kam uns nicht in den Sinn. Aber zumindest haben wir in den Ferien mindestens eine Woche den Kugelberg umgegraben und hatten was zu tun. Fertig gestellt, haben wir freilich kein einziges dieser „Projekte“. Ist klar. Die erste Wand der Hütte fiel ständig um und nachdem wir in etwa einem Meter Tiefe weder auf einen Gang, noch auf sagenhafte Schätze stießen, erklärten wir auch diese Sache für gescheitert. Aber darum ging es ja auch gar nicht. Wir brauchten keine Hütte und auch keine Schätze. Der gesamte Wald war unsere Hütte und das, was wir dort anfangen konnten, unser Schatz. Wir hatten riesig lange Messer und Streichhölzer dabei, mit denen wir Feuer machten und Kartoffeln brieten, die wir von den Feldern der Bauern stibitzten. Meine Mutter hat uns sogar einmal extra Bratwürstchen mit gegeben. Mein Papa erklärte uns, worauf wir beim Feuer machen zu achten hatten und wie ich mein Messer zu benutzen hatte. Damit war das Thema Verletzungsgefahr für meine Eltern erledigt. Was war das doch für eine unbeschwerte Zeit damals.
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