Was sie allerdings nicht bedachten war, das in aller Regel der Sänger, der Frontmann, dass geilste Stück DNA innerhalb der Band ist. Tja. Und Gitarristen waren unter Instrumentalisten schon immer die coolsten Musiker in einer Band. Also gleich zweimal cool. Eigentlich ganz gute Voraussetzungen für eine Karriere als Rockstar. Zuallererst klärten wir unseren zukünftigen Musikstil, was unsere Probetermine erheblich vereinfachen sollte. Wir wollten am Anfang Lieder aus den 80ern spielen. Ein bisschen unbekanntere Sachen. Später dann, sollten es schon eigene Stücke werden. Wenn man so sah, wer aus den Wogen der NDW als Rockstar hervorging und zumindest einen gewissen nationalen Erfolg erreichte, war es durchaus eine Option, eine internationale Rockstarkarriere anzustreben.
Wir einigten uns auf ein paar Stücke, die wir spielen wollten und jeder hatte die Hausaufgabe, seinen Teil des Liedes bis zur nächsten Probe spielen zu können. Ich setzt mich zu Hause mit meinem Kassettenrecorder und der Gitarre hin, spielte das Lied ein ums andere Mal ab, hörte mir Harmonien, verschiedene Läufe, Solis und den Text heraus und übte das solange, bis ich es ohne Fehler und blind nachspielen konnte. Und wenn ich blind sage, dann meine ich blind, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich hasste diese „Griffbrettglotzer“. Gitarristen, die sich auf der Bühne nicht bewegen und keinen Blickkontakt mit dem Publikum aufnehmen können, da sie aufs Griffbrett schauen müssen, um selber sehen zu können, wie toll sie Gitarre spielen. Gibt’s hunderte davon. Weltklassegitarristen wie Mark Knopfler, Garry Moore, Steve Stevens, Angus Young. Alles Griffbrettglotzer. Aber das ist halt nur meine Philosophie. Muss ja nicht jeder so sehen und machen. Sieht aber halt eben cooler aus, wenn man seinen Krempel spielt, ohne zu schauen, wie es aussieht. Wenn jeder von uns seine Sachen spielen konnte, probten wir dann solange, bis das alles schön zusammen passte und nach unseren damaligen Maßstäben gut klang. Geprobt haben wir anfangs im Büro von Jens´ Vater. Der hatte seine eigene Versicherungsagentur und duldete unsere musikalischen Gehversuche gerne. In seinen jungen Tagen war er selber begeisterter Musiker und noch immer ein richtig guter Hobbymusiker und fand es einfach gut, dass wir zusammen Musik machen wollten. Unseren Drummer, man sagte ja der Coolness wegen nicht Schlagzeuger. Nein, nein, das waren Drummer, so wie der Bassist ein Basser war und Klavierspieler, Keyboarder waren. Amerikanischen Blueslegenden, egal ob an der Gitarre oder am Klavier, gab man ganz gerne so coole Beinamen, wie „Blind“ John Davis, David „Honeyboy“ Edwards oder Bumble Bee Slim. Nur Gitarristen waren Gitarristen. Gene Simmons von Kiss spielte eine E-Gitarre in Form einer monströsen Axt, die auch der Einfachheit halber „The Axe“hieß. Aber selbst das hätte im Fernsehen, bei irgendwelchen Interviews zu Ehren der eigenen Popularität blöd geklungen. Früge Harald Schmidt in seiner Show nach dem gespielten Instrument, würde man antworten: „Ich spiele die Axt, Herr Schmidt.“ Auch „Ich spiele the Axe“, klänge nicht wirklich cooler. Darum blieb es bei Gitarrist. Ich war der Gitarrist. Fertig.
Unser Drummer wurde alsbald, mehr oder weniger freiwillig, durch Frank ersetzt, einem Schulfreund von Jens. Dieter war bei der Bundeswehr und hatte nur noch sehr unregelmäßig Zeit zum Proben und das dann auch nur noch am Wochenende. Das fand wiederum der Vater von Jens, trotz seines Verständnisses für unser steil nach oben gehende Rockstarkarriere, ziemlich blöd. Denn er und seine treue Ehefrau, hätten auch gerne ein ruhiges Wochenende, wofür wir natürlich Verständnis hatten.
Also trat Frank das musikalische Erbe von Dieters dreimonatiger Bandzugehörigkeit an. Ein sehr kleines Erbe, denn musikalisch gesehen, trommelte Frank, Dieter direkt in den Vorhof zur Hölle und nahm uns damit das schlechte Gewissen, ihn ersetzt zu haben. Dieter wusste nämlich bis zu diesem Zeitpunkt noch nichts von seinem Nachfolger. Zu unser aller Beruhigung, nahm er es dann auch, Gott sei Dank, ziemlich sportlich, wünschte uns noch mit den Worten: „Ihr Arschlöcher. Ihr werdet es eh nicht schaffen“, auf seine ganz eigene Art Glück und Erfolg auf dem Weg in die Charts.
Frank kam und sah unser Probebüro. Wild durcheinander gewürfelt standen da die Gesangsboxen auf dem Schrank mit den Kundenordnern, der Gitarrenverstärker neben dem Kopierer und meine Texte lagen auf dem Computer. Ich hätte sie auch ebenso gut als Word-Dokument direkt vom Bildschirm ablesen können: „Es gäbe da eine andere Möglichkeit“, warf Frank ein und eröffnete uns damit die güldene Pforte, um das Mekka der Jung-Musiker zu betreten. Einen eigenen Proberaum. Franks Eltern leiteten ein Unternehmen für Sanitäreinrichtungen in Aschaffenburg. Ein Unternehmen recht fürstlichen Ausmaßes, um genau zu sein. Wegen einer Firmenerweiterung hatten sie ein leer stehendes Gebäude angemietet und genau da durften wir uns einen Proberaum aussuchen. Ein richtig, echter Proberaum nur für uns alleine, den wir uns aussuchen durften? Ja, scheiß doch die Wand an. Hatte man als Hobbymusiker überhaupt das Glück, einen Proberaum zu finden, ging das eher nach dem Motto: „Nimm es, oder lass es.“ Aber wir durften uns einen Raum aussuchen! Eine komplette kleine Gesangsanlage, Mikros, Ständer, Boxen, ein Mischpult, eine Endstufe und das alles hatte Frank vorher in dem Raum stehen, in dem er zu Hause Schlagzeug übte und brachte das als „Einstand“ mit. Das war ein echtes Novum in unserer steil nach oben gehenden Rockstarkarriere. Das waren unsere 72 Jungfrauen und der Durchmarsch in den Himmel zur gleichen Zeit.
Wie alle Frischlinge in der örtlichen, wenn nicht sogar bundesweiten Musikszene, saßen auch wir diesem Märchen auf, einen Proberaum zwecks der besseren Akustik mit diesen unsäglich blöden Eierkartons auskleiden zu müssen. Also machten wir uns daran, den stadtbekannten Eierkartondealer zu kontaktieren, der schnell, günstig und ohne Fragen zu stellen, noch am gleichen Abend lieferte. Am Abend darauf stand die Band, ausgerüstet mit mehreren Rollen doppelseitigem Klebeband, Teppichmessern und noch einigen Styroporplatten in unserem neuen, ziemlich geräumigen Proberaum, um Hunderte von Eierkartons passgenau zuzuschneiden und sie an die nackten Wände zu kleben. Wir schnitten, klebten und pappten an jeden Quadratzentimeter Wand des Raumes Eierkartonteile. Ich würde es ja auf den gleichmäßig steigenden Bierkonsum schieben, aber irgendwann begannen wir wie im Rausch, jeden erreichbaren Winkel des Raumes mit Eierkartons zu bekleben. In jede noch so kleine Ecke quetschten wir einen Eierkarton. Ja, selbst die Heizungsabdeckungen wurden mit Eierkarton beklebt. Was wahrscheinlich zur Folge hätte, dass es im Winter im Proberaum empfindlich kühl, unter der Heizungsabdeckung aber durchaus subtropische Temperaturen herrschen würden. Einen Kasten Bier und neun Rollen Klebeband später, wackelten wir lattenstramm wie zehn Russen, aber durchaus zufrieden mit unserer Leistung nach Hause und freuten uns auf einen perfekten akustischen Hörgenuss bei unserer nächsten Probe.
Und so trafen wir uns zwei Tage später wieder vor dem Proberaum, um unser Liedgut zu perfektionieren. „Vor dem Proberaum“, fragen Sie? Genau. Davor. Ich erklär´s Ihnen:
Wir mussten immer auf Frank warten, da er die Schlüsselgewalt über diesen alten Teil der Firma seines Vaters hatte. So recht wollte Franks Vater uns, diesem „langhaarigen, Stromgitarre spielenden Musikerpack“ noch nicht über den Weg trauen. Darum behielt Frank den Schlüssel bei sich und wir mussten vor dem Proben immer auf unseren „Torwächter“ warten. Noch immer euphorisiert von der „Unser-Proberaum-soll-schöner-werden-Maßnahme“ und zuversichtlich, ob des Sounderlebnisses, welches heute hier auf uns niederprasseln würde, standen wir vor unserem völlig neu gestalteten Proberaum. Aber hier sollte leider nur der Wunsch der Vater dieses schönen Gedankens bleiben. Als wir die Tür aufschlossen, quoll uns ein riesiger Brei aus doppelseitigem Klebeband, Styroporplatten und mühsam auf Maß geschnittenen Eierkartons entgegen. Aber, hallo. Das entsprach ja nun nicht ganz unseren Erwartungen. Wenn man sich diesen Klebeband-Eierkarton-Haufen in unserem Proberaum anschaute, hatte das doppelseitige Klebeband noch nicht mal einseitig geklebt. Natürlich bezichtigten wir uns erst mal gegenseitig der schlechten, unsauberen und im höchsten Maße unprofessionellen Arbeit, um einen Schuldigen für dieses Chaos zu finden. „Das ist voll deine Schuld, du Lauch“, stellten aber dann sehr schnell fest, dass das doppelseitige Klebeband in einem 99-Pfennig-Laden gekauft worden war und irgendwo aus Polen stammte. Dinge auseinander zu bauen hatten die irgendwie besser drauf, wie sie zusammen zu bauen.
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